Laien, Breviere, Laienbreviere
Leopold Schefer und sein (fast) vergessener Bestseller
Von Bernd-Ingo Friedrich
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Seit gut 170 Jahren erfreut sich das Gedicht „Geh fleißig um mit deinen Kindern" großer
Beliebtheit. Es ist das Gedicht zum „Februar VII" aus Leopold Schefers Laienbrevier.
Doch seit 100 Jahren sind der Bestseller des 19. Jahrhunderts und sein Dichter nahezu
vergessen – zu Unrecht, wie sich bei unvoreingenommener Beschäftigung mit ihnen bald
erweist.
Der Muskauer Dichter und Komponist Gottlob Leopold Immanuel Schefer wurde am 30. Juli 1784 als Sohn eines Arztes geboren. Seine ersten Lehrer waren der Rektor Tamm und der Hofrat Röhde. 1799 bezog er das Gymnasium in Bautzen, das er jedoch 1804 ohne Abschluß verließ, um daheim seine kranke Mutter unterstützen zu können. Er bildete sich autodidaktisch weiter, hauptsächlich in der Muskauer Schloß-Bibliothek. 1806 unternahmen er und Graf Hermann von Pückler eine Wanderung „nach der Schneekuppe", wobei Schefer den Weg zur Burgruine Kynast zu Fuß zurücklegte, während der junge Graf sich in einer Sänfte hinauftragen ließ – eine Episode, die deshalb erwähnenswert ist, weil sie das ambivalente Verhältnis der beiden Jugendfreunde bestens charakterisiert, ohne daß man es weiter erörtern müßte. Ende 1812 übernahm Schefer als Generalinspektor Pücklers die Geschäfte der Standesherrschaft und führte sie erfolgreich bis 1816. In jenem Jahr trat er mit finanzieller Unterstützung des Grafen eine ausgedehnte Reise durch Europa und Kleinasien an, die er seine „Lebens-Universität" nannte und von der er 1819 heimkehrte. Zu Beginn dieser studierte er Komposition bei Salierei und Heidenreich in Wien. Hier befaßte er sich auch mit Medizin und erlernte weitere Fremdsprachen, so daß er schließlich neben Deutsch und Sorbisch Lateinisch, Alt- und Neugriechisch, Englisch, Französisch, Italienisch, Koptisch, Türkisch sowie ein wenig Arabisch und Ägyptisch sprach. 1821 heiratete er, baute sich ein Haus nach seinen Plänen, bezog es 1831 und verließ Muskau von da an nur noch zu einigen wenigen, kürzeren Reisen. Er bezog vom Grafen Pückler (ab 1822 Fürst) zunächst eine kleine Ehrenpension, konnte jedoch bald von den Einkünften aus seiner Schriftstellerei leben. Er stand insbesondere der Fürstin Pückler nahe und half ihr während der häufigen, oft ausgedehnten Reisen Pücklers in der Administration Muskaus und bei der Anlage des Parkes; eine Anthologie aus den 1960er Jahren nennt ihn irrtümlich sogar als den Schöpfer des Muskauer Parks. An der Herausgabe der Schriften Pücklers hatte er ebenfalls großen Anteil. Leopold Schefer starb am 13. Februar 1862.1
Schefers bekanntestes Werk ist das Laienbrevier,2 ein weltliches Andachtsbuch, das für jeden Tag des Jahres ein Gedicht enthält, Schaltjahre eingeschlossen, eingeteilt in Monate und Tage. Dessen Entstehung und Verbreitung waren eng mit dem Wirken des Berliner Verlegers Moritz Veit verbunden, der einer reichen Familie entstammte und somit als Verleger in der glücklichen Lage war, weitgehend seinen Neigungen folgen zu können. Zusammen mit seinem ehemaligen Kommilitonen Dr. Joseph Levy hatte er am 1. Januar 1834 den Verlag Veit & Comp. eröffnet. Veit, der mit einer Arbeit über den Saint- Simonismus promoviert hatte und der gern die Universitätslaufbahn eingeschlagen hätte, entschied sich für den Beruf des Verlegers, weil ihm als Jude eine Aufnahme in den Staatsdienst verwehrt war. Schwerpunkte seiner verlegerischen Tätigkeit wurden die Rechts- und Naturwissenschaften, Medizin, Mathematik und die Schachliteratur. Herausragende Publikationen des Verlags waren die Entscheidungen des Reichsgerichts und das heute nach seinem letzten Herausgeber kurz der „Pschyrembel" genannte, von Otto Dornblüth gegründete Klinische Wörterbuch, welches im Jahre 2004 seine 260. Auflage erlebte. In den Jahren 1855 bis 1861 amtierte Veit als Vorsteher des Buchhändler-Börsenvereins. Vielen seiner Autoren, die er sorgfältig auszuwählen pflegte, wurde Veit zum Freund. Er schrieb selbst und beteiligte sich auch beratend und empfehlend an der Entstehung der von ihm verlegten Werke.

