Johann Gottlieb Fichte (1762-1814)
Das Rammenauer Wunderkind
Von Bernd-Ingo Friedrich
Über den Philosophen Fichte muß man nichts Grundsätzliches mehr schreiben, denn davon gibt es bereits mehr als genug. Deshalb soll es hier nur um ein paar biographische Details gehen, die mit Leopold Schefers Biographie korrespondieren.
Der begabte Fichte, Sohn eines mittellosen Bandwebers in Rammenau bei Bischofswerda, hatte bis zu seinem neunten Lebensjahr lediglich den damals üblichen Unterricht erhalten, der vor allem aus den Fächern Religion und Kirchengesang bestand und darüber hinaus allenfalls Elementarkenntnisse im Lesen, Schreiben und Rechnen vermittelte. Die Rammenauer Schulverhältnisse entsprachen alles in allem den im Artikel über Andreas Tamm geschilderten. Indessen konnte Fichte selbst an einem solchen Unterricht kaum teilnehmen, denn weit öfter hatte er die Gänse des Dorfes zu hüten oder seinen Eltern zur Hand zu gehen. Der Ortspfarrer hatte sich seiner ein wenig angenommen, und er war es auch, der ihn eines Tages dem kurfürstlich-sächsischen Amtshauptmann, Kammerherrn und Gutsbesitzer Freiherr Ernst Haubold von Miltitz vorstellte. Dieser hatte die Sonntags-Predigt verpaßt und der Pfarrer versicherte ihm, der kleine Fichte würde sie zufriedenstellend wiederholen können. Der Vortrag übertraf alle Erwartungen, und der Junge wurde umgehend in einer Art Crashkurs von einem Hauslehrer auf Schloß Siebeneichen auf den Besuch der Meißener Stadtschule, und anschließend dort auf den Besuch der Fürstenschule Schulpforta bei Naumburg (Saale) vorbereitet, die er von Oktober 1774 bis zum Jahre 1780 bezog. Eine Freistelle, erwirkt von den Verwandten des inzwischen verstorbenen Freiherrn von Miltitz, ermöglichte ihm ein Studium der Theologie, das er in Halle begann und in Leipzig beendete. Es folgten zehn Jahre Tätigkeit als Hauslehrer und Hofmeister, die ihn von 1784 bis 1788 auch in verschiedene Orte der Oberlausitz führte. Belege darüber existieren kaum. In einer speziellen Studie finden sich dazu ein paar Absätze, von denen der folgende für uns von Interesse ist:
„Nach seiner Anstellung in Elbersdorf hat Fichte, spätestens seit dem Frühjahr des Jahres 1786, ein weiteres Hauslehreramt in der sächsischen Provinz ausgeübt. Es handelt sich um den Ort Wolfshain zwischen Spremberg und Muskau, einer auch heute noch ziemlich abgelegenen und menschenleeren Gegend. Sein Prinzipal war vermutlich der Besitzer dieses Ortes, Johann Friedrich von Helbig. Fichte betätigte sich in dieser Zeit auch als Aushilfsprediger, z.B. am 25. März 1786 in Dubrauke, einem kleinen Ort zwischen Bautzen und Niesky.1 In Wolfshain hatte er mehrere Eleven auf geistige Art zu versorgen und auf einen Stand zu bringen, daß sie im Herbst 1787 das Gymnasium in Guben besuchen konnten. Nach dieser Edukation bemühte er sich um eine weitere Stellung in oder um Bautzen.“2 Aus der Wolfshainer Zeit ist auch ein Brief überliefert, mit dem sich Fichte in einer praktischen Angelegenheit an seinen Vater wandte:

„Wolfishein d. 13. Mai. 1787.
Bester Vater,
Ich hoffe, daß Er meinen Brief vom Ende vorigen Monats, im Einschlage an Herr Burschen schon erhalten 4hat. Ich habe darinnen von meinen Befinden, und von meinen Umständen alles gesagt, was zu sagen war. Jetzt habe ich einen Auftrag an Ihn, den ich so bald, als möglich zu besorgen bitte.
Ich weiß, daß in Rammenau ein ganzer Busch von Lerchenbäumen ist. Im Gespräch sagte ich das einmal meinem Herrn Principal, und er wünschte dergleichen Saamen zu haben, und hat mir Auftrag gegeben, ihn welchen zu verschaffen. Ich bitte Ihn also hiermit, mir bei dem Jäger (wenn er nicht gerne wollen sollte, so muß er ihn in seinem, und auch in meinen Namen sehr bitten, und ihm sagen, daß mir eine große sehr große Gefälligkeit damit geschähe, und daß ich zu allen möglichen Gegendiensten bereit sey –) Ein Loth Lerchen Saamen zu verschaffen, gegen baare Bezahlung, die ich Ihn vor der Hand auszulegen bitte, die ich aber gleich nach Erhaltung des Saamens überschiken werde: sich aber zugleich bei eben dem Jäger genau und sorgfältig zu erkundigen, wenn? (ob im Frühlinge, oder Herbst) und wie? (ob dichte, oder dünne) der Lerchen Saamen gesäet wird, und besonders was vor Boden, ob leimigten, oder schwarzen schweren, oder sandigten erfordert: und mir so bald als möglich mit der Post den Saamen, nebst dieser Nachricht, genau und deutlich, zu überschiken, und zu melden, was er kostet.
