Franz Löbmann (1809-1878)
Richard Wagners Chorleiter und Genosse in Riga
Von Bernd-Ingo Friedrich
Im Artikel über Heinrich Laube und gelegentlich auch anderswo habe ich meinem Ärger über die omnipotenten Experten aus der Wiege der deutschen Demokratie, die nach dem kaum abgelegten sozialistischen Unfug neue, andere Verdrehtheiten in die ostdeutsche Geschichtsschreibung gebracht haben, schon einmal Luft gemacht. Zu den Vorschnellen, die bereits Vorhandenes aus der verfügbaren Sekundärliteratur mit ruckzuck zusammengesuchten Secondhand-Informationen zu einem Brei verklumpten, an dem gewissenhaftere Historiker noch einige Zeit zu würgen haben werden, gehörte auch der leider ameisenfleißige Stuttgarter Philharmoniker Helmut Scheunchen. Gleich zwei Lexika transportieren von nun an bis in alle Ewigkeit die Belege seiner Erwerbstüchtigkeit durch die Zeiten. Zur Sprache kommen hier nur die aufgrund eigener Recherchen in der Lausitz korrigierbaren Teile dreier Artikel.

Im Schlesischen Musiklexikon hat sich der Tausendsassa der (uns interessierenden) Artikel „Muskau“ und „Leopold Schefer“ bemächtigt, ohne in Muskau und Umgebung auch nur ein einziges Originaldokument eingesehen zu haben. Seine Recherchen beschränkten sich auf briefliche und telefonische Anfragen bei Muskauer Bürgern, die damals noch über weniger Informationen verfügen konnten als er. Deshalb sei die folgende Information aus dem Artikel „Muskau“ auch nur weiter gegeben, weil ja „was dran sein“ und – was ja eigentlich auch ganz hübsch wäre – aufgrund dieses Hinweises eventuell jemand das „Fürst-Pückler-Eis“ finden könnte; mir ist es bis jetzt nicht gelungen: „Als Kuriosität sei Fürst-Pückler-Eis. Ein romantisches Spiel mit Musik von A. Johannes (Bln. o. J.) genannt, der Pücklers berühmte Eis-Création musikalisch verarbeitete.“1 (Zur Erfindung des Pücklereises durch Louis Ferdinand Jungius siehe „Das Fürst-Pückler-Kochbuch“.)
Der Artikel „Leopold Schefer“ trägt ebenfalls das Stigma der flüchtigen Recherche; die Literaturangaben sprechen diesbezüglich Bände: Pfarrer Mörbe (der sich unter anderem bei Abraham Hosemann, dem „verlogensten Zweifüßler aller Zeiten“ belas), Heimatzeitung Reichenau, Heimatbuch Rothenburg und so weiter. Anstelle einer Gegendarstellung seien dem Kulturpixel-Leser („Kulturpixel-Leser wissen mehr!“) die Webseiten „Leopold Schefer/ Dichter und Komponist/ 1784-1862“ sowie – fürs erste – die Zusammenfassung „Leopold Schefer als Komponist/ Publikationen von Ernst-Jürgen Dreyer“ empfohlen.
In dem offenbar etwas solideren Lexikon deutschbaltischer Musik hat Helmut Scheunchen sich Carl Gottlieb Bellman sowie die Löbmanns sen. und jun. vorgenommen: „Bellman war 1811-1813 Musikdirektor Pücklers ...“ – das ist falsch. Bellmann war nicht Musikdirektor des Fürsten Pückler (so nämlich nimmt der Leser die Aussage wahr), sondern leitete allenfalls bis 1800 die Hofkapelle des Grafen Ludwig Carl Johann Erdmann von Pückler (Vater des berühmteren Pücklers), denn Bellmann ging – wie seit langem bekannt – bereits in den 1790er Jahren nach Kiel und heiratete dort am 9. Dezember 1800 die knapp 2 Jahre jüngere Friedrica (oder Friederica) Christina Krause (lt. Grabstein: Kranse) aus Kiel.

