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Heinrich Laube über Leopold Schefer

Aus den Erinnerungen 1810-1840


„Leopold Schefer [...] war ein Muskauer und lebte in Muskau. Lange Jahre war er oberster Verwalter der Herrschaft Muskau gewesen, jetzt lebte er im Pensionsstande.1 Er hatte sich am Ende des Städtchens ein originelles Häuschen gebaut, welches man für eine Kapelle halten konnte, etwa für eine griechische. Es stand in einem kleinen Gemüsegarten, und er hauste da wie ein bescheidener Bürger mit seiner Familie, welche ganz kleinbürgerlich geartet war. Alles an ihm, Schrift wie Wesen, erinnerte an Jean Paul, an einen Brahminen, welcher geduldig Sonnenschein und Regen, Gedeihen und Vernichten hinnimmt, als Gaben der Weltseele. Sie sorgt am besten für alles; der Mensch hat zu danken für alles, auch für das, was ihm nicht gefällt. Jedenfalls lernt er fortwährend, und wenn er der Weisheit zuschreitet, so kann er sich hochbeglückt nennen. Frau Schefer, die Gattin, war anderer Meinung und verlangte reellere Gaben zur Beglückung; er aber lächelte zu ihren Einwendungen, nahm eine Prise, und ging zur Tagesordnung über, zum Schreiben an einem großen Tische, welcher mit vollgeschriebenen Papierbogen hoch bedeckt war.

Er war von kleiner Gestalt und sah sehr schlicht aus. Ein rötliches Antlitz, ein ziemlich kahles Haupt, eine ruhige, immer sinnige Sprechweise kennzeichneten ihn. Große Toleranz für alle Meinungen war ihm eigen. Er wußte aber auch jede Meinung so zu deuten und weiterzuführen, daß sie zum Guten gehören oder doch wenigstens zum Guten leiten konnte.


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Mittelpunkt in seiner schriftstellerischen Welt war die Erinnerung an einen längeren Aufenthalt in Italien und Griechenland, welchen er sich in jungen Jahren verschafft hatte. An die antiken Denkmäler der Kunst knüpfte er immer mit Vorliebe an, und dort suchte er immer eine gewisse Weihe für seine künstlerischen Gedanken.

Hierin war er reich an originellen Wendungen. Originell, weil sein persönliches Wesen eigentlich gar nicht zu den ästhetischen Linien der Antike stimmte. Es stimmte viel besser zu den behaglichen Umrissen eines demokratischen Volksfreundes. Der klassische Stempel schien an den falschen Mann gekommen. Er hielt aber viel darauf und brachte Anwendungen zum Vorscheine, welche frappant erschienen.

Solch eine Art von Disharmonie beunruhigt viele seiner Darstellungen. An Erfindung reich, wurde er in der Ausführung leicht überladen und durch Jean Paulsche Überschwenglichkeit schwer genießbar. Vergaß er zuweilen die großen ästhetischen Absichten, dann gelang ihm manche Erzählung ungemein, insbesondere durch psychologische Zergliederung. In dieser war er unermüdlich ein Maulwurf, und da geriet er nur oft in Gefahr einer gesuchten Subtilität, welche den Eindruck der Wahrheit verdarb. Seine ‚Künstlerehe’, das Leben Dürers mit seiner Frau schildernd, ist in ihrer Art ein kleines psychologisches Meisterwerk. Zugrunde lag Schefers eigene Ehe mit einer sparsamen Hausfrau, einer übrigens sehr braven Frau, welche seine künstlerischen Arbeiten vom Standpunkte der Hausfrau würdigte.

Sein Grundton war ein immerwährend reges Verhältnis zur Gottheit; er war ein Religionslehrer. Nicht Lehrer von Dogmen, sondern von freien Gedanken und Empfindungen. Die standen ihm stets bereit, und da Milde alles in ihm sänftigte – wenn auch nicht eben klärte – so gemahnte er mich immer an die Weisen des Morgenlandes, welche umherziehen, wenig Essen und Trinken brauchen, und mit bedeutungsvollem Spruche jedermann zu trösten suchen. So zog er, wie oft! mit mir durch den weiten Park und erklärte, verklärte mir alles.


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Darum begann auch seine Popularität im Lesepublikum erst mit der Herausgabe seines ‚Laienbreviers’. Da, in diesen lehrhaften Sprüchen trat sein Bestes hervor, unverstellt durch irgendwelche ästhetische Gelehrsamkeit. Die ästhetische Schwäche darin, schlaffe, unschöne Verse, störte den richtigen Leser nicht. Und seine richtigen Leser waren alle die besseren Menschen, welche ihr Verhältnis zu Gott nicht befriedigt finden in enger Dogmatik, welche am stillen Abende oder Sonntagsnachmittage eine freie Erbauung suchen für ihren Geist. Umsonst warnte die Geistlichkeit vor Schefers pantheistischen Neigungen, auch fromme Leser befreundeten sich damit, daß man Gott nicht zu verlieren brauchte, wenn man ihn auch überall fände.

Moritz Veit und Lehfeld, die Berliner Verleger des ‚Laienbreviers’, waren beide philosophisch gebildete, gute Männer; sie haben dem Muskauer Leopold den Lebensabend liebevoll verschönt.

Nun, dieser freundliche Leopold Schefer sprach zu mir bald nach meiner Ankunft in Muskau, als ich meine literarisch-historischen Studien begonnen, wie folgt: Sie können nicht mehr bloß studieren; für uns ‚Kriegsleute’ genügt das nicht. Sie müssen aufschreiben, was Sie da lernen, und daraus wird von selbst ein Buch. Sie sagen: das ginge nur von Lessing an, in der altdeutschen Literatur seien Sie zu sehr Laie. Was heißt Laie? Mangel an Quellenstudium? Das besorgen Leute, welche nicht produzieren. Die benützen wir in Kürze. Eine Einleitung bis zu Lessing brauchen wir; benützen Sie die Quellenstudenten zu einer bloßen Übersicht, und von Lessing an erst schreiben Sie selbst mit eigenen Gedanken und Anschauungen. Sela!’

Pläne! Pläne! Solange wir Pläne machen, leben wir. Gründen wir sie darauf – und das tun wir gewöhnlich – unsere Schwächen zu verbergen, so beglücken sie uns zunächst am stärksten und führen ganz sicher zu Enttäuschung und Leid. Gründen wir sie auf schwere Opfer von unserer Seite, so leiden wir zunächst und wachsen und gedeihen allmählich von selbst ins Glück hinein.“2

(11.02.2010.)

Anmerkungen
1 Leopold Schefer verfügte über keine auskömmliche Pension; er lebte „vom Ertrag seiner Feder“.
2 Laube, Heinrich: Erinnerungen 1810-1840. In: Gesammelte Werke. 50 Bde. Hrsg. Heinrich Hubert Houben. Leipzig: Max Hesse’s Verlag 1908-09; Bd. 40; Muskau S. 353-367.

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