Das Laienbrevier bezeichnete Veit als „das erste literarische Evenement" seines
Verlages. Veit, der Schefer zuvor schon für die Mitarbeit an dem von Chamisso und Schwab
bei Reimer herausgegebenen Deutschen Musenalmanach zu gewinnen versucht hatte,
lernte die ersten Gedichte des Laienbreviers durch die Vorabdrucke kennen. Er bat Schefer
um das gesamte Manuskript und erhielt es im März 1834. Noch im Frühjahr erschien der erste
Band. Veits Anregung, das Werk einer hochgestellten Persönlichkeit zu widmen, folgte
Schefer nicht. Ebenso unterblieb das Betiteln der Gedichte, und auch die Beigabe seines
Porträts lehnte Schefer ab. Gleichfalls 1834 erschien Schefers zweibändiger Roman Die
Gräfin Ulfeld oder die vierundzwanzig Königskinder, der bereits von einem anderen
Verleger gedruckt, aber noch nicht ausgeliefert und von Veit übernommen worden war. Für
die Zukunft wurde unter anderem eine Fortsetzung des Laienbreviers mit dem Titel
Hausreden beschlossen und im Meßkatalog für 1837 bereits angekündigt. Eine
Gesamtausgabe der Werke Schefers hingegen wurde verschoben, weil der Ankauf der
Verlagsrechte für die auf zahlreiche Almanache und Sammlungen verteilten Novellen zu
große Summen erfordert hätte.3
Die Gedichte des Laienbreviers entstanden größtenteils zwischen 1807 und 1822. Spuren finden sich bereits im Tagebuch XIII, das von Januar bis März 1807 reicht. Auf dessen Titelblatt bezeichnet Schefer sich als „22 Jahr und 5 Monat jung". Eine später mit Bleistift hinzugefügte Notiz auf Seite 95 des Tagebuches XXI, von Juli bis September 1808, lautet: „NB / hierin sind die ersten Sprüche zum Laienbrevier (mehrfach unterstrichen) p 71, 72 u. 73 – und schon gute, wahre, ja schöne." Der Breslauer Dichter, Publizist und Literaturhistoriker Rudolf Gottschall nannte Schefer einen „Weisheitsdichter in der Jugend" und, mit Bezug auf die sinnlichen Gedichte der reiferen Jahre, „Liebessänger mit grauem Haare".4 Die ersten einunddreißig Gedichte, den Monat Januar, veröffentlichte Schefer 1828 in der zweiten, stark veränderten Auflage seiner Gedichte, betitelt Kleine Lyrische Werke. Der Februar mit nur 28 Gedichten erschien vorab in Wendts Musenalmanach für das Jahr 1830, im gleichen Almanach für 1832 erschienen die 31 Gedichte des März. Das Laienbrevier wurde in zwei Lieferungen herausgegeben; zwischen der Erstauflage des ersten Halbjahres 1834 und des zweiten Halbjahres 1835 wurden noch einmal 14 Gedichte des 2. Halbjahres in der Zeitschrift Phönix vorab veröffentlicht.
Der Gedanke, ein Buch wie das Jahr mit seinen 365 bzw. 366 Tagen in ebenso viele Abschnitte aufzuteilen, ist möglicherweise so alt wie das Buch selbst. In der Literatur ist eins der ersten Bücher dieser Art Petrarcas Canzoniere, an dem der Dichter ein ganzes Leben lang arbeitete, bis es in der letzten, neunten Fassung von 1374 Umfang und Geschlossenheit eines Jahreszyklus erreichte.
