05
Zur Startseite

Tagebuch einer großen Liebe

22 Lieder von Leopold Schefer

Eine Einführung in die CD von Ernst-Jürgen Dreyer und Bernd-Ingo Friedrich


Eine Beschreibung der CD befindet sich auf kulturpixel.de/publikationen,
Rezensionen der CD findet man unter kulturpixel.de/rezensionen,
was nicht im Booklet steht, steht im Artikel "Der Graf als Kuppler",
um ein "Highlight" der CD geht es in dem Artikel : "Herbstlied",
und eine interessante bibliophile Entdeckung wird hiermit vorgestellt.


schefer lieder gesaenge zum pianoforte

Prolog
Muskau an der Neiße, 1798, zur Johannisbeerzeit. Die Dorfkinder spielen am Fluß; am Ufer kommen die Herrschaftstöchter gewandelt. Ein Dreizehnjähriger unter den Buben nimmt die dreijährige Komtesse Agnes in die Arme und küßt sie ab. Zu zweit waten sie weiter, und das goldene Kind, wie es schon unter des Knaben Küssen „lächelnd und duldend gelegen", lächelt der „bürgerlichen Canaille" zu.

Der Dichterkomponist
Leopold Schefer (Muskau 1784-1862 Muskau) war nicht nur der Dichter weltfrommer Gedankenlyrik (Laienbrevier) und katastrophenträchtiger Erzählungen (Der Waldbrand) - Schefer, obwohl musikalisch Autodidakt, war zugleich das vitalste Lied-Talent zwischen Beethoven und Carl Maria von Weber. Sein frühromantisches Liedwerk erreicht eine ganz eigene melische Intensität zu einem Klaviersatz von fluktuierender Fülle. Mit den Scheferschen Jünglingsgedichten verschmilzt es zu gegenstückloser Unmittelbarkeit. Aber in Schefers dreißigstem Lebensjahr versiegte der Liederstrom.
Längst hatte ein neuer Lebensabschnitt begonnen: der Schwärmer bewährte sich in den Napoleonischen Wirren als Generalinspektor Hermann von Pücklers. Nach dem Krieg machte Schefer weite Reisen - die letzten seines Lebens. Im Herbst 1814 besuchte er England - mit dem Grafen, der damals die Umgestaltung Muskaus zum Park plante. Von März 1816 bis Dezember 1819 reiste Schefer allein über Wien, Triest, Hellas, Italien bis nach Kairo, Smyrna und Konstantinopel.
Der Heimgekehrte wurde zu einem Novellisten, um dessen levantinische Sujets sich Taschenbücher und Almanache rissen. Die Musik trat in den Hintergrund, doch enthalten Schefers Mappen u. a. eine großdimensionierte Symphonie. Bedeutende Lieder entstanden erst wieder an der Schwelle des Alters. 1845 starb dem Dichter die Gattin; Schefer blieb mit fünf Kindern allein. Die Erkenntnis, daß er mehr verloren hatte als nur die nützliche Familienmutter, fraß sich ihm erst allmählich ins Bewußtsein. 1853/54 war es so weit: die musikalische Inspiration überfiel ihn mit Heftigkeit „nachts im Bette". Drei Gesänge von Tod und Trauer weisen weit in die Hochromantik, auf Wagner, ja auf Mahlers Kindertotenlieder voraus.

Die Erfahrung des Todes
Schon 1805 zwang die Erfahrung des Todes dem Dichterkomponisten ein außerordentliches Werk ab: den Liederzyklus „Um dich weint meine Seele". Der Knabe hatte auf mütterliches Drängen das Bautzener Gymnasium verlassen und vegetierte zukunftslos in Muskau dahin, während seine Freunde studieren durften und zu großen Aufgaben in die Welt verschwanden. 1805 ging Schefers Freund Alexander Röhde als Berghauptmann nach Sibirien und kam unter nie geklärten Umständen in Kolywan zu Tode. Die Todesnachricht erschütterte den Daheimgebliebenen tief.
Es lohnt sich nicht, so begriff Schefer 1805, ein so kurzes Leben, wie es Alexander Röhde beschieden war, zu vertrauern.

