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Leopold Schefer und die Allgemeine/ Neue Deutsche Biographie (ADB/ NDB)

Von Bernd-Ingo Friedrich


Wer meint, er könne mit seinem Buch die Wahrheit verkünden,
bedenkt nicht, daß er den tausend schon vorhandenen Büchern, in denen dasselbe behauptet wird,
lediglich ein weiteres hinzufügt, das die Verwirrung nur vergrößert.


Am 3. Juni 2005 wurde in München der 22. Band der Neuen Deutschen Biographie (NDB), des maßgeblichen historisch-biographischen Lexikons für den deutschen Sprach- und Kulturraum, vorgestellt und mit ihm auch ein neuer, mit Fehlern gespickter Artikel über Leopold Schefer (Muskau 30.07.1784 - 13.02.1862 Muskau). Alle sachlichen Fehler, bis auf einen, hätten allein dadurch vermieden werden können, daß die in dem Artikel angeführten Publikationen von Bettina und Lars Clausen wirklich benutzt worden wären: Daß sich ausgerechnet in deren so überaus akribisch recherchierte Sozio-Biographie Zu allem fähig (Ffm. 1985) das falsche Sterbedatum aus uralten Zeiten wieder einschleichen konnte, hätte bei Vergleichen mit anderen, vor allem mit neueren Veröffentlichungen auffallen und zumindest nachdenklich stimmen müssen. Allen voran wären das die Publikationen des Musikwissenschaftlers Ernst-Jürgen Dreyer gewesen, von denen bis 2003 immerhin schon acht vorlagen, die zumeist auch biographisch Relevantes enthielten; zudem war die Rundfunksendung „Weltfahrt und Gemüsegarten“ ausgestrahlt worden, lag der Eintrag „Schefer“ in Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG) vor, und 2004 – für den Redaktionsschluß der NDB am 1. Juli 2004 möglicherweise zu spät – waren die Ausgewählten Lieder und Gesänge zum Pianoforte erschienen. Tatsächlich fand keine dieser Arbeiten Berücksichtigung.

Zudem erweckt der Text den – selbstverständlich falschen! – Eindruck, als habe es sich bei Leopold Schefer lediglich um ein Anhängsel des Grafen resp. Fürsten Pückler gehandelt. Von dem solitären Philosophen, Dichter und Komponisten, der als einer der ersten deutschen Schriftsteller „vom Ertrag seiner Feder leben“ (Bettina Clausen), ein geräumiges Haus bauen, fünf eigene Kinder und ein verwaistes Patenkind zu gebildeten Menschen erziehen konnte, davon bleibt – zumindest im Text – keine Spur. Auch das wäre bei einigermaßen sorgfältiger Durchsicht der aufgeführten Literatur vermeidbar gewesen.


gatter ndb schefer villa

Hier stimmt auch etwas nicht, denn Muskau liegt seit eh und je in der Oberlausitz


Nach entsprechender Kritik sind in der Online-Version des Artikels wenigstens einige falsche Datierungen korrigiert worden. Die auffallendste Neuerung besteht aber darin, daß von Leopold Schefer als Komponisten, einem – wie Ernst-Jürgen Dreyer herausgearbeitet hat – Robert Schumann und Franz Schubert durchaus ebenbürtigen Liedschöpfer, der sich – im Gegensatz zu jenen – auch seine Texte noch selber schrieb, nun überhaupt keine Rede mehr ist. – Ein Schelm ...


Es folgt eine Übersicht über die sachlichen Mängel des gedruckten Artikels mit entsprechenden Richtigstellungen

Leopold Schefer

„(Ps. Dr. Leopold Bornitz)“ – Schefer benutzte keine Pseudonyme; zu August Leopold Bornitz (1806–1853) s. Wikipedia; „Von Pandira“ (Wallfahrt zu Petrarka’s Grabe, 1841) und „Von einem Hadschi“ (Hafis in Hellas, 1853) stellen lediglich Fiktionen dar.

„† 16.2.1862“ – Schefer starb am 13.2.1862

Angehörige

„Schumann [...] Pfarrer in M.“ – muß heißen: „Pfarrer in Klitten

„5 T[öchter] u.a.“ – Schefer hatte keine „u.a.“-Töchter, sondern nur 4

Biographie/ 1. Absatz

„auf dem Schloß der Familie Pückler-Muskau gemeinsam mit Hermann“ u.s.w. – das Schloß gehörte der Familie Pückler, erst Hermann von Pückler nannte sich „Pückler-Muskau“, aber: 1.) der Unterricht fand bei dem Hofrat Röhde in der Schloßstraße statt 2.) an ihm nahmen 9 Knaben teil, Hermann v. Pückler (ab 1792 in wechselnden Internaten!) nur gelegentlich

„schwärmerische Neigung“ bis „Standesschranken“ – die Beziehung zwischen Schefer und Agnes von Pückler war eine „handfeste“ (!) leidenschaftliche Liebe, für die Agnes’ Bruder (also Graf Hermann von Pückler) selbst die Standesschranken beseitigt hatte, so lange es ihm paßte

„zu seinem Generalbevollmächtigten“ – Schefer diente aus freien Stücken, ohne Vertrag und ohne Gehalt, als General-Inspector (mit weitreichenden Vollmachten); der Generalbevollmächtigte Pücklers hingegen war „standesgemäß“, also von Adel

„Als Muskau preußisch wurde“ – Muskau wurde 1815 preußisch, danach vertrat Schefer den Standesherrn noch ein Jahr lang

„übertrug S. seine Befugnisse an ein Kollegium“ – nur halb wahr: Schefer schuf das Kollegium eigens zu diesem Zweck

