05
Zur Startseite

Carl Heinrich August Seidel, geboren 1785

Maître de plaisir und Freund

Von Bernd-Ingo Friedrich


An Dichtungen von Heinrich Seidel sind hier zu finden:
"Der Kirchhof" aus den Gedichten (1808)
"Reiselied" aus den Gedichten (1808)
Ein "figürlicher Prolog", Muskauer Wochenblatt (1821)


Der bekanntere Heinrich Friedrich Wilhelm Karl Philipp Georg Eduard Seidel, geboren 1842 in Perlin (Mecklenburg-Schwerin), gestorben 1906 in Groß-Lichterfelde bei Berlin, war Maschinenbau-Ingenieur und Schriftsteller. Als Ingenieur entwarf er die damals in Europa einmalige Hallenkonstruktion des Anhalter Bahnhofs mit einer Spannweite von 62,5 Metern, als Schriftsteller schuf er die bis heute wohl an die halbe Millionen Mal aufgelegten Idyllen des „Leberecht Hühnchen.“ Um ihn handelt es sich hier nicht.

Zu Carl (Karl) Heinrich August Seidel (1785-nach 1836), nach Goedeke (der des öfteren leider sehr oberflächlich recherchiert hat) Karl Traugott Heinrich Seidel, schrieb Leopold Schefers Biograph Wilhelm von Lüdemann: „Inzwischen [1813] war das [Muskauer] Hofgericht am Typhus fast ganz ausgestorben und der Freund fand so Gelegenheit, den Dichter des ‚Johannistages’ und ‚Emma und Eginhards’, Heinrich Seidel, als Secretair des Hofgerichts zu berufen. Das Verhältnis beider Männer wurde denn auch bald ein überaus freundschaftliches. Das Talent Seidel’s für geistreiche Unterhaltungen, die er in großen Kreisen oft ganz allein ausfüllend übernahm, und sein Geschick zur Leitung der kleinen Bühne, auf welcher seine leichteren Stücke höchst befriedigend dargestellt wurden, befestigten dies vertrauliche Verhältniß, das bis zu Seidel’s Tode ungestört waltete, noch mehr.“1

Die vagen Lebensdaten lassen bereits erkennen, daß es zumindest um den Schriftsteller Seidel nicht viel Aufregung gegeben haben kann. Eine um so gewichtigere Rolle kam ihm, auch das deutet die Einleitung schon an, im Amüsierbetrieb des Muskauer Hoflebens zu. Das Kapitel 6 in Leopold Schefers Novelle Die Osternacht vermittelt eine Andeutung davon, mit welchem Aufwand die Zerstreuung der Herrschaften betrieben wurde, treu der Maxime: „Mit nichts Ernsthaftem kann man einem Großen das Herz rühren; die Thränen lieben sie nicht, lachen müssen sie! Lachen müssen wir! Wer sie zum Lachen bringt, der hat einen Stein in ihrem Brette.“2 Auch in Wolffs Aufzeichnungen ist oft von aufwendigen Festbauten, Installationen und Illuminationen zu verschiedensten Anlässen die Rede.

Bettina und Lars Clausen benennen Seidel in ihrer Leopold-Schefer-Soziobiographie als den Autor eines „schwachbrüstigen Bändchen Gedichte“ (gewidmet „Meinen Großeltern.“)3 und die Seele des Muskauer Liebhabertheaters.4

Bei Christian Adolf Pescheck findet sich zu: „... Seidel von Lauban (nach Schulzes Supplementen zu Ottos Lexikon jedoch in Leipzig geboren um 1785) gegenwärtig Hofgerichtsassesor zu Muscau, gab schon als Studirender zu Leipzig ein Bändchen Gedichte heraus, worin tiefes Gefühl sich aussprach und besonders das Gedicht: ‚der Kirchhof’ allgemeinen Beifall fand.“ Dazu findet sich im erwähnten Supplementband zum „Otto“: „...zog mit seinen Eltern als Sechswochenkind nach Lauban, wo sein Vater in der Folge Stadtschreiber war [...] studierte in Lauban und Leipzig und lebte dann als Operndichter in Lauban. Ein Band Gedichte.“ (Wir werden es bald besser wissen.) An anderer Stelle heißt es: „Heinrich Seidel zu Muskau, bereits unter den Lyrikern erwähnt, ist auch als Dramatiker aufgetreten. Ein Singspiel: ‚der Zitterschläger’, war längst in der Zeitung für die elegante Welt abgedruckt und fand viel Beifall. Der Verfasser ist der dramatischen Muse auch treu geblieben und hat 1827 ein Trauerspiel ‚Abdollah’ gegeben, welches auch zweimal auf dem berliner Hoftheater aufgeführt worden ist. Ein neues Werk ist sein ‚Eginhard und Emma’“. Und an wieder anderer Stelle wird mitgeteilt: „Als Dichter von Kinderschauspielen nennen wir noch den schon erwähnten Seidel [...]“5


st seidel art gedichte von heinrich seidel voss 1808 einband      st seidel art gedichte von heinrich seidel voss 1808 titelblatt