Die Verbindung von lyrischer Poesie und „gottgegebenem" Inhalt gab es bereits im Judentum und in der frühchristlichen Kirche, v.a. in den Psalmen. Im Zusammenhang mit der Vervollkommnung des Kalendariums, der Unterteilung des astronomischen Jahrs in Wochen und Monate, und nach Einführung der Wasseruhr auch des Tages in Stunden, entstanden detaillierte Gebetsordnungen für das Berufspriestertum. Die Grundlage dafür bildete das Kirchenjahr. Bereits seit dem 4. Jahrhundert existierten verschiedene Ordnungen für das öffentliche Gebet, eine generell verbindliche Ordnung mit der Bezeichnung „Breviarium" wurde von Gregor I. um 900 im wesentlichen festgelegt und im 16. Jahrhundert unter Pius V. mit dem „Breviarium Romanum" im wesentlichen abgeschlossen.5

Im dritten Band von Pierers Konversationslexikon (1889) heißt es unter „Brevier":
1. Gebetbuch des kath. Klerikers mit den Stundengebeten; tägl. kirchl. Stundengebet;
2. kurze Sammlung wichtiger Stellen aus den Werken eines Dichters oder Schriftstellers.
Schefer wählte die Bezeichnung „Brevier" mit Bedacht. Er lehnte sich damit an eine
christlich-orthodoxe Tradition an und entwand der katholischen Kirche, gegen die er
zeitlebens und oft heftig polemisierte, einen bis dahin ausschließlich von ihr besetzten
Begriff. In Verbindung mit „Laien" führte er ihn ad absurdum und sprach der Priesterschaft
gleichzeitig das alleinige Recht zur Religionsausübung ab. Seine Wortschöpfung erwies sich
als außerordentlich werbewirksam. Einen Versuch, an den Erfolg des Laienbreviers
inhaltlich und dem Namen nach anzuknüpfen, stellte auch der nächste Gedichtband Schefers
mit dem Titel Vigilien dar, so genannt nach den Nachtwachen des Breviers. Formale
Vorbilder des Laienbreviers waren außerdem die v.a. im Pietismus in zahlreichen
Variationen beliebten „Schatzkästlein", von denen Bogatzkys Schatzkästlein der Kinder
Gottes6 am bekanntesten wurde, und die danach entstandenen
Herrnhuter Losungen.
Bis zur dritten Auflage erfuhr das Laienbrevier sowohl inhaltlich als auch in der Form noch einige Umarbeitungen, ab der vierten erschien es unverändert in einem Band und ohne die Unterteilung in zwei halbe Jahre. Um den Käufern der Erstauflage die umfangreichen Änderungen und Ergänzungen der zweiten Auflage zugänglich zu machen, gab Veit acht Seiten „Additamenta" heraus.7 Mit der achten Auflage erhielt es als Frontispiz ein Porträt Schefers, das als die meistaufgelegte seiner Darstellungen bis heute das Bild des Lesers von Leopold Schefer prägt. 1857 brachte der Verlag innerhalb der Ausgewählten Werke Schefers das Laienbrevier mit einer biographischen Skizze Wilhelm von Lüdemanns auf den Markt. Die etwas euphorisch geratene Preisung des Freundes wurde später nur noch einmal in die 12. Auflage aufgenommen. Das Buch erhielt eine zunehmend üppigere Ausstattung; die letzten Auflagen schließlich präsentierten den stets bescheidenen Dichter, der sich Zeit seines Lebens nur einen einzigen Rock geleistet haben soll, im Gewande des inzwischen beliebten Goldschnittlyrikers. Als schämte es sich dessen, verschwand es nach den bescheideneren Ausgaben bei Reclam und Hendel in Halle und einer letzten bei Veit & Comp. unter nationalem Schwulst und Pathos im Dickicht der Gründerzeit- Literatur.
