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Giovanni Carlo Concialini (1742-1812)

Ein singender Freimaurer in Muskau

Von Bernd-Ingo Friedrich


Wer in den Standardwerken nach Carlo Concialini sucht, wird zumeist enttäuscht. Im „Brockhaus“ von 1809 heißt es beispielsweise lakonisch: „Giovanni Carlo Concialini, geb. zu Siena, der erste Sopranist bei der ersten Oper zu Berlin, welche er seit 1765 nie wieder verlassen hat. Er wird allgemein für den größten und rührendsten Adagiosänger gehalten.“1 In der Allgemeinen Deutschen Biographie taucht er im Zusammenhang mit Johann Friedrich Reichardt auf: „Die hervorragendsten Opernkräfte waren um diese Zeit der Castrat Concialini und Jungfer Gertrude Schmehling, beide vorzügliche Künstler, die für die Berliner Oper eine letzte Glanzzeit heraufbeschworen.“2 Ein Autograph und ein Exlibris Concialinis von 1777 finden sich im sogenannten „Stern-Katalog“ der Varnhagen von Enseschen Sammlungen verzeichnet.3

Ein mit Hilfe von Dr. Karlheinz Gerlach, Berlin, zusammengepuzzeltes Bild zeigt folgende Konturen: Friedrich II. engagierte den 1742 in Siena geborenen Kastraten als ersten Sopran an die königliche (italienische) Oper in Berlin. Er war nicht nur einer der großen Sänger des 18. Jahrhunderts, sondern auch einer der namhaften von mehr als 4.000 Freimaurern, die es im Zeitraum von 1740 bis 1806 in Berlin gab. Im Jahr seines Berliner Engagements ließ er sich in die Freimaurerloge „L’amitié“ aufnehmen, was für einen Kastraten damals keine Selbstverständlichkeit war. 1812 floh er angeblich vor Napoleon zum Fürsten Pückler nach Muskau, in dessen Schloß er am 25. Oktober starb. Obwohl Concialini ein sehr erregbarer, leicht in Panik zu versetzender Mann war – sicherlich Folgen seines Berufs sowie seiner Verstümmelung – ist nicht recht glaubhaft, daß er vor Napoleon floh, denn er gehörte einer Loge an, die bis 1798 „französisch arbeitete“. Andererseits stand er dem preußischen Hof nahe: Er gründete in Charlottenburg, wo er ein Sommerhaus besaß, die Loge „Luise“, so genannt nach der Königin. Wann und wie er Pückler kennenlernte und warum er sich 1812 gerade bei ihm aufhielt, war bislang nicht aufzuklären.

Einige Spuren führen jedoch zum Großvater des Fürsten Pückler mütterlicherseits, zum musisch vielseitig gebildeten Reichsgrafen Hermann von Callenberg. Die „Merckwürdigen Begebenheiten“ etc. die der langjährige Muskauer Schloßsekretär Ludewig Traugott Heinrich Wolff hinterließ,4 enthalten einen Eintrag, der die frühzeitige Bekanntschaft mit dem Muskauer Standesherrn dokumentiert:

„1781. 17. Sept. bey Anwesenheit verschiedener Freunde d. H. Standesherrn, des Landeshauptmann v. Carlowitz nebst Gemahlin und Kindern, der Fr. Geh.Räthin v. Maxin, Fräulein von Könitz, KammerSänger Consialin, Amtmann Beck und seines Bruders, veranstaltete d. H. Graf einen Masken Ball wozu er Anzüge und Vorstellung der französischen Kartenmänner wählte und selbst die Masce des Coeur Königs trug und die Quadrille selbst aufführte und den Freunden folgende Verse in die Hand gab.“ Der Charakter der Notiz läßt außerdem vermuten, daß Concialinis Verhältnis zum Muskauer Hof über eine bloße Bekanntschaft hinausging; ebenso ist anzunehmen, daß er gelegentlich einen Beitrag zur Unterhaltung der Gesellschaft leistete. (S. unten: Nachtrag v. 08.10.2010.)