Aus Hermann von Pücklers Tutti Frutti (den „Zetteltöpfen eines Unruhigen. Zweite Ziehung“ mit dem Zusatz „Nachsicht für die Nieten!“) ließ sich filtern:

„S..... ist ein Philosoph ganz nach meinem Geschmack, mir recht seelenverwandt. Ich will gleich erklären, wie. Man sagt, daß manche große jüdische Handelshäuser einen Beamten besolden, den sie ‚den Denker’ nennen. Von diesem wird weder eine Ausführung, noch selbst ein durch alle Puncte fortgeführter und vollendeter Plan verlangt, sondern nur neue Ideen, Ansichten; Projecte, Einfälle, mit einem Wort: aus dem Gewöhnlichen Heraustretendes. Zündet eine solche Rakete, so wird andern, bedächtigern, methodischern und gründlichern Geschäftsleuten die fernere Prüfung und Inswerksetzung überlassen.
So ist S..... der Denker unsrer kleinen Cotterie. Eine Schule wird er nicht begründen, ja nicht einmal ein System aufstellen, aber selten unterhalte ich mich mit ihm, ohne einige neue Ansichten zu gewinnen, und manchen Gegenstand in einem ganz andern Licht zu erblicken, als es bisher der Fall war. Noch öfter amüsieren mich bloß seine geistigen Luftsprünge. Heute unterhielten wir uns über dramatische Kunst.
‚Ein dramatisches Kunstwerk’, sagt er, ‚besteht aus drei Dingen: dem Stoff, dem Gegenstande und der Idee. Der Stoff ist die Fabel, der Gegenstand die Entwicklung der Charaktere, die Idee die philosophische Wahrheit, welche man anschaulich machen will. Hier ein hinkendes Beispiel: Ihr Rock nämlich, dramatisch betrachtet. Die Wolle ist der Stoff, das Tuch der Gegenstand, die Idee die Bekleidung.’“

Das nächste Zitat – zugegeben – klingt, so aus dem Zusammenhang gerissen, ein wenig rätselhaft, doch die Konzentration auf das Wesentliche, nämlich den Dichter und Promotor Heinrich Seidel, läßt weitschweifige Erörterungen des konfusen Pücklerschen belletristischen Zweitlings vorläufig nicht zu; wir verlören sonst womöglich ganz den Faden. Also:

„... Sehen Sie nur einmal z.B. den comischen Schornstein da auf dem Hause an. Gibt doch der Herr Leopold [Schefer] dem dummen Teufel von Maurer eine Zeichnung aus einer englischen Landschaft dazu, und was thut der Kerl? er mauert Ihnen den Schatten mit auf! Ja, es gibt wunderliches Volk hier. [...] Wenn aber’s gemeine Volk auch hier zu Lande ein bissel dumm ist, so haben wir desto mehr große Geister unter den Honoratioren [...] da haben wir gleich zwei berühmte Autoren, den Herrn Heinrich, der auch zugleich noch Assessor im Landesgericht ist, und der Ihnen mir nichts dir nichts, heute ein Protokoll über eine gestohlne Gans aufnimmt, und morgen eine Tragödie von Karl dem Großen macht, und dann den Herrn Hermann, der zwar mit den Versen nicht weit her ist, aber Ihnen eine gottlose prosaische Satire schreibt, daß man sich das Zeug nur so aus den Händen reißt.“ Und, um die Verwirrung perfekt zu machen, Band 4, Seite 70: „... Da sind Sie wohl ein Theaterdichter?“ – „O nein, dieß Fach besorgt mein Freund Heinrich und mit glänzendem Erfolg.“6