Der Verleger Veit erwies sich für Schefer und sein Brevier als ein Glücksfall. In der Festschrift des Verlages de Gruyter, in dem Veit & Comp. 1919 aufging, heißt es dazu: „Den ‚Dichter der Dichter, den Stifter einer neuen Religion' meinte der Verleger in dem populären Biedermeierautor Leopold Schefer gefunden zu haben. Mit einer Mischung aus Bildung und Unterhaltung sprach Schefer ein großes Lesepublikum an. Sein Laienbrevier (...) war die mit Abstand erfolgreichste Publikation von Veit & Comp. und zugleich das Lieblingsbuch des Firmenchefs."8

Das ererbte Vermögen gestattete Veit, seine „Lieblingskinder" gediegen auszustatten. Sie
zeichneten sich vor allem durch solide Einbände, gutes Papier und saubere Typographie aus.
Letztere wurde besonders liebevoll eingesetzt in Mahomets Türkische Himmelsbriefe
(1840), einem ansonsten spartanisch broschierten und allerdings ziemlich kuriosen Werk
Schefers aus dem Jahre 1840; es gehört zu den sogenannten „orientalischen Dichtungen", die
damals im Zuge der ersten großen Reisewelle des Bürgertums in Mode kamen. Die großen
Auflagen des Laienbreviers wurden in verschiedenste Buchbindereien gegeben, und wohl
deshalb begegnet man heute auch dem in der Manufaktur gebundenen Laienbrevier
innerhalb einer Auflage in zahlreichen Einbandvarianten. Eine der schönsten und dem Inhalt
am besten angepaßten ist die der 19., der letzten Auflage des Laienbreviers überhaupt: blaues
Leinen, bedruckt mit weißen Margueriten und Laub vor einem gelben, goldumrandeten Band,
Bienen, einem Spinnennetz und goldenen Schriftzügen in relativ einfacher Schreibschrift -
und natürlich dickem Goldschnitt. Den unzweifelhaft prächtigsten und auch schönsten
Einband dürften jedoch einige Exemplare der zwölften Auflage erhalten haben. Im Archiv der
Stiftung Fürst-Pückler-Museum Park und Schloß Branitz befindet sich ein solches. Bei ihm ist
das bereits erwähnte Porträt Schefers gestochen scharf auf dunkelgrünes Leinen geprägt,
umgeben von reicher Blattwerk-Ornamentik.9
Der Form nach sind die auch „Sprüche" genannten Gedichte des Laienbreviers ungereimte, meist fünfhebige Jamben, die damals keinen guten Ruf genossen. Sie sind aber wie die gereimten Lehrgedichte seiner Kollegen Rückert (1788-1866), Daumer (1800-1875), Bodenstedt (1819-1892) oder von Sallet (1812-1843) (alle vier mit Vornamen Friedrich!) dem Anliegen Schefers, seine Philosophie zu verkünden, völlig adäquat:
„Reich ist man nicht durch das, was man besitzt, sondern mehr noch durch das, was man mit Würde zu entbehren weiß; und es könnte sein, dass die Menschheit reicher wird, indem sie ärmer wird, und gewinnt, indem sie verliert",
heißt es bei Epikur*; bei Schefer unter dem „Januar XXIV":
Was wir gebrauchen, haben, macht uns reich –
Wir haben das nicht, was wir nicht gebrauchen.
So wären denn die meisten Menschen reich,
Wenn sie nicht wünschten, was sie nicht gebrauchen,
Und was der nicht besitzet, der es hat.
Auch ein Vergleich des Originals mit der Prosa-Bearbeitung Dr. Julius Bolias, die einen Versuch darstellte, das schwer verkäuflich gewordene Werk dem veränderten Zeitgeschmack anzupassen, macht das augenfällig. Bolia muß das Ungenügende seines Versuchs selbst empfunden haben, denn er schließt die Betrachtung des jeweiligen Tages meist mit einem Zitat aus dem Original.