concialini francois puget musicians lully 1687


Im Zusammenhang mit einer Kollekte für den Aufbau der wendischen Kirche in Muskau 1782 (die Grundsteinlegung war am 4.4.1781 zelebriert worden) taucht in der Pückler-Sekundärliteratur eine weitere Namensvariante auf: „Der in Muskau zufällig anwesende Sänger Concialliari [sic!] gab 10 Taler.“5 Auch diese Mitteilung deutet auf regelmäßige Besuche und eine gewisse Vertrautheit mit den Muskauer Verhältnissen hin. (Zu den Feierlichkeiten aus Anlaß der Grundsteinlegung, bei der der Maurermeister Gottlieb Bellmann, Vater des Komponisten, Cellisten, Organisten und Dirigenten Carl (auch Karl) Gottlieb Bellmann, eine tragende Rolle spielen durfte, gibt es übrigens interessante Berichte in Arnim/Boelcke, Muskau, Frankfurt und Berlin 1992, und in den schon oft genannten zwei Bänden Clausen/Clausen, Zu allem fähig, Stuttgart 1985.)

Wiederum bei Wolff findet sich auch Concialinis Tod verzeichnet: „1812. 25. Octbr. starb der K. Preuß. Kammersänger H. Concialini allhier im Schloß bey einem Besuchaufenthalt, und ward den 27ten allhier aufm Kirchhofe beerdigt.“ Concialinis Grabstelle ist nicht mehr vorhanden. Bestattet wurde der Katholik jedoch ganz sicher auf dem protestantischen Muskauer Friedhof.

Eine Verbindung Concialinis mit Muskau und den Callenbergern, oder auch anderen Personen, über die Freimaurerei anzunehmen, liegt zwar nahe, doch Hermann von Callenberg gehörte offenbar keiner Freimaurerloge an. In der Matrikel der ältesten, 1764 gegründeten Görlitzer Loge „Zur gekrönten Schlange“, der auch Karl Gottlob Anton und Adolf Traugott von Gersdorf, die Gründer der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften zu Görlitz angehörten (deren Vorsitzender wiederum von 1780 bis zu seinem Tode 1795 Hermann von Callenberg war) ist sein Name nicht enthalten. Auch die Cottbuser und Bautzener Matrikeln verzeichnen ihn nicht.

Einschub: In Görlitz gab es drei Freimaurerlogen: Die bereits vorgestellte Loge „Zur gekrönten Schlange“, zuletzt mit dem „Wartburghaus“ in der Johannes-Wüsten-Straße; die 1895 gegründete Loge „Zur Morgenröte“ mit Sitz in der James-von-Moltke-Straße, und die 1911 erst verzeichnete Loge „Carl Wiebe zum ewigen Licht“ im „Humboldthaus“ am Demianiplatz. 1935 wurden die Freimaurer in Deutschland verboten. Neugründungen erfolgten erst nach 1990, in Görlitz 1997. In Muskau gab es nur das Freimaurerkränzchen „Zur Hermannseiche“, gegründet ca. 1880/90. Es wurde von der Görlitzer Loge „Zur gekrönten Schlange“ betreut.6

Zurück zu Carlo Concialini. Karl Ditters von Dittersdorf hat in seiner Lebensbeschreibung, aus der hier gleich ein längerer Abschnitt zitiert wird, eine Anekdote überliefert, in der Concialini den komischen Helden wider Willen spielt.