Hinter der letzten, etwas schnoddrigen Bemerkung, die Pückler dem Alter ego Leopold Schefers in den Mund gelegt hat, verbirgt sich das Geheimnis der Männerfreundschaft zwischen jenem und Seidel; Zitat Clausen/Clausen, S. 407: „Im übrigen, personalpolitisch ganz erfolgreich, sorgt Schefer dafür, daß der Laubaner Jurist [von wegen „Operndichter“!] zum Hofgerichts-Assessor und -Sekretär berufen wird. Dieser Muntermacher entpuppt sich nämlich, zum Unterschied von dem festen Schefer, als Muskaus eigentlicher Hof- und Stadtpoet. Er wird mit witzigen Ideen und Festdichtungen aller Bekenntnisse jahrzehntelang aufwarten, auch das Dilettantentheater leiten und von Pückler öffentlich hoppgenommen werden, so daß Schefer, den Pückler nicht so aufzuziehen wagt, diese Narrencharge mit Anstand schon im Larvenstadium abtritt.“ Clausens merken dazu u. a. an: „Ein jeder dürfte Seidel dafür angreifen, aber doch nicht Der, des Brot er essen muß! [...] Den durchaus nötigen Verweis dafür hat schon Ludolf Wienbarg ausgesprochen (‚Zur neuesten Literatur’, 1835:53-56), und nur dank dieser Programmschrift des Jungen Deutschland ist ‚S.....’ (wenngleich unkenntlich) aufbewahrt und dann und wann wieder mit abgedruckt worden. †)“

An diesem Punkt angelangt, läßt sich nun auch Heinrich Seidels (überliefertes) Œuvre rekonstruieren. Außer den mehrmals bereits genannten Gedichten (1808) und den lediglich angedeuteten Kinder-Gedichten und –Stücken sind dies vor allem die Bühnenwerke „Der Johannistag“, „Emma und Eginhard“, „Abdollah“, „Carl der Große“, „Anton, König von Sachsen“, das Singspiel „Der Zitterschläger“ sowie ein „scenischer Prolog“ für den Fürsten Karl August von Hardenberg. In einem in der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften zu Görlitz aufbewahrten Sammelband ist außerdem erwähnt „M. Seidels, Rect. in Lauban, Hochzeitgedicht, tit. Die Gerechtfertigte Priester-Heyrath“.7

Welches dieser Stücke außer dem „scenischen Prolog“ in Muskau aufgeführt worden sein könnte, ließ sich bisher nicht ermitteln; daß Stücke von August von Kotzebue aufgeführt wurden, bei deren Inszenierung Seidel ganz sicher eine Schlüsselrolle innehatte, geht aus Pücklers sogenannten „Bräutigamsbriefen“ hervor. Angegeben werden darin „Die Organe des Gehirns“, „Die Zerstreuten“, „Max Helfenstein“ und „Die Korsen“.8 (Gut gepaßt hätten sicher auch „Die deutschen Kleinstädter“, ein Lustspiel in vier Akten, in welchem der harmlose Unfall einer Pferdekutsche nach dem Prinzip der stillen Post in Windeseile zu einer veritablen Katastrophe mit vielen Toten und Schwerverletzten wird.)


st seidel art theater sieben raben


Hermann von Pücklers Reisgefährte Dr. August Jäger beschrieb das Muskauer Theater um 1820 rückblickend in Das Leben des Fürsten von Pückler-Muskau. Hier ein Auszug:

„Außer andern Vergnügungen und festlichen Anordnungen, die in ihrer steten Abwechslung von dem geläuterten Geschmack der Festgeber Zeugniß gaben, vergnügte sich das Fürstenpaar in jener Zeit vorzugsweise am Liebhabertheater, der Fürst versuchte sich selbst einmal auf der Bühne und seine nächsten Verwandten, wie viele Andere aus höheren Ständen ahmten ihm nach, oder waren auch schon mit gutem Beispiele ihm vorangegangen. Das in der Nähe des Muskauer Schlosses befindliche Theatergebäude, zwar klein, aber zweckmäßig und nett eingerichtet, begünstigte derartige Unternehmungen, die durch die Vorliebe der Herrschaft und den guten Willen der Theilnehmer, wie durch die geschickte Leitung des auch als Schriftsteller bekannten Hofgerichts-Assesors Seidel sich damals eines gedeihlichen Fortgangs erfreuten. Es ward in jener Periode, praeter propter vor zwanzig Jahren, fast regelmäßig alle Wochen im Muskauer Schloßtheater gespielt. Einstmals sollte ‚die Entführung’ gegeben werden, ein junger Gutsbesitzer aus der Nachbarschaft, v. R., den ersten Liebhaber, den Hofmeister, wenn ich nicht irre, und das Fräulein Helmine von Lanzendorf, nachmalige Frau von Blücher, die liebenswürdige Pflegetochter der Frau Fürstin Pückler, die erste Liebhaberin darstellen.“9

(Es folgt eine Anekdote mit Pücklers Auftritt als Hofmeister anstelle des erkrankten „v. R.“, die wir uns schenken, weil der Fürst auch so schon überall viel zu gut wegkommt; „Wer schreibt, der bleibt“ und – vor allem so, wie er sich’s selber arrangiert.)