„zwei Jahre nach Wien“ – Schefer hielt sich in Wien von März 1816 bis März 1817 auf

„1821 kehrte er nach Muskau zurück“ – Schefer kehrte im Dezember 1819 zurück

„Prinz Friedrich der Niederlande (1845)“ – muß heißen „ (1846) “; die Standesherrschaft Muskau wurde 1845 an zwei adlige Spekulanten verkauft und erst 1846 von dem Prinzen erworben

„verlor er die von seinem Dienstherrn [?] gewährte Leibrente“ – nicht belegbar; Schefer bezog eine Ehrenpension; zum „Dienstherrn“ s. oben

„lebte von Zeitschriften-, Almanach- und Taschenbuchbeiträgen sowie von Zuwendungen der Schillerstiftung“ – falsch! 1.) in dieser Aufzählung fehlen Schefers Bücher (über 50 Bände), vor allem sein Longseller, das Laienbrevier, 2.) es fehlt seine Pension und 3.) die Schillerstiftung unterstützte Schefer erst nach dessen erstem Schlaganfall 1859

Biographie/ 2. Absatz

„Als Schriftsteller trat er“ – (noch anonym) zuerst mit Gedichten hervor

„er komponierte“ – eine allenfalls halbe Oper in Fragmenten, keine Singspiele, über 180 Lieder u.v.m. (s. Dreyer/Friedrich, Das musikalische Werk des Dichters Leopold Schefer, Görlitz 2006)

„und veröffentlichte v.a. kalendarische Gedichtzyklen“ – Schefer veröffentlichte nur einen „kalendarischen Gedichtzyklus“, das Laienbrevier (1834/35), weitere Lehrgedichte erschienen als Gedichtsammlungen

„bis ins 20. Jh. zahlreiche Auflagen“ – nein: „im 19. Jh.“; es waren 19 bei Veit, 1 bei Reclam, 1 bei Hendel; hinzu kommen 1 freie Bearbeitung sowie je 1 englische und polnische Übersetzung (s. auch unten: „Weitere W[erke]“)

„Vom pietistischen Fundamentalismus“ bis Satzende – klangvolles Blech. In den angegebenen Nummern der Evangelischen Kirchenzeitung, herausgegeben von Ernst Wilhelm Hengstenberg, rezensierte der Theologe Johann Peter Lange unter der Überschrift „Bericht über ein pantheistisches Trifolium“ die nachgelassenen Schriften Johann Gottfried Petricks (1834), das Laienbrevier Leopold Schefers (1834/35) und den Vorletzten Weltgang von Semilasso (1835). Er widmete dem Laienbrevier, das er sehr schätzte, viel Raum, übte jedoch verhaltene Kritik an seinem Fundament: „Man muß es innig bedauern, daß Schefer’s Laienbrevier in die Reihe der entschieden pantheistischen Schriften gehört; daß es eine Probe davon abgibt, wie reizend und bezaubernd der Pantheismus wirken kann in dem Gewande, das ihm so besonders wohl steht, im Gewande der Poesie.“

„Seine über 70 Romane und Novellen“ – es sind 61

„die Reiseerlebnisse spiegeln“ – bestenfalls „auch

Weitere W(erke)

„Gedichte [...] hg. v. H. Pückler-Muskau“ – noch „Pückler von Mußkau“ (s. oben: „Schloß der Familie“)

„dass. u. d. T. Kl. lyr. Werke“ – die Kleinen lyrischen Werke sind nicht dasselbe wie die Gedichte

„Gesänge z. d. Pianoforte [...] 1812“ – richtig: „1813

„Laienbrevier [...] 101855“ – besser: „bei Veit & Comp. 191898“ (s. oben: „und veröffentlichte“)

„dass., Nachtrag, 1837“ – tatsächlich: Zur ersten Ausgabe des Laienbrevier von Leopold Schefer. Sprüche, welche in der neuen Ausgabe einige der älteren ersetzt haben. (Für die Besitzer der letzteren besonders abgedruckt.)

„Ausgew. Werke [...] 10 Bde.“ – muß heißen: 12 Bde.

Die Aufzählung ist lückenhaft, selbst wichtige Werke wie die orientalischen Dichtungen fehlen

(Zum Bisherigen auch zu empfehlen: Friedrich, Leopold Schefer – Dichter und Komponist, Görlitz 2005.)

Nachlaß

Der Nachlaß wurde folgendermaßen aufgeteilt: Der größte Teil ging an die Oberlausitzische Bibliothek der Wissenschaften in Görlitz, das Goethe- und Schillerachiv Weimar erhielt bis auf wenige nach Görlitz gelangte Ausnahmen die Musikalien, Einiges ging verloren.

Die Sammlung Varnhagen von Ense enthält eine Reihe bemerkenswerter Briefe, verschiedene Museen und Sammlungen besitzen ebenfalls Briefe, aber keine Nachlaßteile; das sogenannte „Schefer-Archiv Clausen“ besteht hauptsächlich aus Kopien.

L(iteratur)

Hier fehlt merkwürdigerweise der „Goedeke“, das Werk, von dem alle anwesenden Nachschlagewerke profitiert haben ...


gatter ndb schefer korrekturen

... und in „Gedichte“ (Berlin 1811) unter „Verbesserungen“ gefunden: „Geyer, lies: Adler“

(20.12.2011)

Nachtrag: Die Folgen

Sächsische Zeitung
martin stolzenau schefer sz februar 2012

Eine Spalte, 45 (39) Zeilen, sechs Schnitzer.
Eingesandt von Hans Brettschneider, Görlitz.


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