„Nachdem ich [Dittersdorf] zehn bis zwölf Tage in Berlin geräuschvoll durchlebt hatte, geriet ich auf die Spekulation, mein Oratorium: Hiob noch vor der Abreise der Erbstatthalterin zu meinem Benefiz zu geben. Reichardt billigte diese Idee nicht allein, sondern gab mir auch die gehörige Instruktion dazu und war so gütig, mir dabei hülfreiche Hand zu bieten. Zufolge seiner Instruktion schrieb ich durch die Post an den König, bat um die Erlaubnis und die Hofsänger und Hofkapelle und schlug zugleich zum Platze der Aufführung entweder die Garnison- oder die Schloßkirche vor. Am andern Morgen hatte ich Antwort vom König. Der Monarch gab mir die Erlaubnis, akkordierte mir die ganze Kapelle, erklärte aber, daß er gern sehen würde, wenn ich statt der vorgeschlagenen Kirchen das Nationaltheater wählen wolle.

Nun schien mir aber dies Theater in allem Betracht nicht Raum genug zur Ausführung meines Plans zu haben. Ich wagte es daher, noch einmal an den König zu schreiben und zu bitten, daß es mir erlaubt werden möchte, mein Oratorium im großen königlichen Opernhause geben zu dürfen. Der gnädige Monarch antwortete mir hierauf, daß, obschon so eine Erlaubnis noch niemandem erteilt worden sei, auch außer mir in Zukunft niemand dieselbe erhalten würde, er dennoch meine Bitte akkordiere. Ich hätte mich dieserhalb bei dem Directeur des spectacles, Baron von der Reck, zu melden, an den bereits die Ordre erlassen wäre, mir in allem und jedem beizustehen.

Während ich mit den Anstalten dazu beschäftigt war, wobei mir Reichardt treulich beistand, bekam ich die zwei großen italienischen Opern: Medea und Protesilao, und zwar jede zweimal, zu sehen und zu hören. Ich vermute daher, daß man begierig sein wird, mein Urteil darüber zu vernehmen. Ich will es auch gerade und freimütig heraussagen und nur vorläufig melden, daß beide Opern schon vor einem Jahre aufgeführt gewesen waren und jetzt nur wiederholt wurden.

Die erste war Medea, wozu der chursächsische Kapellmeister, Herr Naumann, die Musik gesetzt hatte. Die Musik war eines Naumanns würdig; weder Kunst noch Fleiß waren dabei gespart. Doch – so kurz der Komponist sich auch hatte fassen wollen, so dauerte die Oper doch volle sechs Stunden. Ein unverzeihlicher Fehler des Dichters, der dadurch nicht allein sich selbst Schaden tut und das Publikum, das unendlich sich dabei ennuyieren muß, martert und quält, sondern auch den besten Komponisten dabei sakrifiziert. Denn wer ist wohl im Stande, sechs Stunden hintereinander Musik zu hören, und wenn sie aus dem Olymp käme! So sehr also meine Forschbegierde gespannt war, so kamen mir doch, nachdem meine Geduld bereits vier Stunden ausgehalten hatte, die letzten zwei Stunden sehr sauer an, und es dünkte mich, bei dem Hochzeitsmahle eines reichen Bürgers zu sitzen, bei welchem, nachdem man schon von zwanzig Speisen gegessen hat, erst noch zuletzt zehnerlei Braten aufgetragen werden. Selbst bei den Sängern und beim Orchester bemerkte ich in den letzten Stunden Abspannung und Schlaffheit, ja selbst, statt dem so lobenswürdigen Ensemble, eine Unrichtigkeit, die nicht aus Mangel der Kunst, sondern aus Ekel und Widerwillen entstanden zu sein schien.