Etwas burschikos zwar, doch ebenfalls aus eigener Anschauung, gibt der Anonymus „v. Tr.“ 1838 über die „Muskauer Zustände“ und speziell Seidel sogar Pikantes preis:

„Mehr ein Mann des Volkes – oder vielmehr des Stadtadels von Muskau ist der hiesige Bühnendichter Seidel – ein Fünfzigender, stößig, brünstig – aber immerhin ein Edelhirsch. Freilich wollen ihn die armen Bauern seines Wildschadens wegen nicht recht loben, aber der Fürst hält ihn doch fest und warm. Früher war er, glaub’ ich, Vorsteher des Liebhaberschauspiels, und es soll gut gewesen sein. Leute dazu hat er an den vielen fürstlichen Beamten – dass die Bauern schwarz werden – ich meine vom Kohlebrennen in der großen Heide.“10

Ein anderer „Reisebericht über Muskau“ stammt von Dr. Friedrich Siemerling.

„Ein Mittagsmahl am zweiten Tage, woran der geistreiche Heinrich Seidel, der auch in des Herrn v. Mischlings Geschichte (S. Tutti Frutti) verwebt ist, Theil nahm, endete mit einer Sonate von Mozart, die Schefer und Tochter a quatre mains vortrugen.“ Mehr erfahren wir über Seidel von ihm nicht; die „Mischlingsgeschichte“ bzw. einen Teil davon kennen wir schon. Siemerling machte in seinem Bericht zu Stralsund aber noch eine andere, sehr interessante Mitteilung. (Wir können vom Ab- und Ausschweifen halt so schlecht lassen.)

„Die Fürstin Pückler empfing mich, durch L. Schefer empfohlen, in ihren von orientalischem Luxus und raffinirtem Geschmack fast überladenen prunkenden Gemächern, über deren Plafond der französische Gesandte und jetzige Pair Bresson wohnt.
[...] Der Fürstin ganze Aufmerksamkeit erregte die mir von L. Schefer gemachte Mitteilung, daß der Fürst Pückler nach der Rückkehr von seinem vorletzten Weltgange, alle Litteraten Deutschlands, die sich durch Schriften bereits bekannt gemacht, zu einem in Muskau Statt findenden Congresse durch die öffentlichen Blätter einzuladen und zu einem großartigen Zwecke zu vereinigen beabsichtige, demgemäß ein Jeder nach seiner Sphäre im großen Reiche des Wissens ein Thema erfasse und bearbeite. Jedem mittellosen Gelehrten werden 50 Thlr. Gold zur Deckung der Reisekosten überwiesen werden.
An diesem Congresse, so hoffe ich, werden einige in unserer Mitte lebende Gelehrte lebhaften und durch ihre Reise nach Muskau persönlichen Antheil nehmen. Rüstet Euch Ihr Hochbegabten! Entfesselt Euch von den mikrokosmischen Verbindlichkeiten und nehmt auf ein köstliches Freudenfest Eurer Seele bedacht.“11

Die zweifellos von Leopold Schefer inspirierte Idee hatte hier bereits die typisch Pücklersche (gelinde gesagt: hypertrophe) Ausprägung erfahren. In Deutschland lebten damals an die 20.000 Literaten, von denen man heute noch etwa 10 % kennt, das heißt, aus diesen hätte der Kreis der Erwählten wohl mindestens bestehen sollen; 2.000 Schriftsteller multipliziert mit 50 Goldtalern machten 100.000 Taler plus Verpflegung – also hätte die für den Kongreß aufzubringende Summe die ca. 500.000 Taler Schulden, die zu jener Zeit auf Pücklers Besitz lasteten, um 20 % erhöht – kein geringes Opfer für die Literatur. Vielleicht sind 2.000 prominente Kongreßteilnehmer doch etwas übertrieben viel, aber 200 x 50 = 10.000 Taler hätten es schon sein sollen, ein Klacks für Hermann von Pückler ...

