Der Glockenklöppel
Aus dem Nachlaß von Leopold Schefer
Von Leopold Schefer
Faltblatt o.O, o.V., o.J. (nach 1848, vermutlich Andruck).

Mutuos plango. Mortuos voco. Laqueos frango.
(Stumme beklag’ ich. Todte erweck’ ich. Fesseln zerbrech’ ich.)
Der Meister.
Jetzo mit der Kraft des Stranges
Wiegt die Glock’ mir aus der Gruft,
Daß sie in das Reich des Klanges
Steige, in die Himmelsluft!
Ziehet, ziehet, hebt!
Sie bewegt sich, schwebt!
Freude dieser Stadt bedeute,
Friede sei ihr erst Geläute.
Und nun lauten die Vertrauten,
Ziehen, ziehen mit Bemühen
An den dicken Glockenstricken,
Wer zu haben, Greis und Knaben;
Ja die Enden in den Händen
Freun sich hoch die Kinder noch;
Auf der Treppe eine Schleppe
Volkes hört, wie bethört,
Luftverloren, spitzt die Ohren;
Und erst drunten steht in bunten
Trunknen Massen auf den Gassen
Hoffnungssatt die ganze Stadt.
Alles horcht hinauf, hinauf,
Horcht, da oben die zu loben;
Taube sperrn die Mäuler auf,
Um den ersten Schall zu fangen,
Der von Oben ausgegangen!
Wie auf eine Nachtigall,
Die auf einem Baume sitzet,
Horchen all’ auf ihren Schall.
Und ein Müder spricht und schwitzet:
Wir wie Narren melken zu,
Dreißig wie an einer Kuh!
Will der Bull die Milch nicht geben?
Giebt die Glocke einen Ton?
Nicht ein Brummen! nicht ein Summen!
Stummgeboren, zum Verstummen,
Müht sie uns, und ohne Lohn!
Sind denn heut noch Hexen da?
Heißt sie nicht Concordia –
Ist getauft! und sind wir Sünder
Erz zu taufen, gleich wie Kinder?
Schreit ein Kind doch gleich so frisch –
dieser Pelzrock, dieser Fisch
Muckt nicht! läßt sich schlafend wiegen;
Laßt ihn hängen! zum Vergnügen.
Drunten fangen selbst die Sichern
Immer lauter an zu kichern,
Bis ein ungeheures Lachen
Losbricht wie ein Donnerkrachen!
Zornroth geht der Magistrath
Durch die Bürger seiner Stadt:
„Volk, mein treues Volk, Geduld!
Wir, wir alle sind nicht Schuld!
Mißgeboren, mißgerathen
Ist die Glocke! - Auf zu Thaten!
Trifft’s den Meister, so bezahl’ er!
Holt den Besten, holt Schwanthaler!
Der Bavaria schuf so weise,
Der verstehet Guß und Speise!
Fried’ und Freude nicht bedeuten
Kann das nur geträumte Läuten!
Stille sein da droben soll es!
Volksgespötte wird ein tolles!
Aber die da droben läuten
Uns die Schande zu bedeuten!
Ungeheures Volksvergnügen,
Wenn auch Glocken mehr als lügen!
Wenn sie mächtig ganz verstummen
Und uns nur die Köpfe summen!“
Jetzo bricht der Tadel los,
Alles spottet, klein und groß;
Selbst ein Zwerg aus hohem Loch
Ruft: der Thurm nur ist zu hoch!
Darum hört aus Sonnenweite
Ihr auch niemals ein Geläute! –
Und ein Mann des Volkes spricht:
„Scheltet Volksverstand nur nicht!
Nennt mich keinen groben Flegel;
Bin ich auch kein Gießer nicht,
Sag’ ich, was der Glock’ gebricht!
Bin nur: August Wilhelm Schlegel;
Hört: Der Meister hat vermessen
Hat den Klöppel drein vergessen!
Glaubt, die Glock’ ist gut und rein,
Auf, jetzt ihren Klöppel drein!
Wenn er dazu taugte .... nein,
Laßt den Schwätzermeister sein.“
Wer nun das Gelach gehört,
Das das Volk gelacht, der schwört:
Alle Götter hört’ ich lachen!
Nein, das war kein Donnerkrachen!
Unterdessen ist der Meister,
Der so kluge Reden führte
Und den größten Fehl nicht spürte,
Aus dem Schwarm der Lachegeister
Schaamvoll aus dem Volk entwichen,
Heimlich auf den Thurm geschlichen;
Ihm auch hat mit Macht geschwungen
Doch die Glocke nicht gesungen –
Und verzweifelt, furchtbezwungen,
Fliegt er jetzt herabgesprungen
Doch der Sprung ist wohlgelungen;
Denn ein großes Fuder Betten
Muß als Vorsehung ihn retten,
Und die wahrlich heut nicht Blinden
Wollen an den Wagen zünden –
Doch die Weiber dauern Betten!
