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Theaterrede für Heerd und Altar

Aus dem Nachlaß von Leopold Schefer

Von Leopold Schefer

Tagebuch 80, Seite 25f. Unveröffentlicht.



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Die Erde soll die grosse Schauspielbühne
Dem grossen menschlichem Geschlechte sein,
Frei unter offnem sonnenhellem Himmel
Da soll es seine Mensch-Begehungen
Aufführen, seine grossen Heereszüge
Mit scharfen Waffen, Dolchen, todgeladnen
Geschossen; mit den lebenden Personen
Die ihren eignen Lebenslauf aufführen
In ihren eignen Kleidern, ganz mit ihren
Selbsteignen Worten aus der eignen Brust,
Mit ächten Thränen aus dem Quell der Augen,
Mit einer Wahrheits-Treu, Gefühls-Inbrunst
Die tief ergreift und zum Erstaunen hinreisst.

Das leben ist das allerhöchste Kunstwerk
Vom allergrössten Dichter ausgedacht,
Mit allen reichsten Mitteln schön in Scene
Gesetzt, mit Bergen, Thälern, Meeren, Städten;
Mit Thürmen – und mit wahren Gräbern, wahren
Denkmalen ... alles wirklich was es scheint!
Und wie bewundernswürdig und natürlich
Spielt jedes Kind: „Das Kind“ in jedem Hause,
Daß es die Mutter an das Herz sich zieht,
Sie, die die Mutter giebt wie eine Göttin;
Der Vater aber giebt sich, als der grosse,
Mit allen Schätzen ausgerüstete
Urdichter, für den Abend seines Spieles
Der Vater selbst geworden! ...und im Bräutigam:
Der Bräutigam; ja der sogar die Braut
Im Brautgemache ... und der Mond geworden.
Und jede Seele die sie sieht und wird;
Wird von der Prachterscheinung fortgerissen
Und reisst die Anderen fort durch ihre Wahrheit:
Die Dargestellten selbst so schön zu sein;
Wie Rosen schön: „die dargestellten Rosen“...
Die Wolken selbst: „die dargestellten Wolken“...
Der Mond: „der Mond“, die Sonne selbst: „die Sonne“...
Die Sternennacht: „die goldne Sternennacht“...
Der Abendstern ihn vorstellt, und er ist.

Drum alles Spiel sei frei, und jeder Spieler
Der Schädliches nicht spielt – frei alle Züge:
Der Heereszug zur Schlacht! ... der Priester Züge
Ein jeder mit dem eignem heil’gem Spielzeug
Und mit dem Mundvoll schaurigen Gesängen
Die da ihr Gott nun, oder ihre Göttin
Und selbst ihr Kind gern hört, so wie sie glauben –
Sonst sängen sie ja nicht! und zögen nicht
Zum Tempel ihres Gottes, ihrer Göttin
Die weiter Niemand glaubt, und sie nicht glaubt.
- Mit allem seinem freiem Thun und Wirken
Ist erst der grosse Dichter selber frei
In seinem eignem Weltengrossem Hause
In seiner Wunderschöpferischen Seele.
Nur Wer der Andern Spiele launisch stört, /n
Der sei nicht werth: des Lebens Spiel zu spielen:
Die Kinderspiele auf den ew’gen Wiesen,
Die Schwalbenzüge in den blauen Lüften,
So wie der Töpfer Zug mit ihren Töpfen,
Und alles Volk in seiner Tracht und Sprache.
Unübertreflich spielt der ärmste Bettler
Den Bettler! ganz unübertreflich spielen
Die Todten in dem Sarge selbst: „die Todten!“
Unübertreflich spielt die Gans: „die Gans;“
Das kleinste Hühnchen schon: „das kleine Hühnchen“
Und pickt; und nippt im Schnäbelchen das Wasser
Und blickt dabei zum Himmel rührend auf,
Daß Dem, der’s schaut, vor Andacht Thränen fließen.

Wie ja das Leben frei ist, frei die Welt,
Und Alles was in ihr der Meister aufführt,
So sei die Kunst frei. Nur die Kunst sei frei
So ist das schönste Menschenleben frei.
Die Kunst ersetzt das Leben nicht allein,
Die Kunst ist selbst das götterhafte Leben
Und lehrt die Welt anschaun mir Götteraugen:
Ein jedes Kind, jed’ Haar und Weib und Veilchen!

Drum eh’ auf dem Theater eines Volkes
Nicht alles wahrhaft Menschliche und Wahre
Gleich aufgeführt darf werden, was von Todten
Auch gestern erst geschah, ja selbst der Todte
Von gestern, und der Lebende von Heut
Und was schon morgen in der Welt geschehn soll
Das Herz zu stimmen für den neuen Ort –
Eh’ ist der Mensch nicht frei so wie der Meister,
Er dann nicht wär’ der Alles herrlich aufführt;
Doch wo die Menschheit frei ist wie der Meister
Mit allem seinem wundervollem Schatten,
Da sind die Völker nicht mehr Geistessclaven
Und Keiner angstvoll Herr, und angstvoll Diener.

Leopold Schefer


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