Karl Theodor Friedrich Siemerling (1789-1837), Arzt und Schriftsteller in Neubrandenburg und Stralsund, war auch der lange Zeit unerkannte Verfasser einer Hommage für den Fürsten. Bei seinen Reminiscenzen für Semilasso von Homogalakto handelte es sich nämlich um – offenbar sehr gelungene – Briefe im Stil Pücklers, und so wurden sie kurzerhand diesem zugesprochen. In ihnen werden verschiedenste Gegenstände berührt, u. a. die Seebäder Putbus auf Rügen und Stralsund, eine Hymne auf Rügen, einen Hahnenkampf, die „Wahl einer andern Impfstelle, als der bisher gebräuchlichen“, einen Bioklimakometer (Lebensstufenmesser) einer alten Jungfrau, die Liebeserklärung eines Schacher-Juden, Maskeradengesetze, Aphorismen, Scherzfragen („In welchem Theile von Deutschland sitzt man weder warm noch kalt? In der Lausitz.“) u.a.m.12

Sowohl Schefer (Gedichte 1811), Pückler (Briefe eines Verstorbenen 1830/31) als auch Siemerling (die Reminiszenzen 1837) hatten ihre Erstlinge anonym veröffentlicht, Siemerling den seinen sogar bei Hallberger in Stuttgart, der auch Die Briefe eines Verstorbenen verlegt hatte. Doch während Pückler dafür sorgte, daß man bald wußte, wer der Verfasser der Briefe war (im „Brockhaus“ rätselte man bereits 1833 seiner Urheberschaft nach), teilten Siemerling und Schefer das bittere Schicksal, daß die Resultate ihrer Arbeit kurzerhand den Verdiensten des prominenten Fürsten hinzugerechnet wurden.13

Den Abschluß dieser kleinen Anthologie zu besorgen, überlassen wir zwei Gedichten aus Seidels hübschem kleinen Gedichtbändchen (siehe oben), dem forschen "Reiselied" und „Dem Kirchhof“; von letzterem war anfangs schon etwas zu lesen. Beide sind auf ihre Art recht einfältig, doch nett erdichtet, insbesondere wegen einer hier und da aufblitzenden unfreiwilligen Komik, die ein wenig an den „schlesischen Schwan“ Friederike Kempner denken läßt. Die Lobhudeleien an die Großen (Carl und Anton) verdanken ihre Entstehung der Sorge um’s tägliche Brot und sehen dem entsprechend aus. Wir wollen trotzdem eine Probe davon geben, und zwar aus dem „figürlichen Prolog“ (Wolff) anläßlich des Besuches des Schwiegervaters Pücklers, „Sr. Durchlaucht des Herrn Staats-Canzlers Fürsten von Hardenberg“. – Wäre der Zucker, den man ihm wie den Großen zu allen Zeiten in den Arsch geblasen hat, real gewesen – sie wären alle fett wie Walrösser geworden; oder beizeiten geplatzt.

(04.12.2009.)

Der eingangs nur kurz vorgestellte brandenburgisch-preußische Heinrich Seidel soll nun auch noch mit einer kleinen Dichtung vorgestellt werden, und zwar mit einem Sonett. Seine Prosa ist dafür leider wenig geeignet, ganz einfach: weil sie zu lang ist.

Das Sonett

So recht geeignet ist für spitz verzwickte
Verschnörkelte Ideen die verzwackte
Sonettenform, und für modern befrackte
Gedanken eine wunderbar geschickte.

Und wer von Weisheit nur ein Körnlein pickte
Und von Ide’n nur ein Ideelein packte,
Der zwängt es gerne in die höchst vertrackte
Sonettenhaut, die viel und oft geflickte.

Die Freude dann, wenn ihm das Glück dann glückte
Und schwitzend er sein Nichts zusammenstückte,
Darob er manche Stunde mühsam hockte!

Doch hilft’s ihm nimmer, dass er drückt’ und druckte,
Weil gähnend ob dem künstlichen Produkte
Die Menschheit ruhig einschläft, die verstockte.

(Kulturpixel seit dem 21.10.2012.)