Madame Todi und Sign. Concialini, die die ersten Rollen spielten, zeichneten sich im Gesang und Vortrag sehr aus. Die Chöre wurden wider mein Vermuten sehr gut gesungen und im vollkommenen italienischen Akzent deklamiert. Herr Balletmeister Lauchery hatte sich in Erfindung und Anordnung der Ballette sehr distinguiert. Alle Solotänzer und Tänzerinnen, worunter ich, da mir die Namen der übrigen entfallen, nur Demoiselle Redtwein (jetzige Mad. Cloose) und Demoiselle Meroni aushebe, waren Meister in ihrer Kunst. Die Dekorationen von Herrn Verona entsprachen seinem vorzüglichen Talent; insonderheit aber nahm sich die Dekoration in dem Ballet, wo die Sibylle die Medea in die Zukunft blicken läßt (das ganze Ballet wurde hinter einem Schleier, der vor der einen Kulisse gleich einem Vorhang gezogen war, getanzt), sehr gut aus, weil man dieses Ballet gleichsam durch einen dünnen Nebel sah. Dafür waren aber einige Vorstellungen, z.B. die Stiere, die das Feld pflügten und Feuer aus den Nasenlöchern sprühten, so albern und läppisch, daß sie nicht einmal für ein Marionettentheater getaugt hätten. Eine besonders jämmerliche Personage aber war der Drache, der das Goldene Vlies bewachte. Überdem so beging noch Concialini, der den Jason spielte, den Unverstand, daß er diesen miserabeln Drachen, den er erlegen sollte, mit der Fläche seines Schwertes einigemal auf den von Pappendeckel gemachten Ranzen schlug, welches gerade so klatschte als jene Hiebe, die die komischen Karoussellritter in Schloßhof bei dem Bacchantenfeste von den ausgestopften Satyren empfingen. Mein Ekel hierüber war so groß, daß ich mich vergaß und ‚pfui’! rief. Madame Rietz sahe sich um und sagte: ‚Ooch ich finde diese Aktion sehr jarstig. Ich werde ihm aber morgendes Tages sagen, daß en Kunstrichter von Jewicht diese Bemerkung jemacht, und ich repondiere Ihnen, daß er janz jewiß seine Aktion ändern wird; denn er is mein Hausfreind un nimmt jerne juten Rat von mir an.’“7

In einem Artikel über Händelinterpreten in italienischer Sprache kommen Einzelheiten aus Concialinis Leben ebenfalls anekdotenreich, doch offensichtlich verzerrt durch bösartigen Klatsch zu Sprache. Eingeflossen sind in diesen Artikel auch Teile der Dittersdorfschen Erinnerungen. Der Lösung des Rätsels, in welchem Verhältnis Concialini zu Pückler stand und warum er zum Sterben ausgerechnet nach Muskau kam, bringt uns dieser Artikel allerdings auch nicht näher.

„Er wurde 1744 [recte 1742] in Siena geboren und gab, nachdem er sich dem Eingriff unterzogen hatte, in Venedig sein Debüt.

1762 wurde er in München engagiert. Eine Münchener Zeitung schrieb mitleidslos: ‚Nachdem er jede Art von Betrügerei und Verbrechen begangen hatte, ist Carlo Concialini entwischt - man weiß nicht, wohin.’ Niemand in der bayerischen Hauptstadt wußte, was aus dem berühmten Kastraten geworden war.

Ab 1765 treffen wir den Sänger in Berlin an, im Dienst Friedrichs des Großen, wo er in der Oper ‚Achille in Sciro’ von Johann Friedrich Agricola debütiert hatte, die zur Hochzeit des Prinzen Friedrich Wilhelm, eines Neffen Friedrichs des Großen, aufgeführt worden war. Concialini war so erfolgreich, daß sein Honorar die beträchtliche Summe von 3.000 Talern betrug und er einen Vertrag abschließen konnte, der ihm über diese Vergütung hinaus auch noch eine Rente garantierte. In kürzester Zeit war er der prominenteste und beliebteste Sänger Berlins. Um diesen Beliebtheitsgrad zu erhalten und noch zu erhöhen, griff Concialini auf effektvolle Unterfangen zurück: zum Beispiel berichtet Nikolaus Forkel, der Sänger habe seine Großzügigkeit öffentlich demonstriert, indem er am 14. Oktober 1777 ein Konzert zugunsten einer unglücklichen Witwe mit vier Kindern gegeben habe. Beim Konzert sei die Kapelle überfüllt gewesen, und die Einnahmen, die vollständig der Witwe übertragen worden seien, hätten sich auf 445 Taler belaufen.

