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Noch einmal Hermann von Callenberg

Zwei Nekrologe nebst Anmerkungen

Von Hofrat Roehde und Bernd-Ingo Friedrich


Nachruf auf Graf Hermann von Callenberg in der Lausizischen Monatsschrift von 17951

„4. Mai Mußkau: Hr. George Alexander Heinrich Hermann, des h. Röm. Reichs Graf von Callenberg Herr der freien Standesherrschaft Muskau, wie auch auf Wettesingen und Westheim, Altliebel, Jemliz, Merzdorf und Neudorf, Kursf. Sächß. Geheimer Rath und Kammerherr, des Johanniter-Ordens zu Malta designirter Kommendator zu Lagow, Mitglied der Königl. Akademie der Wissenschaften zu Stokholm und Gothenburg, wie auch zu Florenz, Präsident der Oberlausizischen Gesellschaft der Wissenschaften. Er ward 1744. am 8. Febr. geboren, und war der 2te Sohn weil. Herrn Johann Alexander von Callenberg, Herrn der freien Standesherrschaft Muskau etc. etc. Königl. Pohln. und Kurf. Sächß. Geheimerraths und weil. Frauen Rahel Luise Henrietten, George des 2ten Grafen von Werthern Gräfin Tochter.


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Die großen Talente und Fähigkeiten, welche in seiner Seele lagen, wurden durch eine vortreffliche Erziehung, die er unter den besten und geschiktesten Lehrern, bis in sein 18tes Jahr im väterlichen Hause genoß, aufs herrlichste ausgebildet. Im Monat Juli 1763. ging er nach Genf, wo er die Wissenschaften und Ritterübungen, glüklich, fleißig und mit großem Beifall fast 2 Jahre hindurch trieb. Sodann hielt er sich ein ganzes Jahr in Italien auf, und erwarb sich daselbst Kenntnisse, Liebe, Achtung und Bewunderung. Hierauf bereisete er Frankreich, wurde der königl. Familie vorgestellt, und machte mit den berühmtesten Männern Bekanntschaft und seine Kenntnisse wurden dadurch auf alle Art vervollkommnet. Wiewohl er nun den Plan hatte, von da nach Spanien zu gehen, so nöthigte ihn doch seine Krankheit, die ihn in den südlichen Provinzen Frankreichs überfiel, denselben aufzugeben, und seinen Freund und Arzt Tissot in Lausanne aufzusuchen, welcher ihn von den gefärlichen Folgen eines unvorsichtig geheilten Fiebers glüklich wieder herstellte. Achtzehn Monate hielt er sich daselbst auf, und reiste durch die Schweiz und Oberteutschland ins väterliche Haus zurük, wo er froh empfangen ward, und die väterliche Einwilligung bekam, um die Gräfin De la Chaux Montauban de la Tour du Pin, aus einem der vornehmsten Geschlechter des Delfinats zur Gemalin anzuhalten. Ein in jedem Betracht vergnügter, glüklicher aber sehr kurzer Ehestand von 20 Monaten. Sie gebahr ihm eine Tochter, die gegenwärtige Herrin der freien Standesherrschaft, einen Sohn Hermann, der aber im 10ten Monate ebenfalls seiner Frau Mutter in die Ewigkeit nachfolgte. Um seinen Schmerz über den Tod der geliebten Gemalin zu zerstreuen, reiste er nach Schweden, und wurde auch zuvor in Dresden zum Departement der ausländischen Geschäfte bei der Gesandtschaft verpflichtet – Reiner Patriotismus war Ursache, daß er die schmeichelhaften Anerbietungen des Königs in Schweden Gustav des 2ten nicht annahm, und zu seinem hochbetagten Vater zurükkehrte. – Dieser trat ihm im Anfange des 1774sten Jares die Standesherrschaft ab, und er konnte nun seine Neigung, alles was er im Stande wäre, zum Wohl seiner Unterthanen zu thun, desto mehr befriedigen. – 1773. vermählte er sich zum zweitenmale mit Fräul. Marianen Wilhelminen Eleonoren von Örzen zweiten Tochter des fürs Vaterland gestorbnen Helden des Preuß. General-Majors Herrn von Örzen, in welcher Verbindung er 20 Jar glüklich, aber Kinderlos lebte. Da er stets an seinem eigenen Körper die Schwäche und Unvollkommenheit des menschlichen Lebens gewahr ward, und für seine einzige Gräfin Tochter die zärtlichste väterliche Fürsorge hatte, so wurde er dadurch bewogen, derselben mit Anfange des Jares 1785. die Herrschaft zu übergeben, als er sie zuvor mit dem gegenwärtig mitregierenden Herrn Ludwig Karl Hans Erdmann Reichsgrafen von Pükler, Freiherrn von Godiz vermählt hatte. – Aus dieser Ehe hatte er das Vergnügen 5 Enkel zu sehen, wovon der eine ihm in die Ewigkeit vorangegangen. Nun brachte er, befreit von öffentlichen Geschäften, Sein folgendes Leben in filosofischer Muse, und mit unterschiedenen, in den Jaren 1785. bis 1788. theils zur Wiederherstellung seiner schwachen Gesundheit, theils zu noch mehrerer Vervollkommnung seiner Kenntnisse unternommenen Reisen zu, und war der Trost und Stüze der Armen. Drükend waren vorzüglich seine lezten Lebenstage bei den empfindsamsten Schmerzen, bis ihn endlich die Vorsehung am 4ten d. M. Nachmittags halb 5 Uhr durch gänzliche Entkräftung zu einem glüklichen Leben abrief. nachdem die Zeit seiner Wallfart 51 Jar 2 M. 3 Wochen und 5 Tage gewesen war. Er wurde am 10. Mai Abends um 8 Uhr standesmäßig und mit einer zahlreichen Begleitung in die teutsche Kirche gebracht; und alsdann in der Wendischen Kirche, deren Stifter und Beförderer er war, beigesezt. Vor dem Zug gieng Musik. In der Kirche wurden Arien von Klopstok gesungen. Das Trauren und Wehklagen war allgemein, und seine Wohlthätigkeit erstrekt sich über alle Diener, und Armen. Die vortreffliche Wittwe genehmigte nicht nur alle Seine wohlthätige Verordnungen, sondern giebt Ihnen noch durch eigne edelmüthige Grosmuth und Güte einen neuen Glanz und Zuwachs. Bei der O. L. Gesellschaft übernahm er am 21. Aug. 1780. das Präsidium, und diese wird nie vergessen, daß sie seiner Thätigkeit und seinem Geiste ihre Fortdauer verdankt. – Sit Tibi terra leuis!2


