Die Pflicht unzufrieden zu sein
Von Leopold Schefer
Den Frieden habe; habe Freudigkeit
Und himmlischstarke Freudigkeit im Herzen;
Sei auch mit Frieden unzufrieden, sei
Unruhig stets mit ewiggleicher Ruhe;
Zur Unzufriedenheit erhebe dich;
Du wirst erhaben, wirst du unzufrieden,
Selbst besser wirst du, wirst du unzufrieden
Mit allem, in dir, außer dir, jedem Kleinsten
Noch um dich her, geschweige mit dem Großen
Das allem Volk noch schwere Tage macht
Und dir und deinen Lieben bittres Leben,
Unwürdiges, nicht wahrer Menschen werth.
Du fühle Abscheu, du sei unzufrieden!
Du sei geschäftig, rüstig, stark, gewaltig!
Wer schon voraus zufrieden ist mit allem
Was da geschah, geschieht, geschehen wird,
Der ist schon fertig eh’ er angefangen,
Der braucht nicht erst zu leben; wer mit Holz
Und Topf und Feuer schon zufrieden sitzt,
Mit Pflug und Saatkorn faulzufrieden ruht,
Der ist schon fertig mit dem Tag, dem Jahr;
Wer mit dem Gotte selbst schon fertig ist,
Schon mit dem Himmel und mit aller Wahrheit,
Der hat sich selbst beraubt um Gott und Himmel,
Um seiner Seele – denn er ist zufrieden.
Zufriedensein, das ist die größte Schande,
Das größte Unglück einem Kinde schon,
Dem Jüngling und der Jungfrau und dem Weibe,
Dem Manne, selbst dem menschlichen Geschlecht;
Nie wird es aus dem Paradiese kommen,
Dem müßigen, unwürdigen des Menschen;
Erst da das Weib sich schämte, ward es Weib,
Erst da der Mensch sich schämte Mensch zu sein,
Da ward er still zu Gottes Geist verklärt.
Nur unzufrieden sein macht liebethätig,
Macht weise, macht zufriedner jeden Abend,
Macht rüstiger an jedem Morgen, macht
Am Lebensabend uns mit uns zufrieden.
Die Stets- Zufriednen sind die armen Schaafe
Die nie zu Glück, zu Frieden nie gelangen,
Denn Frieden wird nur froh durch Kampf ersiegt,
Die Unzufriedenheit bezeugt den Frieden
In dir, bezeugt laut dein vollkommenes Herz.
Die Unzufriedensten nur sind die größten,
Die edelsten, die frömmsten aller Menschen;
Sie sind den Seligen gleich in schwerer Arbeit,
Sie sind dem Gotte gleich an Himmelsruhe.
Gefunden in:
Buch des Lebens und der Liebe. Herausgegeben von Alfred Moschkau.
Leipzig: Verlag von Louis Senf 1877.

Für die Scheuklappenträger: Die heile Welt zum Selbersticken.
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