Diese geschickt eingesetzte Wohltätigkeit eroberte noch mehr als seine Sangeskunst die Herzen der Damen; Concialini wurde ihr Liebling. Doch eine von F. W. Marpurg kolportierte Klatschgeschichte zeigt, daß nicht alle ganz und gar erobert waren, da nach einem Konzert im Jahr 1786 ein Fräulein beim Verlassen des Saals ihrer Freundin anvertraut haben soll, Concialini sei – sie gebe es zu – der beste Sänger der Welt, aber im Prinzip sei sie der Meinung ihrer Mutter, der sie immer vertraut habe, und die meine, ihm fehle etwas Wesentliches.

Damals ging Concialini nach Italien, wo er offenbar kein großes Aufsehen erregte, denn seine Aufführungen blieben fast unbemerkt.

1791 hatte der Komponist Karl Ditters von Dittersdorf die Möglichkeit, den siebenundvierzigjährigen [?] Concialini in der ‚Medea’ zu hören. Die Aufführung beeindruckte den Komponisten, aber nicht durch den Gesangs des Kastraten, sondern durch die Tatsache, daß man dem Publikum ein Stück von sage und schreibe sechs Stunden vorgelegt hatte. Das sei ein schwer zu ertragender Fehler des Dichters gewesen, der damit sich selber, aber auch dem Komponisten geschadet habe – und auch dem Publikum, das sich zu Tode gelangweilt haben müsse. Madame Todi und Signor Concialini hätten vortrefflich gesungen und genau so gut gespielt, aber der Interpret des Drachen, der das Goldene Vlies hüte, sei peinlich gewesen. Jason, gespielt von Concialini, mußte ihn töten, doch er beging die Dummheit, dabei einige Male mit dem flachen Schwert auf den Rücken des Drachen zu schlagen, was genau so klang wie die Hiebe, die die lächerlichen Turnierritter in den bacchantischen Spielen, die im Schloßhof stattzufinden pflegten, von den eingemummten Satyrn bekamen. Dittersdorf zeigte sich von dieser Szene stark abgestoßen, und Madame Rietz, künftige Gräfin von Lichtenau, teilte seine Meinung. Es sei eine erbärmliche Szene, aber sie sei mit Concialini vertraut und habe ihm Ratschläge gegeben, wie er die Szene zu spielen habe.

Die Gräfin von Lichtenau wurde 1752 in Potsdam geboren. Ihr Vater war ein Musiker der königlichen Kapelle. Mit sechzehn Jahren war sie die offizielle Geliebte von Friedrich Wilhelm, der 1786 König von Preussen geworden war. Madame Rietz, die den Namen von Friedrichs treuem Kammerdiener trug, den der König zum Ehemann seiner Favoritin auserkoren hatte, erhielt 1796 den Titel Gräfin von Lichtenau. Später wurde die Gräfin beschuldigt, sich auf Kosten des Staates bereichert zu haben. Sie wurde verurteilt und in den Kerker geworfen. Man ließ sie frei unter der Bedingung, daß sie auf ihre Reichtümer verzichte. Mit Napoleons Hilfe gelang es ihr, diese wiederzubekommen und sich an ihren Verfolgern zu rächen, indem sie die ‚Verteidigung der Gräfin von Lichtenau gegen die Verleumdungen vieler Verfasser, von ihr selbst geschrieben’ veröffentlichte, wo sie unter anderem heftig verneint, den Komponisten Ditters von Dittersdorf jemals gekannt zu haben. All das berichten wir, um ein wenig die Person der Gräfin von Lichtenau zu beschreiben, denn sie war es, die ein Geheimnis von Carlo Concialini entdeckte. In ihrer Verteidigung behauptet sie nicht, Concialini nicht gekannt zu haben. Die Gräfin schreibt, es tue ihr leid, eine heikle Wahrheit über den Sänger zu offenbaren, aber ihre Ehre fordere es.