„... ihm folgte Ignatius Löbmann (†1869)“ – das mag hingehen, obwohl das fehlende Geburtsjahr natürlich auch für sich spricht. Hinzugefügt sei, daß der Violinvirtuose, Komponist und Dirigent Moritz Schön (1808-1885) um 1825, von Vetschau kommend, Violinstudien bei Musikdirektor Löbmann in Muskau absolviert haben soll.2
„Dessen [Ignatius Löbmanns] Sohn Franz Löbmann, *17.4.1809 Vetschau/Niederlausitz, †25.7.1878 Bilderingshof b. Riga, Geiger, Kapellmeister und Komponist, erhielt seine musikalische Ausbildung bei seinem Vater Ignatius L., der Musikdirektor und Organist in Muskau war, und bei dem Muskauer Dichter und Komponisten Leopold Schefer.“
In den „Taufregistern der Kirchengemeinden Vetschau“ ist dagegen nachzulesen:
„Taufnachrichten 1809, No. 27 Vetschau
Söhnlein geboren 29ten Appril
getaufft 4. May Name: Franz
Vater: Ignatius Löbmann Fürstl. Lynarscher Haushofmeister in Drehnow
Mutter: Nanette
Paten:
1.) Hr. Löbmann Organist zu Budissin in der Oberlaus.
2.) Jungges. Hr. Nathanael Wedel Apotheker
3.) Jungf. Christiane Rocherin Vetschau“
In Vetschau ist aber weder ein Löbmann geboren worden, noch hat jemand mit diesem Namen je in Vetschau gewohnt. Der Aktenlage nach war es damals offenbar nichts Ungewöhnliches, daß Täuflinge des Umlandes in die Vetschauer Wendisch-Deutsche Doppelkirche gebracht wurden, entweder aus Glaubensgründen oder nur, weil die Kirche „so schön“ war. Ansonsten: Kein Kommentar.
Weiter (ohne Gewähr) mit Scheunchen: „Löbmann studierte Musik in Berlin und bekam als 17jähriger eine Stelle als Geiger am Königstädter Theater. 1834 kam er als Chordirektor und Konzertmeister an das Rigaer Stadttheater. Er schloß mit > Richard Wagner während dessen Rigaer Aufenthalts nähere Bekanntschaft, die bis zum Tod Löbmanns aufrecht erhalten blieb. Löbmann wurde von Wagner in dessen Lebenserinnerungen erwähnt. Die Verbindung mit Leopold Schefer hielt er aufrecht, wie die Widmung der vierhändigen Klaviersonate op. 30 im Jahre 1837 an Löbmann belegt. [...] Seiner Heimat gedachte er in den Muskauer Badetänzen. Löbmann, Franz: Muskauer Badetänze. Berlin: Logier o. J.“3 Letztere sind natürlich auch spurlos verschwunden ...
N.B. Wagner hielt sich in Riga nicht bloß auf, er war von 1837 bis 1839 als Kapellmeister ans deutschsprachige Theater engagiert. Franz Löbmann wurde von Wagner nicht nur erwähnt, sondern als sein Chorleiter und vor allem als Mensch sehr geschätzt:
„Den Wenigen, die es redlich mit ihm gemeint, dem biederen Hoffmann,4 vor allem dem treuen, teilnehmenden Genossen Franz Löbmann, hat er zeitlebens ein freundliches Andenken bewahrt und betätigt. ‚Gewiß, liebster Freund’, schrieb er dem Letzteren (im Dezember 1843) ,ich werde es Ihnen nie vergessen, daß Sie gegen das Ende meines dortigen Aufenthaltes oft mein bester Trost und wahrster Freund waren. Wenn ich an jene Zeit zurückdenke, erfüllt es mich oft mit bitterem Unmut, und ich gestehe Ihnen, ich verließ Riga kalt und gleichgültig, wie man gegen mich ebenfalls gewesen war; die Einzigen, von denen ich mich ungern trennte, waren Sie und die meisten Mitglieder des Orchesters, von denen mir, wie es schien, Liebe und Achtung zuteil wurde.’“5

Diese Zeilen offenbaren einen sehr sympathischen Zug im Wesen des gewiß nicht unproblematischen Wagners: seine Fähigkeit zu Anhänglichkeit und warmer Anteilnahme an Personen, die sich ihm gegenüber loyal gezeigt hatten. Ein weiteres Zeugnis dafür legt ein Büchlein ab, das eine verdiente Neuauflage in der Eremitenpresse erfahren hat. Es sind die Briefe von Richard Wagner an die Wiener Putzmacherin Bertha Goldwag, im Obertitel Liebe Fräulein Bertha, illustriert mit Farblithographien von Heinz Balthes.
Daß sich Helmut Scheunchens „Schluderiana“ ebenfalls prächtig fortpflanzen, kann man zum Beispiel in Arne Mentzendorffs „Baltischen Gedenktagen 2009“ auf der Website der Carl-Schirren-Gesellschaft e.V./ Das Deutsch-Baltische Kulturwerk nachlesen.
(02.02.2010.)
Anmerkungen
1 Scheunchen, Helmut: Artikel Muskau u. Leopold Schefer. In: Schlesisches Musiklexikon. Hrsg. Lothar Hoffmann-Erbrecht. Augsburg: Wißner 2001; S. 527-530, 654f. und 490f.
2 Österreichisches Musiklexikon online. Hrsg. Kommission für Musikforschung. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 2002.
3 Scheunchen, Helmut: Lexikon deutschbaltischer Musik. Wedemark-Elze: v. Hirschheydt 2002. (Schriftenreihe der Georg-Dehio-Gesellschaft.)
4 Johann Hoffmann, Tenor aus Petersburg, war der Nachfolger Karl von Holteis als Direktor des deutschsprachigen Theaters in Riga.
5 Glasenapp, Carl Friedrich: Das Leben Richard Wagners in 6 Büchern. Leipzig: Breitkopf & Härtel 1905; Bd 1, S. 324.
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