Weiber sind es, die ihn retten,
Doch sie sagen ihm die Wahrheit,
Als sie ihn herabgerissen;
- Kinder halten ihn beim Rocke,
Männer sagen ihm mit Klarheit:
Sollt’ ein Mann wie Du nicht wissen –
Erst der Klöppel macht die Glocke!
Alle Worte sollen gelten,
Die zur Arbeit Du gesprochen,
Eins nur müssen alle schelten,
Das Du an dem Volk verbrochen:
„Weh’ Denen, die den Ewig-Blinden
Des Lichtes Himmelsfackel leihn.“ –
Weh’ denen, die das Licht nur leihn,
Es nicht dem Volk zu eigen geben!
Jetzt gilt nicht blos gespitzter Mund!
Nein: „Klar gepfiffen“ heißt’s jetzund!
Doch sollst Du frei ausgehn und leben,
Nur das soll Deine Strafe sein:
Laut also sollst Du reuig sprechen:
„Ich sagte da ein groß Verbrechen,
„Ich schalt die Völker ewig-blind –
„Vergebung! mag mir’s Gott nicht rächen!
„Denn jeder Mensch ist Gottes Kind!“
Und reuig sprach der gute Mann
Mit bloßem Haupte lobesan:
„Ich sagte da ein groß Verbrechen,
„Ich schalt die Völker ewig-blind –
„Vergebung! mag mir’s Gott nicht rächen!
„Denn jeder Mensch ist Gottes Kind!“
Da schütteten die Weiber gut
Ihm Reisegeld in seinen Hut,
Da sangen stracks aus Stadt und Haus
Die Kinder ihn zum Thor hinaus.
Und ein Ankerschmied, voll hellen
Geistes, ruft sein Volk Gesellen:
„Droben hoch in Gottes Frieden
Wohnt die Glocke groß und rein,
Laßt uns ihr den Klöppel schmieden,
Daß sie schall’ ins Land hinein.
Auf, Gesellen, frisch
An den Eisentisch!
Zieht die Bälge, schürt das Feuer,
Denn der Augenblick ist theuer!“
Denn was sich sonst in hundert Jahren
Hinschleppen durfte wie auf Bahren,
Das muß im Monde jetzt geschehen!
Die Zeit des Säumens ist verschwunden,
Denn in des Tages Götter-Stunden
Verdrängt das Neueste das Neue
Am Morgen ist das Gestern alt,
Der Mensch vergißt es ohne Reue.
Die Geister sind im Auferstehn –
Die alte Erde, sie zerrinnt,
das Weltgericht mit Macht beginnt,
Der Himmel jetzt bekommt Gehalt,
Die Erde jetzt bekommt Gestalt;
Das macht die himmlische Gewalt,
die in den Lenz herabgestiegen,
Die siegen wird, und weiß zu siegen!
Dämonisch fliegen
Die Schiffe, die Wägen,
Die Worte des Menschen
Auf feurigen Stegen;
Die Ferne ist nah
Die Küste ist da!
Was schien zu trennen,
Die Ströme, die Meere:
Verbindet die Heere
Der Menschen! Es kennen,
Es schaun sich die Feinde,
Und werden Gemeinde!
Sie werden die Menschheit,
In jeglichem Haus,
Und der Völkerhaß
Auf ewig ist aus!
Nehmet deutsches Eisen, festes,
Eine Barre frei von Bruch!
Schweißt den Wirtel, als sein Bestes,
Um die Spindel; stark genug,
Schwör’ ich, wird der Ring,
Dran der Klöppel schwing’!
Aus den Oesen ihn zu lösen,
Nie geling’ das selbst dem Bösen!
Laßt uns feierlich betrachten:
Was ihr mit dem Klöppel schafft!
Denn die Glocke, zum Verachten,
Hatte nicht die kleinste Kraft:
Denn, die Zunge ausgeschnitten,
Oder ihr noch nicht gegeben,
Hing sie in des Thurmes Mitten
Dumm, ein Riese ohne Leben –
Und der Mensch hat eine Seele!
Eine Welt auf seinem Herzen!
Soll er allen Drang verschmerzen?
Nimmer sagen, was ihm fehle?
Daher stammt die große Fehde,
Doch die Freiheit giebt die Rede
Und die Zunge schafft das Glück,
Wie das Aug’ den Sonnenblick.
Keine Mutter ist so schnöde,
Die dem Kind die Zung’ ausreißt!
O wie freut sie sich der Rede,
Wenn es nur sie „Mutter“ heißt!
Könnt’ ihr Kind nicht Mutter sagen,
Schnitt’ es ihr die Seel’ entzwei;
Kann der Mensch nicht Freiheit sagen,
Bricht dem Gott das Herz entzwei.