Carlo Concialini, mit dem sie eng befreundet gewesen sei, habe sie täglich besucht. Sie, die Gräfin, habe den Sänger bewundert, sie habe oft mit ihm gesungen und auf die Weise angenehme Stunden verbracht. Concialini habe ihr manchmal von seiner Familie erzählt, daß diese in Siena wohne und von ihm jährlich zu ihrem Unterhalt 500 Taler erhalte.

Die Gräfin habe Interesse an Concilinis Familie gehabt und habe einen gewissen Signor Filisti, der sie auf einer Reise nach Siena begleitete, gebeten, sie zu suchen. So sei es gekommen, daß sie die Familienmitglieder kennengelernt habe. Da war der Bruder, ein Geiger mit Frau und vier Kindern, und die blinde Mutter, die alle ihr Leben im allergrößten Elend fristeten. Den Kindern hatte man Hände und Füße in Lumpen gewickelt, damit sie die strengen winterlichen Temperaturen überstehen konnten. Die Familie benötigte dringend Hilfe: ihre Wohnung war klein, baufällig und trostlos. Die Gräfin von Lichtenau lud alle zum Essen ein. Als sie sich ein wenig näher kamen, äußerte sie ihr Staunen darüber, Concialinis Verwandtschaft in einem so elenden Zustand vorzufinden, wo ihnen doch dieser regelmäßig 500 Taler zukommen lasse. Da erfuhr sie, daß der Sänger ihnen niemals Geld gegeben hatte, höchstens gelegentlich kleine Summen, aber sicher keine 500 Taler im Jahr. Er pflegte nicht einmal die Briefe zu beantworten, in denen sie ihn um Hilfe baten.

Die Gräfin zog am nächsten Tag Erkundigungen über die Familie Concialini ein und brachte in Erfahrung, daß sie anständige Leute waren, sehr arm, aber von gutem Benehmen und recht fleißig. Darum schenkte sie ihnen bei ihrer Abreise aus Siena das ganze Geld, das sie bei sich hatte: mehrere Louisdor.

Gleichzeitig schrieb die Gräfin an König Friedrich Wilhelm, berichtete ihm, was sie in Siena entdeckt hatte, und bat ihn einzugreifen, damit der Sänger verpflichtet werde, seiner Familie zu helfen. Schließlich habe dieser ja beträchtliche Einnahmen. Darauf hin übersandte der König Carlo Concialini die folgende Order:

‚Mein treuer Freund, da ich mit Freuden erfahren habe, daß Ihr jährlich eine wirtschaftliche Hilfe von 600 Talern an Eure arme Verwandtschaft in Siena sendet, wünsche ich in Zukunft - als Zeichen meiner Zustimmung – Euch die Kosten und die Zeit zu ersparen, die Ihr dem Versand widmet. Darum habe ich angeordnet, daß ab jetzt die 600 Taler direkt von Eurem Gehalt einbehalten und durch meine Boten an Eure Sieneser Verwandtschaft überbracht werden.’

Carlo Concilinis Gehalt betrug 1795 an die 4000 Taler im Jahr. Die Gräfin war aber nicht zufrieden mit der Lektion, die ihm der König erteilt hatte. Sie wollte die Straf-Dosis erhöhen. Gleich am Tag nach ihrer Rückkehr aus Italien wurde der Sänger entlassen mit einer Rente von nur 1200 Talern, von der natürlich weiterhin die 600 Taler für die Verwandten in Siena abgingen.