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Die Anfangstakte einer Komposition des Grafen Hermann von Callenberg.


Nichts Schlechtes über die Toten! Von 51 Lebensjahren hatte der Graf immerhin elf seine Standesherrschaft regiert, und in den 15 Jahren seiner Präsidentschaft in der OLGdW hatte er immerhin fast neun Jahre lang darüber gewacht, daß ihm keiner über den Kopf wuchs.


„Denkschrift auf den Präsidenten der Gesellschaft, Herrn George Alexander Heinrich Herrmann, Reichsgrafen von Callenberg.“

Zur Tätigkeit des Grafen als Präsident der OLGdW sollen hier dennoch einige – rechtens – relativierende Anmerkungen folgen. Zunächst zwei Auszüge aus der mit „Multis Ille bonis flebilis occidit. Hor. Od. XXIV“3 überschriebenen „Denkschrift auf den Präsidenten [...]“4 des Mitgliedes Johann Justus Röhde:

Im ersten (S. 133f.) beschreibt der Hofrat die glänzenden Anlagen des Jünglings Callenberg:

„Die Natur hatte ihn mit einem biegsamen und schön gebildeten Körper, einer edlen, ausdrucksvollen, reizenden Gesichtsbildung beschenkt; sie hatte Ihn mit einem vortrefflichen schnellen und dauerhaften Gedächtnisse und einem bewunderungswürdigen Scharfblike und durchdringender Beurtheilungskraft begabt. Ein feines Gefühl und Geschmak für alles Schöne, ein theilnehmendes Herz, Annehmlichkeit im Ausdruke; Gefälligkeit im Umgange machten Ihn zum Muster edler Jünglinge. Denken wir uns zu diesen Vorzügen seine unbegränzte Wißbegierde, seinen Eifer und sein rastloses Bestreben alles zu lernen, wozu ihm die väterliche Fürsorge, sein Stand und die Umstände die erwünschteste Gelegenheit verschafften; so dürfen wir voraus vermuthen, daß Er ein ausgezeichneter Mann werden muß.“

Im zweiten (S. 149f.) überhöht Röhde die Rolle des Grafen entsprechend seiner eigenen Rolle am Muskauer Miniatur-Hof.

„Es hatten schon seit einigen Jahren mehrere patriotischen Gelehrten in der Oberlausitz in eine Gesellschaft sich vereinigt, die vaterländische Geschichte, Altertümer und Topographie zu bearbeiten; aber Ihm schien bald dieser Plan zu eingeschränkt, und seinem menschenfreundlichen Herzen an ersprieslichen Folgen nicht fruchtbar genug. Er dehnte ihn nun auf alles aus, was seinem Vaterlande nützlich werden konnte [...] Wie eifrig, wie thätig nahm Er nicht an der Fortdauer und an den Fortschritten dieser Gesellschaft Antheil? Er ward, als sie einige Jahre hindurch unthätig blieb, aufs neue gleichsam ihr Stifter, Beförderer und Mitarbeiter, und durch seine Einsichten, Fleiß und Geschäftigkeit verdiente er ihr Präsident zu sein.“

Die Präsidentschaft Callenbergs in der OLGdW war von dem Muskauer Superintendenten Vogel, einem der 20 Gründungsmitglieder, arrangiert worden. Callenberg sorgte sofort für klare Fronten: Er oben, alle anderen unten. Er untermauerte seinen Anspruch mit einem Betrag von 10 Talern als Preis für eine von ihm formulierte und zu bewertende Preisaufgabe – zu wenig zwar für einen seidenen Strumpf, doch immerhin dem Monatsgehalt eines Schulrektors entsprechend – und stellte damit klar, auf welcher Grundlage er seine Vorzugsstellung zu behaupten gedachte. Seine Forderungen waren.