Anmerkungen
1 Lüdemann, W.(ilhelm) von: „Leopold Schefer’s Leben und Werke“. In: Schefer, Leopold: Laienbrevier. 12. Auflage; S. LXVf.
2 Schefer, Leopold: Die Osternacht. Hrsg. Bernd-Ingo Friedrich. Cottbus: Regia Verlag 2007; S. 17.
3 Seidel, Heinrich: Gedichte. Dessau und Leipzig: bei Georg Voß 1808.
4 Clausen, Bettina und Lars: Zu allem fähig. Versuch einer Sozio-Biographie zum Verständnis des Dichters Leopold Schefer. 2 Bde. Frankfurt am Main: Bangert & Metzler 1985; Bd. 2, S. 406-408.
5 „Geschichte der Poesie in der Lausitz von C. A. Pescheck. Gekrönte Preisschrift.“ In: Neues Lausitzisches Magazin. 14. Band. Görlitz 1836; S. 1–62, 97-150 und: Einige Zusätze zu Peschecks G... von Herrn Polizeirath Köhler, S. 209-218; zu Seidel s. S. 23, 100 u. 128.
6 Pückler-Muskau, Hermann Fürst von: Tutti Frutti. Aus den Papieren des Verstorbenen. 5 Bde. Stuttgart: Hallberger’sche Verlagshandlung 1834; Bd. 3, S. 5 u. 4, S. 49f. u. 70.
7 Die/ gerechtfertigte/ Priester-Heirath/ in/ Scherz und Ernst/ poetisch entworffen/ von/ M. Samuel Seideln/, aus Schmölla,/ Der Schule in der Sechsstadt Lauban Rectorn, wie auch der/ deutschen Gesellschaft in Leipzig, und der lateini/schen in Jena Mitgliede./ Lauban,/ Gedruckt bey Nicolaus Schillen o. J. (hs. vermerkt: 1746). In: Sammelband Oberlausitzer Gesänge & Gebete. OLBdW LV 194. Bei dem Verfasser könnte es sich allenfalls um Heinrich Seidels Vater gehandelt haben.
8 Pückler-Muskau, Hermann Fürst von: Briefwechsel und Tagebücher. 9 Bde. Hrsg. Ludmilla Assing-Grimelli. Bern: Neu verlegt bei Herbert Lang 1971; Bd. 4, an versch. Orten.
9 Jäger, August: Das Leben des Fürsten von Pückler-Muskau. Stuttgart: Verlag der J. B. Metzler’schen Buchhandlung 1843. Zitiert nach: edition branitz 4. Hrsg. Stiftung Fürst-Pückler-Museum Park und Schloß Branitz. Cottbus 1995; S. 48.
10 Anonym („v. Tr.“): „Muskauer Zustände.“ In: Der Freihafen. Galerie von Unterhaltungsbildern aus den Kreisen der Literatur, Gesellschaft und Wissenschaft. Zweites Heft. Altona: Johann Friedrich Hammerich 1838; S. 240.
11 Siemerling, Karl Theodor Friedrich: „Reisebericht über Muskau. Von Dr. Fr. Siemerling. († 20. Juli 1837.) Vorgetragen im literarisch-geselligen Verein zu Stralsund am 20. Juni 1837.“ In: Sundine. Neu-Vorpommersches Unterhaltungsblatt nebst einem Beiblatte. (12. Jg.) Stralsund: Königl. Regierungs-Buchdruckerei (Verlag von Wilhelm Hausschildt) 1838; Hefte 44-49, Fortsetzung 2.
12 Derselbe: Reminiscenzen für Semilasso von Homogalakto. Stuttgart: Hallberger’sche Verlagshandlung 1837.
13 Conversationslexikon der neuesten Zeit und Literatur. In vier Bänden. Leipzig: F. A. Brockhaus 1832-34; Bd. 3; S. 675: „Es war nämlich gleich anfangs den meisten Lesern sehr wahrscheinlich, und wird jetzt durch die allgemeine Stimme in Deutschland und England als unzweifelhaft ausgegeben, daß das berühmte Buch ‚Briefe eines Verstorbenen’, von dem zuerst die beiden letzten und dann die beiden ersten Bände (Stuttgart 1830-32) [!] erschienen sind, Niemand anders als den Fürsten P. zum Verfasser habe [...] sollte jene Behauptung sich bestätigen lassen, so unterliegt es keinem Zweifel, daß diese Autorschaft dem Namen des Fürsten von P., zu seinen übrigen Auszeichnungen, auch in der deutschen Literatur einen unvergänglichen Ruhm beschert.“

Kommentare zu diesem Artikel ansehen | Kommentar zu diesem Artikel verfassen

Zur Startseite

Nach oben

made by hsulzer datenbankprogrammierung © 2007