Carlo Concialini entschloß sich daraufhin, durch Bittbriefe eine Erhöhung zu fordern, aber erst viele Jahre später wurde er erhört. Es wurden ihm 1400 Taler gewährt, so daß sich sein eigener Anteil nun auf 800 Taler im Jahr erhöhte.

1812 lud der Graf Hermann Pückler (berühmt für seine Eisspezialität und weil er der erste war, der auf deutschem Boden den englischen Garten einführte [was natürlich Quatsch ist]) Carlo Concialini in sein Muskauer Schloss ein. Der Graf hatte gerade von seinem Vater ein Vermögen geerbt. Die Einladung an den in Ungnade gefallenen Sänger war ein Akt vorsätzlicher Provokation, doch die Provokation gegen den König konnte keine Wirkung zeitigen, denn am 28. [recte 25.] Oktober, nicht einmal einen Monat nach seiner Ankunft, erlag Carlo Concialini im Alter von 68 [70] Jahren einem Schlaganfall.“8

Das kann natürlich nicht so stehen bleiben. Eine „Provokation gegen den König“ (warum?) dürfte das Ganze kaum gewesen sein, denn Hermann von Pückler war stets um gute Beziehungen zum preußischen Hof bemüht. Darüber hinaus belegen einige Ergebnisse der neueren Freimaurerforschung, die Karlheinz Gerlach für diesen Artikel freundlichst zur Verfügung stellte, daß Concialini alles andere als der geschilderte Egoist gewesen sein muß:

Concialini wurde 1765 von der Berliner Loge „Royale York de l’Amitié“ (ursprünglich „L'Amitié“, ab 1798 „Große Loge von Preußen“, genannt „Zur Freundschaft“) aufgenommen. „Royale York“ bezieht sich auf den englischen Protektor, denn 1765 übernahm der Earl of (oder Herzog von) York Edward (Eduard) August (1739-1767), Bruder König Georgs III. von Großbritannien, das Protektorat über die Loge. Die Logenbrüder übertrugen Concialini die wichtigen, selbstverständlich unbezahlten Ehrenämter als Ökonom, Zeremonienmeister und Bibliotheksdirektor. Johann Gottfried Schadow, wie Concialini langjähriges aktives Mitglied der „Royale York“, zeichnete Karikaturen auf Logenmitglieder, u. a. auch eine Karikatur mit einem entmannten Apoll, mit dem er wohl auf Concialini angespielte. 1801 (s. oben) war Concialini einer der Mitgründer der Loge „Luise“ in Charlottenburg. 1804 trat er der Großen National-Mutterloge Loge „Zu den 3 Seraphim“ bei, deren Mitglied er bis zu seinem Tode blieb; hier war er Zeremonienmeister und Mitglied des Musikalischen Kollegiums. Concialini war ein aktiver, sehr angesehener Freimaurer, der viel Zeit und Kraft in seine Ehrenämter investierte. Er machte sich - was ja nahe liegt - auch um die Freimaurer-Musik verdient: Er war Mitherausgeber eines Bändchens Maurer-Gesänge9 und veranstaltete mit seinen Brüdern Benefizkonzerte zugunsten der Armen; leitete, anfangs zusammen mit Karl Heinrich Hermann Benda (dem Sohn Franz Bendas) 1780/81 und 1784-1786 die Wohltätigkeitskonzerte im Logenhaus der „L’amitié“, dem von Andreas Schlüter erbauten Kamekeschen Palais. Er tat also doch viel Uneigennütziges (womit er den Ärger Friedrichs II. erregte, der meinte, daß so etwas nicht Sache der Logen sei).10

Neugierig Gewordenen, die mehr über das Leben eines Kastraten erfahren wollen, sei hiermit folgendes Buch empfohlen: Hubert Ortkemper: Caffarelli. Das Leben des Kastraten Gaetano Majorano, genannt Caffarelli. Frankfurt a.M./ Leipzig. Insel-Verlag 2000. Zum berühmtesten, oder bekanntesten, männlichen Sopran ist jedoch – nicht zuletzt durch den 1994 von Gérard Corbiau gedrehten Film „Farinelli, der Kastrat“ – Carlo Broschi (1705-1782) geworden. Concialini hatte den alternden Farinelli noch kennen gelernt.

