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Ludewig Traugott Heinrich Wolff (1767-1829)

Der unverzichtbare Chronist

Von Bernd-Ingo Friedrich



wolff tagebuch1 dienerschaft william hogarth


Ludewig Traugott Heinrich Wolff (1767-1829) hat weder Bücher geschrieben noch Gedichte hinterlassen, aber er führte über 60 Jahre lang gewissenhaft eine Art Tagebuch, das auf seinem Titelblatt die umständlich-barocke Beschriftung trägt:

„MERCKWÜRDIGE BEGEBENHEITEN/ der Standesherrschaft, gräflich Callenbergischen/ Familie/. und solcher die damit Bezug haben,/ während der in diesem hochgräflichen Hause/ in verschiedenen Verhältnißen verlebten/ Dienstjahren, vom M. Juny 1767. an: bis 1795./ und von da weiter in andern Verhältnißen in den/ Regierungsjahren der Hochgräflich und Hochfürstlichen/ Standesherrschaften Familie von Pückler bis 1824./ in allem also 57. Jahr./ Da, wie ich jezt die Versicherung habe, mein Hauß/ bey der familie bleibt; so will und bestimme/ ich hiermit, daß die gesammelten Nachrichten/ in meinem Hauße verbleiben sollen, so lange es/ im Besitz der familie bleibt. Es ist nur für/ die familie niedergeschrieben.“

Loyal bis zur Selbstverleugnung, gewissenhaft bis zur Selbstaufgabe, treu wie ein deutscher Schäferhund und dabei sensibel wie ein Jungfräulein, diente er seinen wechselnden Herrschaften an ein und dem selben Ort beinahe doppelt so lange wie die damalige durchschnittliche Lebenserwartung betrug. Seinen Herrschaften galt sein ganzes Augenmerk, ihr Leben, Tun und Lassen hat er gewissenhaft dokumentiert; über ihn selbst verraten die Aufzeichnungen wenig. Dieses gewiß einmalige „Tagebuch“, das Wolff noch bis in das Jahr 1829 fortgeführt hat, ist das Spalier, an dem sich die Webseiten zum „Muskauer Dichterkreis“ entlangranken.

Zu der merkwürdigen Begebenheiten erstem Teil 1767 bis 1810.
Zu der merkwürdigen Begebenheiten zweitem Teil 1811 bis 1829.


wolff tagebuch2 merkwuerdige begebenheiten muskau


Wie die Aufzeichnungen des 1829 Gestorbenen über die rund 50 Jahre der Pückler- und nachfolgenden Prinz-der-Niederlande-Zeit hinweg in den Besitz der Familie Arnim gelangten, ist ein ungelöstes Rätsel; zu vermuten ist, daß die als Historikerin dilettierende Sophie Gräfin von Arnim sie den Wolff-Erben abkaufte, vielleicht auch von ihnen geschenkt erhielt. Lange Zeit haben nur Auserwählte damit arbeiten dürfen. In Ludmilla Assings Pücklerbiographie spielen sie bereits eine wichtige Rolle; Hermann von Arnim und Willi A. Boelcke zitieren sie in Muskau. Standesherrschaft zwischen Spree und Neiße ebenso ausgiebig wie Bettina und Lars Clausen, die den Verfasser in ihrer Leopold Schefer-Soziobiographie Zu allem fähig (S. 62) als „den unverzichtbaren Wolff“ bezeichnen. Die wenigen Lebensdaten, die sich zu Wolff überhaupt finden lassen, sind in der Biographie genannt:

Auf Seite 146: Am 31. Mai 1791 heiratet Wolff Carolina Maria Röhde (1767–12.2.1829), eine Nichte Hofrat Röhdes; „drei Töchter überleben sie.“
Seite 160: Wolff wird zum Vormund Leopold Schefers bestimmt und nicht Carl Friedrich Brescius, wie bei Lüdemann behauptet (der im übrigen auch das Todesjahr von Leopold Schefers Vater falsch angibt).
Seite 180: Ein Verweis führt zu einer Mitteilung im Neuen Lausitzischen Magazin von 1821: Eine Tochter Wolffs heiratet den Stadtphysikus Clauß ...
Seite 187: Zu Schefers Besuch des Bautzener Gymnasiums heißt es: „[...] und schließlich muß auch Wolff, der Vormund, seinen Segen dazu geben. (Daß der Junge den an sich braven, nicht verständnislosen Mann nie mochte, läßt darauf schließen, daß der keineswegs ihn so hoch anschlug, wie es der Knabe selbst für angemessen hielt; daß er schon rein juristisch der Vorgesetzte war, war schlimm genug).“
Die Anmerkung 34 auf Seite 186 fügt erklärend hinzu: „Leopold Schefer spricht nicht allzu oft von ihm, aber typisch für sein Urteil ist das Epigramm auf Wolff: ‚Erspricht den ganzen Tag drei Worte kaum / und sagt doch mehr als was er denkt, Herr Saum’ (Siegen 1844:11/12). Ludwig Traugott Heinrich Wolff (1767-1829) war sicherlich ein etwas kleinkarierter Mann und damit bestens für die Intendanz des gräflichen Hauswesens geeignet – aber auch entsprechend streßgeplagt. Ganz dumm kann er nicht gewesen sein, aber wohl vorsichtig (vgl. Pückler, Briefwechsel etc.). Als Vormund Schefers vielleicht zu vorsichtig; dem jungen Pückler gegenüber, der ihm wahrhaftig andere Nüsse zu knacken gab, hat er es jedoch nie an Wärme und (beschränkter) Toleranz fehlen lassen. Wer die Pücklerschen Eskapaden kennt, weiß, daß das nicht wenig ist.“

Wie wichtig Wolff als Bezugsperson für Hermann von Pückler war, belegt dessen relativ umfangreiche Korrespondenz mit ihm. In den Bänden vier und fünf der von Ludmilla Assing besorgten neunbändigen Auswahl der Briefwechsel und Tagebücher finden sich allein für den Zeitraum von 1807 bis 1810 um die 50 Briefe von Pückler an Wolff. (Die Korrespondenz Pücklers mit den „Geliebten“ Sophie Gay, Ida Hahn-Hahn und Eugenie John, der „Marlitt“, besteht aus 39 bzw. 25 bzw. 19 Briefen.) Sie sind für den Schreiber ebenso typisch wie die sogenannten „Bräutigamsbriefe“ an seine spätere Frau: Am 11. Juli 1807, gleich zu Beginn seiner „Jugend-Wanderungen“ (Pückler war damals 21 Jahre alt), erinnert sich Pückler an seinen „lieben guten Wolff“ und – geht ihn, indirekt, um Geld an. Und damit geht es dann auch weiter bis zum letzten Brief des Jahres 1810 ...

(02.05.2010.)

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