In ihnen spricht sich Schefers pantheistische Weltsicht in der tiefen Überzeugung aus, daß alles, was geschieht zum Besten des Menschen sei: „Gott ist überall und alles ist göttlich und darum ist alles gut, alles geschieht zur rechten Zeit, alles gedeiht zum wahren Glück des Menschen, auch das Unglück und der Schmerz. Denn nur der Mensch kennt das wahre Leid und Leiden-können ist echt menschlich, Mensch-sein aber ist göttlich."10 Zum Laienbrevier selbst schreibt der Bibliophile Max Morold: „Aus meiner Knabenzeit erinnere ich mich, daß meine Mutter, wenn sie mit mir zur Kirche ging, statt eines Gebetbuches das in Goldschnitt gebundene ‚Laienbrevier' von Schefer mitnahm, aus dem sie die reinste Andacht schöpfte." Solche und ähnliche Zeugnisse sind mehrfach überliefert. Schefers lebhafte Anteilnahme am Schicksal alles Lebenden und Seienden fand die Sympathie eines Publikums, das an zunehmender Verunsicherung durch die ökonomischen und politischen Verhältnisse einer Gesellschaft am Vorabend der frühbürgerlichen Revolution litt. Dazu läßt Schefer die Person des Giordano Bruno in der Novelle Göttliche Komödie in Rom über sich selbst sagen: „Ich bin kein gleichgültiger Pantheist, ohne Liebe zu Allem und Jedem, was da ist. Nein, umgekehrt gewähre ich immer die ganze Liebe meines Herzens Jedem, Jedem, der da ist, auch dem Veilchen, dem ich nahe komme."11

Die Wirkung des Breviers auf das literarische Publikum war selbst für den Autor und dessen
Verleger überraschend. Stellvertretend für alle wohlwollende Kritik steht hier ein Brief, den
der Fürst Pückler 1838 aus Damaskus an Schefer schrieb:
„Liebster Scheffer! (sic!)
(...) Ich muß noch ein Blatt über Ihr Laienbrevier hinzufügen. Es ist Ihr
bestes, ein vortreffliches Werk! Ganz entfernt von jener Dunkelheit, ja bei allem Menschthum
der Gedanken zuweilen Schwülstigkeit und Manier die nach meinem Urteil die Fehler
mehrerer Ihrer Erzählungen sind. Hier finde ich nun klare, milde Perlen an Edelsteine gereyht;
die aus Natur und Leben tief und vorurtheilsfrey geschöpfte Weisheit, im lieblichsten
Gewande wie zum heiligen Christ bescheert.
Ich wünsche Ihnen Glück zu diesem Werke und
zu dem nie versigenden Segen, den Tausende daraus schöpfen werden. Dieß Buch wird ein
Volksbuch werden, nicht für den Plebs aller Klassen, aber für alle Edlere darunter, und sein
Einfluß auf wahre Menschenbildung muß groß und dauernd seyn.
Daß ich dieß tief empfinde
und mit Ihnen aus Herz und Seele übereinstimmen kann, rechne ich mir zur Ehre (...)." 12
Als Alfred Brehm in den Jahren 1847 bis 1852 zusammen mit seinem Bruder Oskar und Dr. Richard Vierthaler Nord-Ost-Afrika bereiste, befand sich auch in seinem Gepäck ein Exemplar des Laienbreviers. Dieses und andere Bücher hatte er sich von zu Hause nachschicken lassen, wie aus einem Brief an seine Mutter hervorgeht. Darin schrieb er: „Auch würde es mir die größte Freude sein, einige deutsche Klassiker und vor Allem Schillers Gedichte von Euch zu erhalten, denn nach einer solchen Lektüre, und solchem Genusse sehne ich mich fortwährend. Auch bat ich in dem Briefe, den der Baron (v. Müller; 1824-1866) mitnahm, um 'Schäfers Laienbrevier', Berlin 1839, das ich ja nicht zu vergessen bitte, denn der Geist bedarf wirklich manchmal einer tröstenden, beruhigenden Lektüre, und gerade diese bietet jenes Werk." (Siehe dazu auch "Lehre und Trost" auf kulturpixel.de.)