Nicht die Freiheit ist das Größte,
Doch die Sklaverei das Bös’ste;
Freiheit ist der Weg zum Leben,
Alles Gute zu erstreben;
Nur das Leben ist die Sache
Und die Freiheit ist die Wache,
Ist der Völker Schutz und Trutz
Für des Himmels Frucht und Nutz.
Lebt! da habt ihr alle Lehre!
Lebt mit Muth! das bringt euch Ehre!
Lebt mit Treu’ und Redlichkeit!
So erfüllt ihr groß die Zeit.
Ob ihr Ackerfurchen ziehet
Oder Draht, ob Seile spinnt
Oder Seide, Netze strickt,
Oder euer Brod gewinnt,
Wenn ihr vor dem Amboß glühet,
Ob ihr einen Anker schmiedet,
Oder einer Glocke Seele
Allem Volk zusammenschweißt –
Menschen bleibt ihr hochbeglückt.
Nur der Ruf, im Land’ erschall’ er:
Ueber eurer Arbeit aller
Schwebe euer klarer Geist!
Strebe euer weises Herz,
Einen Himmel in den Blicken,
In der Brust der Welt Entzücken;
Frohes Lied aus reiner Kehle,
Rings von freier Welt umfriedet.
Jetzo gilt’s ein muthig Wagen,
Stimmet laut mit allen ein.
Denn die Freiheit wird nun sagen:
Jeder soll erzogen sein
Wie des größten Königs Kind
Für des Lebens schönen Reih’n,
Keinem Guten taub und blind!
Zweimal wird kein Kind belogen,
Zweimal wird kein Aff’ betrogen.
Nur ein glücklich freies Land
Wird vom Volk mit Macht verteidigt,
Jeder kämpft mit Herz und Hand
Um sein Glück, ganz unvereidigt,
Gott hat ihm solch Land bescheert –
Doch ein andres ist’s nicht werth.
Ruhig läßt man es vergehen,
Denn das Volk wird doch bestehen,
Lachend hebt es keinen Finger
Vor dem fremden Landbezwinger,
Ruhig geht es aus dem Haus,
Wandert mit den Seinen aus.
Darum sorgt, daß hier euch werde
Eine heil’ge deutsche Erde!
Schafft voll Kraft mit Herz und Hand
Euch ein theures Vaterland.
Und das Volk, das froh zu handen,
Wartet vor des Schmiedes Haus,
Hat die Worte wohl verstanden,
Bricht in lauten Jubel aus.
(Bricht in lauten Jubel aus:
Unser König der soll leben!
Er, der Deutsche, ist es eben,
Eh’ der große Februar
Zu des Landes großer Glocke
Ihm den Klöppel abgerungen,
Eh’ die Macht sie sich erzwungen,
Uns der Freiheit Geber war.
Er, der tapfre Sohn der Guelfen,
Wird dem deutschen Volke helfen
Auch ein Vaterland zu haben,
Wofür uns zu sterben lohnt,
Reich geschmückt mit allen Gaben,
Deren Macht im Menschen thront. – )
(Von Schefer gestrichen)
Rasch, nach einem kurzen Rathe,
Steht das ganze Volk zu Pathe,
Jubelnd bei dem Eisenkind,
Wird der Name ihm gegeben:
„Traugott Deutscher.“ – Der soll leben!
Und den Glockenklöppel tragen
Starke Pathen nun geschwind
Auf den Schultern zu dem Thurme,
Und er fliegt hinauf im Sturme;
Eingeschnallt in seine Oesen
Taumelt er, wie selbst berauscht,
Seine Zunge frei zu lösen;
Alles Volk, begeistert, lauscht.
Jetzo fällt der erste Schlag –
Jetzo, scheint es, wird es Tag,
Jetzo wird fürwahr geläutet!
Jeder helle Schlag bedeutet
Helle Freude jeder Brust,
Alle jubeln laut vor Lust,
Die die Glocke übertönt;
Jeder Trug ist ausgesöhnt,
Kinder jauchzen, Greise knieen,
Männer glühen, Weiber beten
Vor dem Himmelsklang betreten;
Alle wissen, was sie meinen,
Was sie beten, was sie weinen!
Und der Meister vor der Schmiede
Steht, sein Mützchen in der Hand:
Was ist schön wie Fried’ und Freude!
Hat das Volk nicht Volksverstand?
„Halle laut im Vaterlande,
Heil’ge Glocke, frei vom Bann!
Binde mit des Herzens Bande!
Alle Deutsche, seid ein Mann!
Jetzt den Muth zur That!
Jetzt der Geister Rath
Bring’ uns sanft der Menschheit Tage!
Glocke, mahn’s mit jedem Schlage!“
Leopold Schefer

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