Friedrich Gotthelf Jäsrich: Der Pater und die Nonne
Eine Beichte
(In folgendem Gedicht befinden sich einige fremde Gedanken, denn ich erinnerte mich,
in meiner Jugend ein ähnliches Stück gehört zu haben, welches ich nach meiner Art bearbeitet.)

Nonne. Ach, mich foltert mein Gewissen,
Und mein Herz ist ganz zerrissen;
Darum, mit gebeugtem Knie,
Mein Herr Pater such’ ich Sie.
Pater. Ja, ich will von deinen Sünden,
Schöne Nonne, dich entbinden,
Aber, Tochter, wahr und rein
Muß auch deine Beichte sein.
N. Ich will Ihnen nicht verhehlen,
Sondern alles treu erzählen,
Was ich Sünderin gethan,
Hören Sie mich gütigst an.
Als ich einst in meinem Garten
Meiner Blumen wollte warten
Kam ein junger Herr zu mir,
Schwatzte mir von Liebe für!
P. Das war freilich ein Verbrechen,
Mit dem jungen Mann zu sprechen;
Doch geht deine Schuld noch an,
Wenn du weiter nichts gethan!
N. Leider ich empfand die Triebe
Einer heißen, heißen Liebe,
Und den süßen Augenblick
Wünscht’ ich mir noch oft zurück.
P. Tochter, meide deinen Garten!
Sonst ist mehr noch zu erwarten;
Denn, schon kann ich fast allein
Deine Schuld dir nicht verzeihn!
N. Als ich nun am andern Morgen
War im Garten, ohne Sorgen,
Kam der schöne junge Mann
Wieder unerwartet an.
Zwar ich wollte schnell verschwinden;
Doch er wußte mich zu finden
In der Laube, wo ich stand,
Küßt’ er zärtlich meine Hand;
Dann konnt’ ich nicht widerstreben
Ihm auch manchen Kuß zu geben;
Denn ich wußte ganz und gar
Nicht mehr, daß ich Nonne war.
P. Ha! nun hab’ ich’s schon gespüret;
Du bist ganz und gar verführet,
Tochter, nein, das ist zu toll,
Deiner Sünden Maaß ist voll!
N. Ja, ich konnt’ es kaum erwarten:
Täglich ging ich in den Garten,
Und so zärtlich kam auch dann
Mein Geliebter bei mir an;
Und ich fand an seinem warmen
Herzen und in seinen Armen,
Ach! schon seit geraumer Zeit,
Meine ganze Seligkeit!
P. Weil du, was du Gott versprochen,
Durch den Kloster-Schwur, gebrochen,
Wirst du in den Kirchen-Bann
Wenigstens ein Jahr gethan!
N. Ach! sein Anblick ist so labend!
Und schon manchen schönen Abend,
Ja, auch manche lange Nacht
Hat er bei mir zugebracht.
P. Ha! nun hör’ ich’s, das wird immer
Täglich, stündlich mit dir schlimmer;
Und du hast seit langer Zeit,
Dich der Hölle schon geweiht!
N. Ach, der Rosenkranz und Schleier,
Die mir beide sonst so theuer,
Wurden mir Zeithero fast
Immer mehr und mehr verhaßt.
Ich gesteh’ es: Ich vergesse
Oft das Beten in der Messe
Weil des schönen Jünglings Bild
Ueberall mein Herz erfüllt.
Wenn sich Weyrauch-Wolken heben,
Opfernd um den Altar schweben,
Engel durch die Wolken ziehn,
Ist mein Herz allein bei ihm!
P. Ha! was hört man noch auf Erden!
Gleich sollst du vermauert werden!
Keine Kirchen-Buße kann
Dich erretten und kein Bann.
N. Sollt’ ich denn für meine Sünden
Gar nicht mehr Vergebung finden?
Meine Liebe war so rein,
Als des Himmels Engel seyn.
P. Schweig! beleid’ge meine Ohren
Länger nicht! du bist verloren,
Keine Buße spricht dich los;
Deine Schuld ist allzugroß.
N. Darf ich nicht ein Beispiel geben?
Noch bei meiner Schwester Leben
Kam ein Pater ganz allein
Oft bei meiner Schwester rein.
Zwar, ich durfte sie nicht stören;
Doch, das konnt’ ich deutlich hören,
Daß er in der Nacht sogar
Auch bei meiner Schwester war.
P. Kannst du mir den Pater nennen:
Laß’ ich ihn sogleich verbrennen!
Doch – wenn ist denn das gescheh’n?
Hast du ihn auch selbst gesehn? –
N. Gleich, als Sie in unsern Orden
Waren aufgenommen worden,
Sah ich selbst ihn oft genung;
Denn er war sehr schön und jung! – – –
Einen Ring wird’ ich noch haben
Da sein Name eingegraben
Stehet; denn von ihm empfing
Meine Schwester diesen Ring! – –
P. Da’s in seinem frühern Leben
War, so kann man ihm vergeben:
Denn ein Pater hat, so gut
Als ein And’rer Fleisch und Blut!
N. Lassen Sie sich ferner dienen:
„Dieser Ring – der ist von Ihnen!“ –
Und ich leugn’ es länger nie:
„Der Herr Pater waren Sie!“ – –
P. Schließe deine Beichte, schließe,
Schöne Nonne! sonst vergieße
Ich noch Thränen, gleich wie du;
Sprich mir künftig wieder zu!
N. Wollen Sie mich absolviren?
Oder in den Bann damniren?
Oder was wird sonst daraus?
Wie sieht’s um’s Vermauern aus? – –
P. Tochter, du kannst ruhig leben!
Deine Sünden sind vergeben!
Glaube, gutes schönes Kind,
Daß wir alle Sünder sind!! –
N. Pater! darf man denn im Stillen
Wohl der Liebe Wunsch erfüllen?
P. Ja! – nur muß die Liebe rein,
Ohne Neben-Absicht seyn!
[Die folgenden zwei Strophen] Werden zugleich gesung.
N. Mit der Unschuld reinen Trieben
Will ich Sie, mein Pater, lieben!
Ihnen soll mein Herz allein
Künftig ganz gewidmet seyn.
P. Mit der Unschuld reinen Trieben
Will ich dich hinführo lieben!
Dir nur soll mein Herz allein
Künftig ganz gewidmet seyn.
[Die folgenden zwei Strophen] Beide.
Liebe! selbst von Gott gegeben,
Dir, o Liebe, will ich leben!
Liebe, die mein Herz erfüllt,
Liebe ist des Himmels Bild!
Heilig bleiben mir die Stunden
Da ich dieses Herz gefunden!
Noch im Himmel sag’ ich dir,
Heil’ge Liebe, Dank dafür!!

(26.07.2011)
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