Ein Teil seines Erfolgs ist sicherlich in dem gleichzeitigen Erscheinen von David Friedrich Strauß' Das Leben Jesu (1835) zu suchen, in dem dieser die historische Zuverlässigkeit der Evangelien verneinte und für einen von der christlichen Überlieferung gelösten Glauben eintrat. Diese Entwicklung hatte sich im Streit der Theologen, in dem Supranaturalisten und Rationalisten gegensätzliche Positionen einnahmen, bereits angedeutet. Strauß stellte der altkirchlichen Exegese und ihrer Negierung durch die Rationalisten eine mythische Erklärung zur Seite. In diesem Sinne stellte er die historische Person Jesus in Frage und deutete sie als Mythe, als die Verkörperung eines idealtypischen Menschen. Damit entzog Strauß dem Christen einen weiteren Vermittler des Göttlichen; doch während Luther „nur" den Papst in Frage gestellt hatte, zielte Strauß' Buch auf Jesus selbst.
Das Laienbrevier mit seinem pantheistischen Weltbild bot hier Ersatz. In einer Zeit auch massiver gesellschaftlicher Umbrüche - das Kommunistische Manifest erschien 1847 - gab das Laienbrevier vielen Menschen die Möglichkeit einer Hinwendung zu Gott jenseits der konventionellen Formen.

Das Laienbrevier war Schefers einziges Buch, das einen wirklichen
buchhändlerischen Erfolg hatte. Nach dem Mißerfolg der 1845 schließlich doch zustande
gekommenen Werkausgabe begann Veit, sich von seinem Lieblingsautor geschäftlich zu
lösen. Die Anfang der 30er Jahre beschlossenen Hausreden erschienen z.B. 1855 bei
Katz in Dessau und erst in dritter und vierter Auflage bei Veit. Eine Entfremdung zwischen
Schefer und Veit trat dadurch nicht ein. Schefer blieb sowohl mit dem Verleger und dessen
Familie als auch seinem Compagnon Josef Levy, der sich seit 1839 Lehfeldt nannte, über
gelegentliche Differenzen hinweg bis zuletzt freundschaftlich verbunden. Auch als Veit den
Verlag nach Lehfeldts Tod 1859 an Theodor Einhorn verkaufte, blieb die Verbindung
erhalten. Ein letzter Brief Schefers an Moritz und Johanna Veit ist datiert „Muskau den 12ten
November 1861".
Eichhorn verlegte den Verlag noch im Jahre 1859 nach Leipzig, wo er von da an 60 Jahre lang selbständig blieb. 1898 wurde das Laienbrevier ein letztes Mal aufgelegt. 1919 ging Veit & Comp. in die Vereinigung wissenschaftlicher Verleger Walter de Gruyter & Co. ein. Die Werke Schefers, die weder dem Zeitgeist des Kaiserreiches entsprachen, noch von den folgenden politischen Systemen „gebraucht" werden konnten, wurden zu Ladenhütern. Noch 1950 waren bei de Gruyter Die Gräfin Ulfeld, die vierte Auflage der Hausreden (1869) und Mahomets Türkische Himmelsbriefe erhältlich; letztere für ganze 80 Pfennige! (Die polnische Übersetzung der ersten drei Monate des Laienbreviers, 1843 gratis an die Abonnenten einer Lyrikreihe abgegeben, wurde 2003 durch das „Warszawski Antykwariat Naukowy" bei einem Schätzpreis von 60 für 10.000 Zloty versteigert - damals stolze 2.000 Euro!) Vorrätig waren außerdem noch Die Sprache des Herzens. Vier Novellen der Frau von W., herausgegeben von Leopold Schefer (1838) und das Laienbrevier in der Bearbeitung des Veit-Nachfolgers Dr. Julius Bolia von 1872.13

Im Sog des Originals, wie üblich bei Bestsellern, entstanden weitere Laienbreviere. Das
Neue Laienbrevier von Wilhelm Wolfssohn als eins der ersten benutzt allerdings nur den
