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Der Ex-ewige Jude.

Bekanntmachung in der Smyrna`schen Zeitung.

(Von Leopold Schefer.)*)



scheferiana ej1 dore ewiger jude fuchs


Ich melde hierdurch allen Bekannten
Und Freunden, Gönnern und werthen Verwandten,
Die theil an meinem Schicksal genommen
– Weil mir ein Fehler so schlecht bekommen
Draus keine andre Erlösung war,
Nach der ich gelaufen so manches Jahr,
Drob’ Jeglicher wär’ desparat geworden,
Da auch nicht geholfen mich selbst ermorden –
Ich melde zugleich den berühmten Dichtern,
Und sehe sie schon mit langen Gesichtern:
Daß ich mich selbst erlöset habe,
Nun ehrlich gelange zu meinem Grabe,
Auch meine Kinder wieder sehe,
Wenn ich zum Paradies eingehe,
Zu einem andern zwar, doch gilt es
So gut wie ein andres, und Keiner schilt es!

Doch wie ich auf Erlösung gerathen,
Das sag’ ich hier Pfaffen und Soldaten.
Was sein soll schickt sich wunderlich,
Und Gott erbarmt auch des Viehes sich;
Das hatt’ ich schon bei Dampfwagen ermessen
Und grad’ in Trübsal niemals vergessen;
Wo kann man nun trauriger sein als in Rom?
Drum schlich ich dort einst aus des Täufers Dom,
Da rannte ein Türke wie blind an mich an,
Das machte mich straks bekannt mit dem Mann,
Und gehend hub er mir an zu erzählen,
Was ihn auch für schwere Marotten quälen:
„Ich bin ein geborner Weiberfeind
und hasse den Mond, wo immer er scheint,
Am Himmel und auf der großen Moschee,
Und Moschee und Himmel selbst tun mir weh;
Drum kann ich Melonenscheiben nicht essen,
Und will den Halbmond durchaus vergessen!
Auch reisen ist mir die größte Last,
Die Pilgerreise nach Mekka verhaßt!
Und erst Vier schöne Weiber zu haben,
Da möchte sich lieber ein Mann vergraben;
Die fröhlichen Nächte in Rhamadan
Bei schönen Sclavinnen grausen mich an;
Und dann nach dem Leben das Paradies;
Mit gar unsterblichen süßen Houri’s,
Die tausend Jahr mich auf einmal umarmen,
Da möchte sich doch ein Stein erbarmen!
Und endlich noch gar die Belohnungen alle
Für gute Werke! die machen mir Galle!
Ich bin einmal ein eigener Mann,
Die Pluderhosen schon widern mich an!
Da hat mir nun hier ein Pfaffe gerathen:
Entlaufe dem Mahom, wie andre Soldaten,
Geh’ zu Uns über, und lasse Dich taufen,
Da werden sich Deine Gedanken verlaufen!
Den ganzen Kram wirfst Du zum Teufel
Und lachst Dir in’s Fäustchen! Nur keinen Zweifel!
Heut werd’ ich getauft in Johanns Taufhause
Und lade Dich günstig zum Kindtaufschmause!“ –

Drauf sah ich ihn taufen und ging zum Schmause;
Der Türke war ganz aus dem Hause,
Wie eine Schnecke noch schauernd bloß,
Und freute sich über die Maaßen groß,
Daß er vom Mond war ledig und los,
In Halstuch, Frack und enger Hos’,
Er aß den Schweinebraten ganz herrisch,
Und ward vor Freiheit ganz ernstlich närrisch
Und heimlich in’s Irrenhaus geführt.