Der Carpe-diem-Entschluß
Wohl im selben Jahr vertonte er jenes Bekenntnis zum „Carpe diem", mit dem unsere CD beginnt: „Leben des Lebens ist Liebe allein,/ Laßt uns vergebens nicht jugendlich sein!" Wie in der Sequenz „Warum so besonnen" bis „Wer hat noch die Sonnen zurückegedreht" das Leben abläuft wie Sand durchs Stundenglas, ist dem Sekundenschritt von Schefers Katastrophenprosa zu vergleichen. - Das kurze Lied 2, Hoffnung (1807), zeigt die Schwierigkeit, dem Carpe-diem-Entschluß zu genügen: ohne die Hoffnung, die sich chromatisch herniedersenkt, bliebe doch bloß der Tod. - Eine wirkliche „erste Liebe", die ihn seit 1806 fesselte, brach Schefer im August 1808 ab, nachdem er ihr im Juli noch einen zarten Wechselgesang gewidmet hatte, das Duett Die jungen Gatten (3). - Mit der genialen Tarantella Der Bärführer (Nr.4, 1809, mit vierzigtaktigem Nachspiel) ist satztechnische Meisterschaft erreicht. Scheinbar nicht-autobiografisch, nimmt das Lied doch den Exotismus der Weltfahrt vorweg.

Liebe und Aufbruch
Am 16. Juni 1809 begegnete dem Dichter die vierzehnjährige Komtesse Agnes von Pückler von neuem: „ein gelblich seidenes Kleid und im schwarzen Haar Rosen (so ein Engel ist nie gewesen wie diese da war)". Das Mädchen, das er schon als Knabe auf den Armen getragen hatte, war zur Schönheit von Carlo Dolcis Heiliger Cäcilie erblüht. Schefer verliebte sich existenziell; sein Dichten und das Phantasieren auf seiner Glasharmonika eroberten ihr Herz; Ende 1811 übersprang die Liebe endgültig die Standesschranken.
Die Lieder 5 bis 9 zeigen Schefer „aufgetaucht aus tiefen Klüften" (5, Auf dem Berge, 1809). Sie atmen stürmische Verliebtheit; sie bekennen feurig „Ich liebe dich" (6) und künden „ein ganz unnennbar süßes Glück" (7, Nahrung des Herzens). - Selbst das Liedchen Rückkehr zur Ersten (8) hat teil an dem Glanz, der sich u. a. einem neuen pianistischen Ausdrucksmittel verdankt: dem Übergreifen der linken Hand über die rechte. – Lied 9 endlich, Erwachen im May, ist mit seiner Triolik, dem Nachtigallenschlag seiner Klavierfiorituren und seinem Einklang von Wort und Musik fast über Schubert zu stellen (dessen stilistische Reife noch bis 1814 auf sich warten ließ). Solcher Spontaneität ist nur ein Dichterkomponist fähig.

Sehnsucht nach der Entfernten
In die „seeligste Zeit meines Lebens in Liebe und Glück" (so Schefer 1812 über seine lebenbestimmende Liebe) fallen Schatten. Bereits von 1811 stammt das Terzett Verlangen (10) mit dem kanonisch gesungenen Text „O Geliebte, wo weilst du so fern". – Das Herbstlied (11), auf ein Gedicht von Johann Wehlam, dem Hofmeister des Grafen Sylvius von Pückler, wohl vom selben Jahr, ist von grandioser Starrheit, die zu neuem Frühling schmilzt. – In dem schlichten Lied des Schmachtenden (12) verschließt sich die Liebe ganz ins Innere des Sängers wie ein verhohlener Schatz. – Erfahrung (13), ein Tonsatz kostbaren heterophonen Rankenwerks der rechten Hand, drückt schon fast vorsätzliche Immunisierung gegen den Schmerz aus. - Schefer mußte begreifen, dass die „bürgerliche Canaille" zwar als Geliebter, aber nicht als Gatte in Frage kommt: Hermann von Pückler vermählte seine Schwester einem Vetter zwecks Fortsetzung der Pücklerschen Linie. - Vierzehn Tage vor der letzten Nacht, die er mit Agnes „auf ihrem Zimmer im Heiligthum der Liebe" feiern durfte, komponierte Schefer das biographisch aufschlussreichste Gedicht aus dem Tagebuch seiner großen Liebe: Sie an ihn (14). Mit den Worten „du liebst mich nicht, gönnst du allein nicht alles Glück mir blos durch dich" ermuntert darin die Göttin Luna Endymion, den armen Hirten (sprich: Schäfer), „auszustrecken die Hand nach dem Schönsten, kühn zu erheben den Blick auf zu Olympischen."