attraktiven Titel, denn dabei handelt es sich lediglich um eine Anthologie. 14
Anders z.B. Das kleine Laien-Brevier für sinnige Frauen und Jungfrauen aus dem
Nachlasse der Tante, das sich in Inhalt und Form an das Vorbild hält.15
Aus neuerer Zeit stammt ein Versuch, den zugkräftigen Titel für die Kirche zu
nutzen.16
Schriften mit der Bezeichnung „Laienbrevier", die Kompliziertes idiotensicher erklären sollen, ob Haeckel, Kant, Musik, das Zeitungswesen, den Umgang mit Wein, deutscher Sprache oder die „Verteilung der irdischen Güter", sind inzwischen Legion. Es gibt ein „Laienbrevier gegen den Tod oder die unübertroffenen Mittel der Alten zur Verlängerung des Lebens und zur Bewahrung der Gesundheit". Zu Schefer passend gibt es ein „Laienbrevier des Pantheismus" sowie ein „Laienbrevier der Poetik".17
Gedichte des Laienbreviers sind seit seinem Erscheinen, vor allem aber in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in zahllosen Anthologien enthalten. Anneliese Dühmerts Bestseller Von wem ist das Gedicht? nennt einige davon.18 Auch in lyrischen Blütenlesen der Gegenwart – wenn auch nicht bei den Gralshütern der literarischen Hochkultur wie Conrady, Killy, Reich-Ranicki usw. - sind „Klassiker" des Laienbreviers zu finden. Im Parkland Verlag erschien 1998 die Sammlung Die schönsten Gedichte aus acht Jahrhunderten mit drei Gedichten Schefers. Zuletzt enthielt 2005 die Jubiläumsausgabe des Hausbuchs deutscher Dichtung Der ewige Brunnen das beliebteste Gedicht aus dem Laienbrevier, eben jenen Spruch „Geh fleißig um mit deinen Kindern".19
(2006. Stark gekürzt erschienen in: Marginalien 183/ 3.2006.)

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Anmerkungen
1 Zur Biographie Schefers: Friedrich, Bernd-Ingo: Leopold Schefer/ Dichter und Komponist/
1784-1862. Görlitz: Neisse Verlag 2005.
2 Schefer, Leopold: Laienbrevier. Berlin: Veit & Comp. Erstes Halbjahr 1834, Zweites
Halbjahr 1835, weiter Veit, Bln. 37, 39, 44, 46, 50(2), 52(2), 55, 56, Veit, Lpz. 59, 63, 67, 69, 72, 78, 84, 98;
Reclam, Lpz. 1893; Hendel, Halle 1897; Brewiarz Swiecki (Teilübersetzung poln.) Warszawa 1843;
The Layman's Breviary (engl.) Boston 1867; Prosa-Bearbeitung (Bolia) Veit, Lpz. 1872.
3 Geiger, Ludwig: Dichter und Frauen. Vorträge und Abhandlungen. Berlin: Verlag von
Gebrüder Paetel 1896; S. 266-281.
4 Gottschall, Rudolf von: Die deutsche Nationalliteratur des 19. Jahrhunderts. 4 Bde.
Breslau: Trewendt 1875; Bd. 3, S. 53ff.
5 Bäumer, P. Suitbert: Geschichte des Breviers. Versuch einer quellenmäßigen Darstellung
der Entwicklung des altkirchlichen und des römischen Officiums bis auf unsere Tage. Freiburg im Breisgau:
Herder'sche Verlagshandlung 1895.
6 Bogatzky, Carl Heinrich von: Güldenes Schatz-kästlein der Kinder Gottes, deren Schatz im
Himmel ist; bestehend in auserlesenen Sprüchen der Heiligen Schrift, samt beygefügten erbaulichen
Anmerkungen und Reimen. Halle (Saale): Verlag der Buchhandlung des Waisenhauses 1718; erreichte 67
Auflagen bis 1924.
7 Schefer, Leopold: Zur ersten Ausgabe des Laienbrevier: Sprüche, welche in der neuen
Ausgabe einige älteren ersetzt haben. Berlin: Veit & Comp. 1837.
8 Ziesak, Anne-Katrin: Der Verlag Walter de Gruyter 1749-1999. Berlin-New Yorck:
Walter de Gruyter 1999; S 114 u. Abb. S. 115.