(12.04.2010)

Nachtrag

„Auch das ausnehmende Talent des Grafen [Hermann von Callenberg] für die Musik kann ich nicht mit Stillschweigen übergehen: denn es ist außerordentlich; Geschmack, Kunst, und Feuer vereinigen sich bey ihm; auf der Orgel sowohl als auf dem Flügel, wobey er sich mit einer angenehmen Stimme begleitet, kann er es meines Erachtens mit den besten Meistern aufnehmen: ich kann mich hier auf das Zeugniß vieler Kunstverständigen berufen: unter andern des berühmten hiesigen ersten Opernsängers, Herrn Concialini, der jährlich mehrere Wochen auf dem Schlosse zu Mußkau zubringt.“

Gefunden in: Johann Bernoulli: Sammlung kurzer Reisebeschreibungen und anderer zur Erweiterung der Länder- und Menschenkenntniß dienender Nachrichten. 16 Bände und 2 Registerbände. Leipzig: Buchhandlung der Gelehrten 1781–1787; Jahrgang 1784, Vierzehnter Band. „VI. Joh. Bernoulli’s Reise in die Oberlausitz im Sommer 1782. Zweiter Abschnitt. Beschreibung der freyen Erb- und Standesherrschaft Mußkau“, S. 369f.

(08.10.2010)

Anmerkungen
1 Brockhaus Conversations-Lexikon. Bd. 1. Amsterdam 1809; S. 283.
2 Schletterer, Hans Michael: Artikel „Reichardt, Johann Friedrich“ in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Band 27 (1888); S. 629–648.
3 Die Varnhagen von Ensesche Sammlung in der Königlichen Bibliothek zu Berlin, geordnet und verzeichnet von Ludwig Stern. Berlin: Verlag von Behrend & Co. 1911; S. 155.
4 Wolff, Traugott Ludwig Heinrich: Merckwürdige Begebenheiten der Standesherrschaft, gräflich Callenbergischen Familie. und solcher die damit Bezug haben [...] Ms. o.J. (Muskau 1767-1824).
5 Die Quelle wird auf Anfrage benannt.
6 Zur Görlitzer Freimaurerei s. auch: www.loge49.de.
7 Dittersdorf, Karl Ditters von: Lebensbeschreibung. Seinem Sohne in die Feder diktiert. München: Kösel Verlag 1967; S.246-248.
8 S. auch: http://www.haendel.it/interpreti/old/concialini.htm. Für die speziell für schefer.kulturpixel.de angefertigte Übersetzung aus dem Italienischen dankt der Verfasser Geraldine Gabor-Dreyer, Neuss.
9 Auswahl von Maurer-Gesängen/ mit Melodien der vorzüglichsten Componisten/ in zwey Abtheilungen getheilt/ gesammlet und herausgegeben von F. M. Boeheim [d.i. Joseph Michael Böheim]. Berlin, bei Friedrich Maurer, 1798.
10 Als Quellen für diese Angaben dienten: Albert Emil Brachvogels Geschichte des Königlichen Theaters zu Berlin. Nach Archivalien des Königl. Geh. Staats-Archivs und des Königl. Theaters. 2 Bde. [...] Berlin, O. Janke, 1878; Gerlach, Karlheinz: Die Freimaurer im Alten Preußen. 1738-1806. Die Logen zwischen mittlerer Oder und Niederrhein. Innsbruck: Studienverlag Innsbruck 2007; Dass.: Die Logen in Pommern, Preußen und Schlesien, Innsbruck 2009. (Quellen und Darstellungen zur europäischen Freimaurerei, Bde. 8 und 9.)


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