Hierdurch, bester Vater, geschieht mir eine sehr große Gefälligkeit. Suche Er also ja mir sowohl den Saamen, als die dazu gehörigen Nachrichten zu verschaffen. Sollte, wie ich befürchte, der Jäger den Saamen nicht weggeben wollen, oder dürfen; oder sollte Er es sich nicht getrauen, 5es bei ihm dahin zu bringen, so bitte Er doch den Herrn Pfarrer Wagner, nebst vielen Empfehlungen von mir, die Sache zu übernehmen, der ihn vielleicht eher erhalten wird. Nur bitte ich mir auf jeden Fall baldige Antwort aus. Uebrigens ist meine Lage noch ganz die vorige. Ich wünsche, beste Eltern, daß Sie recht wohl, und glüklich leben, grüße alles mein Geschwister herzlich, und bin mit der kindlichsten Achtung
Ihr
Gehorsamer Sohn
Fichte.
Viel Empfehlungen an den Hr. Pfarrer, Frau Mutter, und Herrn Bruder. Ich bitte auf jeden Fall um baldige Antwort.“3
Leopold Schefer, sein Biograph Wilhelm von Lüdemann und darauf aufbauend das Professoren-Ehepaar Lars und Bettina Clausen4 berichten von dem Einfluß, den Fichte indirekt auch auf den Werdegang des damals gerade erst dreijährigen Schefer nahm, dessen Vater er des öfteren aufsuchte, um sich die endlos-langen Abende im „Lausitzer Sibirien“ kurzweilig zu vertreiben. Schefers Vater, ein Landarzt, licenciat medicinae, dem die zahlreiche Muskauer Konkurrenz das – finanziell – undankbare Geschäft der Armenversorgung überlassen hatte, war humorvoll, schnurrig und sozial engagiert; das Leben und die Nachrichten aus der großen weiten Welt, die Fichte in sein Haus brachte, werden wohl auch ihm gutgetan haben, und dessen Ratschläge für die Erziehung des – wie sich zeigen sollte – schwierigen Sohnes schienen ihm eingeleuchtet zu haben. „Mathematik und Griechisch“, soll Fichte gesagt haben, „Mathematik und Griechisch, Herr Doktor, und zeitig, zeitig, sonst lernt man es nicht und damit Nichts!“5 Dieser Anregung folgend, erlernte Schefer das Griechische und befaßte sich – nebenher – auch mit der Mathematik. Doch nicht nur im Griechischen war Schefer bald zu Hause, sondern ebenso im Neugriechischen, Lateinischen, Italienischen, Französischen, Englischen, Türkischen, Koptischen, Arabischen, Ägyptischen und Sorbischen – um nur die Sprachen zu nennen. Buchstäblich heißt es bei Lüdemann, etwas euphorisch:
„In dieser Zeit sah er nicht selten den damaligen Hofmeister in Wolfshayn, Fichte, und hörte diesen Landsmann auch wohl ein und das andere Mal in der deutschen Kirche zu Muskau predigen. Er nahm den Knaben wohl auf den Schooß und gab dem Vater wiederholt die Lehre für ihn mit: ‚Mathematik und Griechisch [... wir kennen sie schon]’. – Einst suchten ihn Vater und Sohn in Wolfshayn auf. man fand ihn im rothen Rock, den dreieckigen Huth auf dem Kopfe, in der Schenke, mit einem sehr hübschen Landmädchen – das seine Braut zu sein schien – tanzend. Als diese dann Abends am Hause vorüberfuhr, zeigte der Vater sie der Mutter und sie zischelten lächelnd zusammen, wie denn, nach der Meinung unsres Freundes, die Frau eines Arztes den großen Vorzug vor anderen Frauen genießt, Mitwisserin vieler Familiengeheimnisse und darum ruhig zu sein. Und so erfuhr denn der Freund auch früh aus Winken, Büchern und Bildern des väterlichen Arbeitstisches viel von den Geheimnissen der Natur, die so lange seine Seele beschäftigten und ihr zu ‚nagen’ gaben, zu einer Zeit, wo andere Knaben noch über dem Knoten im Faden grübeln oder über die Mirakel des Jahrmarkts staunen.“ Und Lüdemann fährt fort: „Nicht minder wirkte ein anderer Lehrer, der Rektor der Schule, Thamm [recte: Tamm], ein Mann von edelster Art, voll Freimuth und Menschengefühl, – dessen junges und schönes Weib verbrannte – wohlthätig auf den Knaben ein, dergestalt, daß der Freund noch heute von seiner negirenden Art, die Weltvorgänge zu betrachten, etwas in sich zu verspüren meint.“

Die besonderen Umstände seiner Bekanntschaft mit Fichte führten Schefer später zu einer intensiveren Beschäftigung mit ihm und zeitigten – bei Schefer nicht anders denkbar – eigenartige Folgen, deren gravierendste war: Er nahm ihn nicht an.