(1) Die Preisfrage solle in der Monatsschrift der Gesellschaft und in auswärtigen gelehrten Zeitschriften veröffentlicht werden [...]
(2) Der Präsident werde in Zukunft Personen seines Vertrauens zu Mitgliedern der Gesellschaft machen, wozu keine Abstimmung nötig sei [...]
(3) Die bisherigen Statuten müßten nach Callenbergs Vorstellungen gekürzt und verändert werden.
(4) In Zukunft wird die Angewohnheit abgeschafft, am Ende jeder Versammlung freiwillige Spenden einzusammeln, statt dessen gibt jedes Mitglied ein Eintrittsgeld [...]
(5) Callenberg werde beim sächsischen Hof für kurfürstliche Anerkennung sorgen
(6) Die Versammlungstermine sollten sich ab sofort nicht mehr nach den Görlitzer Markttagen, sondern nach den [von ihm wahrzunehmenden] Oberlausitzer Landtagen [in Bautzen] richten [...]5

Die Preisfrage Callenbergs lautete: „Worinnen bestehen die hauptsächlichsten Mängel der Erziehung des Landvolkes in der Oberlausitz? Und wie können dieselben gehoben, wie kann die Erziehung ohne Anlegung neuer kostbarer [!] Anstalten, durch das Beyspiel und das Mitwürcken der Eltern, Beschäftigung der Jugend, Bemühungen der Schulmeister, Theilnehmung der Pfarrer und Einfluß der Obrigkeit reformirt werden?“

Als die Preisschriften und vor allem ihre Diskussion nicht die von ihm gewünschte Richtung nahmen, nämlich in eine Grundsatzdiskussion zu Fragen der Leibeigenschaft „ausarteten“ (vgl. schefer.kulturpixel.de),6 entzog er den Provinzialblättern seine Unterstützung, so daß sie ihr Erscheinen einstellen mußten.7 Er selbst stellte seinen Vorsitz zur Verfügung und begab sich auf eine längere Reise. Die Arbeit der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften kam für sechs Jahre zum Erliegen. In der Festschrift 150 Jahre Oberlausitzer Gesellschaft der Wissenschaften 1779–1929 wurde dazu vermerkt: „1784–1790. Erschlaffung und Ruhe der Bestrebungen.“8

(18.02.2011)

Anmerkungen
1 Lausizische Monatsschrift 1795; S. 310-314.
2 Lat. Sit Tibi terra leuis: Möge dir die Erde leicht sein.
3 Lat. Multis Ille bonis flebilis occidit: Vielen Guten nötigt dein Tod Tränen ab.
4 Anonym: „Denkschrift auf den Präsidenten der Gesellschaft, Herrn George Alexander Heinrich Herrmann, Reichsgrafen von Callenberg.“ In: Lausizische Monatsschrift 1795; S. 129-159.
5 Unter Weglassung der Kommentare zitiert nach: Orphal, Horst: „Die Frondienste der Bauern und oekonomische Reformpläne in der Gründungsgeschichte der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften (1779-1806).“ In: Sächsische Heimatblätter 30 (1984) 2. Hrsg. Kulturbund der DDR. Bautzen 1984.
6 Ausgelöst wurde sie durch die unter der Nr. 12 registrierte, bei der Preisverteilung als zweitbeste eingestufte Einsendung des Leipziger Ökonomieprofessors und Mitgliedes der Gesellschaft, Nathanael Gottfried Leske. Sie trug den lapidaren Titel: „Kurzgefaßte Beantwortung der die Erziehung des Landvolkes in der Oberlausitz betr. Preißaufgabe.“ In: Provinzialblätter 1782, S. 35-54 (s. dazu Anm. 7). Darin erklärte er die „Freilassung der Leibeigenen“ (sic!) zur Grundbedingung für „das gemeinschaftliche Wol“.
7 Die Provinzialblätter oder Sammlungen zur Geschichte, Naturkunde, Moral und anderen Wissenschaften waren das erste Publikationsorgan der Gesellschaft und sollten monatlich erscheinen.
8 150 Jahre Oberlausitzer Gesellschaft der Wissenschaften 1779–1929. Görlitz, im Verlage der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften. Wegweiser 1779–1928. Von dem Sekretär Dr. Jecht. [...] Sonderdruck aus dem Neuen Lausitzischen Magazin Bd. 105 (1929); S. 3.

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