Das hat mich wunderlich tief gerührt!
Ihn nahm ich mir nun zu meinem Exempel,
Und schiffte nach dem – Sophientempel.
Ich trat vor den Mufti, den heiligen Mann,
Klagt’ ihm mein Loos: stets leben zu müssen
Bis die Sonne einst wird die Bude schließen,
Und dann erst die Hoffnung: – verdammt zu werden
Ob eines Fehlers voreinst auf Erden.
Da sprach zu mir der heilige Mann
Und sah mich dabei wie allmächtig an:
Ach dummes Zeug! Wer was nicht mehr glaubt,
Dem ist es aus dem Gehirn gestaubt;
Dein Fehler ist bei Uns kein Fehler,
Er ist eine Tugend! Sei nicht Dein Quäler!
Wer Rachsucht und göttlichen Unsinn glaubt,
Dem ist Vernunft und Gott geraubt –
Ich nehme Dich in des Propheten Schutz,
Du bietest mit Gott dem Weltall Trutz!
Verschnitten, das darfst Du nicht mehr werden –
Du bist ja ein alter Dukaten auf Erden,
Sprich laut und von Herzen nur: „Gott ist groß!“
So bist Du die Juden und Christen los
Und allen ihren tausenden Kram,
Der Dich so lange gefangennahm.

Drauf zog ich mir Pluderhosen an
Und war ein gläubiger Muselmann;
Ich wand mir den Turban um den Kopf,
Und nahm mich vor Freuden selbst bei’m Schopf;
Ich steckte die lange Pfeif’ in’s Gesicht
Und rief erlöset: „Nun bin ich es nicht!“

Gleich spürt’ ich den Nutzen von meinem Glauben:
„Den Tod kann Niemand dem Menschen rauben,
Dem Menschen kann Niemand den Himmel verschließen“;
Drum sei noch männiglich frei zu wissen:
Erduldet hatte ich satt des Spottes;
Das Recht des Menschen, des Alters, des Gottes
Fing mir zur Freude nun an zu gedeih’n: –
Mir fielen die festen Backen ein!
Mir fiel ein Haar aus! O Gnadenbeweis!
Der Bart ward wie mir wie Schnee so weiß!
Die Augen wurden mir schwächer und trüber,
Und gingen vor Wonne mir darob über!
Ja, Gott sei Dank, am Schwinden der Waden
Nun spürt’ ich recht wieder Gottes Gnaden!
Seit Jahrhunderten tat ein Zahn mir weh,
Darüber jauchzt’ ich Juchheisa Juchhe!
Denn nun war Alter und Tod mir zu hoffen!
Mein Scharfsinn hatte das Mittel getroffen,
Die Geistes-Kur schlug glücklich an,
Mein Zauberkreis beschützt mich fortan.
Im neuen Bezirk, in den heiligen Grenzen
Schmück’ ich mich noch mit den herbstlichen Kränzen,
Denn von reizender Hoffnung will ich nur raunen
Durch meine Frauen, der Weißen, und Braunen .....
Ach, meine Tochter Lea, mein Ruben,
Wie dem Hiob ersteh’n sie mir aus der Gruben!

Drum melde ich mit vergnügtem Sinn
Daß ich nicht mehr der ewige Jude bin,
Nur simpler Türk’, und vernünftiger Mann,
Der aller Welt läßt ihren Bann,
Weh’ Dem, der der Narr der Welt bleibt, Hélas!
Wohl Dem, der sich selbst erlöset, Sela!
Ich empfehle mich zu geneigtem Andenken
Und bitte, mir fernere Gunst zu schenken.
Ich danke allen Dichtern zumal,
Die sich gequälet mit meiner Qual –
Sie haben alles in Wind geschrieben,
Ihr Werk ist ohne Beschluß geblieben –
Mich freut es nun, ihnen Schluß zu geben,
So wie der schwank verdienet eben;
Mich schließt Ihr nun besser als Goethe den Faust,
Der sich darüber die Haare zerzaust’.

--- Jetzt verkauf ich: „Alle Sorten Toback“
Und kümmere mich nicht um den jüngsten Tag,
in meiner von Fremden bestürmten Bude!

Der erlöste
und Ex-ewige Jude.

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*) Bis jetzt ungedruckt [1841].


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