Fichte und Tamm führten ihm gegensätzliche Positionen vor: Tamm trat dafür ein, aus der Erkenntnis heraus tätig zu werden, während Fichte sich für das reine Theorieverkünden entschied; Zitat nach Clausen/Clausen: „[...] tut, was ihr ohne dies zu tun schuldig seid, gebt den Handel mit dem natürlichen Erbteile des Menschen, mit seinen Kräften frei, ihr werdet das merkwürdige Schauspiel erblicken, daß der Ertrag des Grundeigentums und alles Eigentums im umgekehrten Verhältnisse mit der Größe derselben stehe, der Boden wird ohne gewalttätige Ackergesetze, die allemal ungesund sind, von selbst sich unter mehrere verteilen, und euer Problem wird gelöst sein. Wer Augen hat zu sehen, der sehe, ich gehe meines Weges weiter fort.“6
Schefer begegnete Fichtes zynischer Attitüde mit Skepsis, er entschied sich für das Tätigwerden. Er war 19, als er rückschauend seinem Tagebuch anvertraute: „Doch muß man sich hüthen, nicht aus der Verachtung des Todes etwas schlechtes zu begehen. Wie handelt wie wagt mancher Geliebte, der entschloßen ist zu sterben – Werther z.B. – Denn man glaubt der Tod macht alles gleich. In dem Falle war Fichte in Wolfshain; er hatte sich bis zur Verachtung der Welt durchgearbeitet: bis zu dem Gipfel wo er sie als ein Nichts als alles gleichgültig betrachtete. Er war damals ohngefähr 28 Jahr: Hier ist unser Scheideweg – er verachtete alles – das heißt sein Verstand, aber Fichte der Mensch* machte ein Mädchen unglüklich, u. äußerte, es sey ja einerley, ob sie das Kind ---- oder mordete u.s.w. [...] * Das Mädchen heißt: C. Augustin (jezt in Görlitz)“7
Entscheidend für Schefer war letzten Endes die Bewährung des Menschen (Fichte) im praktischen Leben. – Es ist nicht leicht, die Welt zu bessern, doch mindestens ebenso schwer ist es, sich selbst zu veredeln.
(29.01.2010.)

1 Gemeint ist hier sicherlich Dubraucke, seit 1937 Eichwege, heute zu Döbern (NL) gehörend. Besitzerin des Rittergutes war damals die Familie von Schlieben.
2 Achtundvierzig Briefe von Johann Gottlieb Fichte und seinen Verwandten [...] Hrsg. Moritz Weinhold. Leipzig: Fr. Wilh. Grunow 1862; S. 3-5.
3 Aschoff, Frank: „Zwischen äußerem Zwang und innerer Freiheit. Fichtes Hauslehrer-Erfahrungen und die Grundlagen seiner Philosophie.“ In: Anfänge und Ursprünge. Zur Vorgeschichte der Jenaer Wissenschaftslehre. Hrsg. Wolfgang H. Schrader. Fichte-Studien 9. Editions Rodopi B.V. Amsterdam-Atlanta: GA 1997; S. 34.
4 Clausen, Bettina und Lars: Zu allem fähig. Versuch einer Sozio-Biographie zum Verständnis des Dichters Leopold Schefer. 2 Bde. Frankfurt am Main: Bangert & Metzler 1985; Bd. 1, S. 124ff.
5 Lüdemann, W.(ilhelm) v.(on) „Leopold Schefer’s Leben und Werke.“ In: Laienbrevier von Leopold Schefer. 12. Aufl., Leipzig: Veit & Comp. 1859; S. XIX.
6 Fichte, Johann Gottlieb: „Beiträge zur Berichtigung der Urteile des Publikums über die Französische Revolution.“ In: Staatsphilosophische Schriften. Hrsg. Schulz, Hans/ Strecker, Reinhard. Leipzig: Felix Meiner Verlag 1919; S. 134. Zitiert nach Clausen/Clausen I:127.
7 Schefer, Leopold: Tagebuch V, S. 25, Eintrag mit Datum 25.3.1804. LS-Nachlaß in der OLBdW Görlitz.
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