Versöhnung
Der erzwungene Verrat, unter dem die Geliebte womöglich noch tiefer litt, löste nicht nur Schmerz aus, sondern auch allzumenschlichen Groll. Im Oktober 1812 machte Schefer seinem Herzen Luft in Liedern scheinbar leichteren Tons, aber voll Verletztheit. In Versöhnung (15) werden Tränen vergossen und Augen trockengeküsst. – In Nr. 16 mit dem sprechenden Titel Reiz im Wechsel zahlt er es der Geliebten heim: „Lehnt nicht dort die Einstgeliebte? ...und du liebst sie doch nicht mehr". Was natürlich eitle Behauptung ist… – Lied 17 beginnt mit der Invektive „Wärs die Falsche, die dort käme?" und endet mit der Utopie, das Glück werde sich noch erneuern…. – Damals finanzierte Hermann von Pückler, wohl auch, um den Busenfreund über seinen Sturz aus allen Himmeln hinwegzutrösten, die Veröffentlichung der Scheferschen Gesänge zu dem Pianoforte bei Breitkopf und Härtel. Von den fünfzig Liedern sind zwei, die gänzlich ohne Eifersuchtssticheleien noch einmal das volle Glück der großen Liebe beschwören, wohl erst im Erscheinungsjahr 1813 komponiert: Nachtbesuch (18) mit einem Akkompagnement von schwellender Frühlingspracht - und das nichtendenwollende selige Strophenlied Des Liebenden Morgen (19). Aber die „Wonne vergangener Tage" ist unwiederbringlich, auch wenn Schefer das wohl beste Lied seiner Sammlung (20, wohl ebenfalls erst 1813 komponiert) Wiederkehr nennt. In dem weitausgesponnenen Gesang tönt zum erstenmal jener Wechsel von der Moll- zur Durparellele auf, der hinter der grauen Wirklichkeit noch einmal den goldenen Traum der Liebe aufleuchten lässt.
Die letzten Lieder unserer CD entstanden erst nach Erscheinen der Gesänge und blieben Manuskript. In Ewige Klage (21) malen Tremoli das Elementare der Lust. Sie ist vergänglich: „Weg mit der Nacht ist das selige Wissen! Weg mit der Lipp' ist das süße Genießen". Wieder beschwört der Moll-Dur-Wechsel „himmlische Träume", die den Träumer „beschränkt und verwirrt" entlassen. - Im Januar 1814 schloß Schefer das Tagebuch seiner großen Liebe ab – auch der Schmerz verlor seine produktive Kraft. Mit An die Ungetreue (22) steht am Ende wieder ein Lied – kein Gesang -, aber extensive Vor- und Nachspiele von aufregender Chromatik betten es ein, und das Biographische rückt sonderbar in die Ferne: dem Vogelsteller entkommt die Nachtigall; von hinter den Blütenwänden des Frühlings her „gießt sie Leiden in sein Ohr"…

Epilog
Die Gesänge zu dem Pianoforte, erschienen 1813, widmete Schefer einer anderen. Aber vergessen hat er Agnes nie, obwohl er sie um 25 Jahre überlebte. Daß auch sie die Liebe ihres Lebens im Herzen bewahrt hatte, eine ganze unglückliche Ehe lang, erfuhr Schefer 1837, als ihm folgendes Gedicht der Verstorbenen überbracht wurde:

Das, was wir vor der Welt verschweigen,
Verborg'nes Glück, es bleibt uns eigen,
Das löscht kein Tag aus unserm Herzen,
Das überwachsen keine Schmerzen.
Durch unser Aug' kann's Niemand sehn
Jm Grund der Seele funkelnd stehn.
Wir tragen's still von Port zu Port,
Und tragen's stumm zum Himmel fort.

Siebzehn Jahre nach Agnes' Tod hat Schefer das Gedicht vertont. Es wurde seine letzte vollendete Komposition; ihr folgen nur noch Fragmente.


schefer lieder dreyer erbe musik

(2006)

Beschreibung der CD: www.kulturpixel.de/publikationen,
Rezensionen: www.kulturpixel.de/rezensionen,
was nicht im Booklet steht: "Der Graf als Kuppler",
ein Highligt der Anthologie: "Herbstlied".
Im Mai 2011 wiederentdeckt: Die "Gedichte 1823-1836".
Neu: Agnes' Gedichte und weitere lesenswerte Artikel.


Kommentare zu diesem Artikel ansehen | Kommentar zu diesem Artikel verfassen

Zur Startseite

Nach oben

made by hsulzer internetagentur © 2007