9 NB. Mit der Ausgabe von Reclam taucht in der Reihe der Laienbreviere erstmals die
Beschriftung des Buchrückens in Längsrichtung auf. Während die Rückentitel bis dahin nur eine Leserichtung hatten, wie auch die
genormten Bücherrücken der DDR beispiels- und praktischerweise, tragen sie heute Aufschriften in allen
Richtungen oder gar keine oder derart unsinnige Titel, daß man sie genauso gut weglassen könnte, und das
Absuchen eines Bücherregals ist zur veritablen Wirbelsäulengymnastik geworden.
10 Morold, Max: „Ein vergessener Dichter". In: Deutscher Bibliophilen-Kalender für das
Jahr 1916. Vierter Jahrgang. Wien: Verlag von Moritz Perles 1916; S.56f.
11 „Göttliche Komödie in Rom". In: Ausgewählte Werke. Berlin Veit & Comp. 1845/46;
S. 33.
12 Wolkan, Rudolf: „Fürst Pückler-Muskau und Leopold Schefer." In: Neues Lausitzisches
Magazin. Bd. 62 (1886); S. 148.
13 Verlags-Katalog 1749-1949. Berlin: Walter de Gruyter & Co. Vormals Göschen'sche
Verlagshandlung/ J. Guttentag, Verlagsbuchhandlung/ Georg Reimer/ Karl J. Trübner/ Veit & Comp. 1950.
14 Neues Laienbrevier. Aus deutschen Dichtern der Vergangenheit und Gegenwart. Hrsg.
Wilhelm Wolfsohn. Dessau: Gebrüder Katz 1854.
15 Bayer, Marianne: Das kleine Laien-Brevier für sinnige Frauen und Jungfrauen aus dem
Nachlasse der Tante. Gera: Verlag von Ißleib & Rietzschel 1876.
16 Laienbrevier. Hrsg. Josef Dirnbeck. Band 1, Januar–April. Düsseldorf: Patmos 1989.
Dass. Band 2, Mai–August u. Band 3, September–Dezember. Düsseldorf: Patmos 1990.
17 Hellpach, Willy: Tedeum. Laienbrevier einer Pantheologie. Hamburg: Christian
Wegner Verlag 1947. Dingler, Max. Kleine Poetik. Ein Laienbrevier über die Formgesetze von Vers und
Reim. Donauwörth, Ludwig Auer / Cassianeum. 1950.
18 Dühmert, Anneliese: Von wem ist das Gedicht? Eine bibliographische
Zusammenstellung aus 50 deutschsprachigen Anthologien. Berlin: Haude & Spenersche Verlagsbuchhandlung
1969.
19 Die schönsten Gedichte aus acht Jahrhunderten. Hrsg. Carl Stephenson. Mit einer
Einleitung von Rudolf Hagelstange. Köln: Parkland 1998. Der ewige Brunnen. Ein Hausbuch deutscher
Dichtung. Hrsg. Ludwig Reiners. München: C. H. Beck 2005.
* Auszug aus einem Brief von Dr. med. Gunther Greger, Unterschleißheim, den 08.08.07.
(...) "Der erste Teil des Zitates von Epikur lautet: 'Reich ist man nicht durch das, was man besitzt, sondern mehr noch durch das, was man mit Würde zu entbehren weiß.' (...) Der zweite Teil Ihrer Zitatwiedergabe ist elegant angeschmiegt, stimmt so aber nicht.
Originalzitat-Übersetzung Epikur: 'Gemessen am Zweck der Natur ist Armut ein Reichtum; Reichtum aber, der keine Grenzen kennt, ist große Armut.' (im Gnomologicum Vaticanum, einer griechischen Handschrift des 14. Jahrhunderts enthalten).
Analoge Aussage Epikurs in dieser Handschrift: 'Wer der Natur folgt und nicht leeren Meinungen, der ist in allen Stücken unabhängig; gemessen an dem, was der Natur genügt, ist jeder Besitz Reichtum, wenn aber das Verlangen keine Grenzen kennt, ist selbst der größte Reichtum Armut.'
Bei dieser Gelegenheit noch ein Lehrsatz Epikurs zur Bescheidenheit: 'Wir dürfen das, was wir haben, nicht entwerten durch das Verlangen nach dem, was wir nicht haben, sondern müssen bedenken, dass auch unsere jetzige Habe uns einmal als etwas Wünschenswertes
erschienen ist.'" (...)
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