Menschenleben auf neue Art
Aus dem Nachlaß von Leopold Schefer
Von Leopold Schefer
Tagebuch 80, Seite 21-23. Unveröffentlicht.
Da schritt vor Brahma’s goldnen Thron
Eine Menscheits-Deputation.
Und als sie vorgelassen war,
Da sprach der Sprecher frei und klar:
„Hochsel’ger Brahma, kein Erbarmen,
Nur Recht laß’ angedeihn uns Armen.
Es ist nicht länger auszustehn
Wie Du im Land es lässest gehn,
Als wollest Du uns zu Grunde richten,
Doch dazu sagen wir: „mit nichten!“
Du hast uns viel gegeben, fast
Soviel Du Reicher selber hast –
Doch alles durcheinander bunt
Aus einem Sack -: eckig, rund ....
Am Morgen dies, am Abend das,
Und sauer, süß aus einem Faß;
Nie ist was abgethan ... nach Jahren
Kommt noch ein Weisheitszahn gefahren;
Nie wird man Etwas gänzlich los,
Wie Pilze aus dem Erdenmoos;
Aus Deiner Zaubertasche, draus
Läuft Tod und Teufel, Katz’ und Maus,
Mohn, Mäusedreklein, Hekkerling,
Drängt in den Tag sich jedes Ding,
Fährt noch in Herbstes stillsten Tag
Ein Donnerwetter ohne Frag’;
Kurz, eine Schande ist zu schauen:
Ein altes Weib muß auch noch kauen,
Wie sie als kleines Kind gemummelt!
Doch das Leben uns verstummelt.
Wir wollen alles Lebens-Neue
So, das man satt daran sich freue,
Nicht zugeläppert, zugezinselt
Daß man sich immer krank dran pinselt;
Nie hilft uns gründlich Speis’ und Trank,
Vor tausend Sehnsucht bleibt man krank!
Das macht uns erst das Leben schwer!
Und sinnen muß man hin her
Wie man den Wirrwar zum Gedeihen
Mag an den Menschen-Faden reihen.
Was können wir zu allem machen
Als weinen ... oder, hör’ es: lachen.
Gieb miteinander jedes Ding!
Nicht zugezettelt nur gering;
Mit Einem Mal für Alle Mal
Sei’s abgetan mit seiner Qual.
Zum Schluß: Komm’ alles, groß und klein,
Wir wollen’s los auf Ein Mal sein –
Und sei’ens auch nur unsre Husten,
Auf einmal woll’n wir fort sie pusten,
Kurz Jedes nacheinander fort
Heim senden an den Höllenort.“/

„Das kann mir einerlei sein!“ sprach
Gott Brahma lächelnd, ganz gemach.
„Ich kann mir das gefallen lassen,
Wenn Euch es nur wird besser passen
Für Euch regier’ ich nur die Welt
Sey sie denn, wie Ihr wollt, bestellt.
Ich geb’ Euch alles vor wie nach -
Wie Ihr’s gebraucht, ist Eure Sach’;
Ich hab’ als Gott Euch gleich verstanden,
Entlaß’ die Welt aus ihren Banden
Und leg’ ihr auf: nur so zu walten,
Wie Ihr darüber denkt zu schalten;
Und wird auch Das einst zum Verdruß,
So setzen wir’s auf alten Fuß
Nur der hat ganz gewiß nicht Recht
Wer mir die Welt will machen schlecht –
Doch bleibt ein Kunstwerk stets das Leben,
Kostbar als Teppich erst zu weben.
So geb’ ich Euch denn Macht und Fug:
Thut Jeder, auf Einmal genug,
Gleich nacheinander ab! ... ja Macht:
Habt einen Tag nur! Eine Nacht!
Die Morgenröthe habt als Eine,
Die Abendröthen, Mondenscheine
Als Einen langen Mondenschein.
Ganz einerlei kann mir das sein.
Wollt in der Jugend Ihr das Alter –
Darüber auch seid freie Schalter;
Ja, daß ich voll Euch gnädig sei
Ich stelle das auch gern Euch frei:
Zu sterben am Beginn des Lebens –
Da ist die ganze Noth vergebens.
Doch hab’ ich Euch so klug gemacht
Um einzusehn was ich erdacht;
Erkennt drum meine Weisheit an:
Den Tod an’s Lebens-End zu setzen
Daß Ihr euch mögt zuvor ergetzen
Bis an das Ende vom Gedicht –
Und an des Lebens Anfang nicht!
Das schien mir doch zu Schöpfer-frei
Und etwas Unsinn nebenbei;
Ob Ihr auch soviel Wein gern trinkt
Bis Euch die ganze Welt versinkt
Und nur ein Traum kaum übrig bleibt
Der Euch im Hirn das Blut umtreibt,
So daß mir konnte blos durch Wein
Die Schöpfung ganz ersparet sein,
Doch mag so weiter Euch das freun;
Der Mensch will gar zu gern Nichts sein
Wie würd’ er sonst so mit Vergnügen
Noch kaum als Traum im Bette liegen!!!
Drauf wurd’ die Sendschaft abgeschieden
Und zog nachhaus in Freud’ und Frieden
Und machte unterwegs gemach
Den neuen Lebens Ueberschlag:
Wie viele Zeit all’ Leid und Freud’
Nun dauern würde, dichtgereiht?
Wozu sich würd’ das Volk bequemen?
„Des Menschen Essen währt fürwahr
Zusammen wohl die zwanzig Jahr;
Das Trinken (flüssig) gern: an Zwei;
Das Schweigen doch in Summa: Drei,
Das Reden gern an achtzehn Jahr,
Das Predigen: Leben eines Staar.
An fünfzehn Jahre währt das Kochen!
Sich waschen, putzen: tausend Wochen.
Ganz abgethan in Einem Saus
Ist Appetit und Putzsucht aus.
Das Kinderhaben, jetzt verzettelt,
Währt Frauen – nunmehr kurz erbettelt,
Zusammen fünf und zwanzig Monat
- Wer fromm=Heirathen nicht für Hohn hat,
Und, eh’ er sich nicht scheiden kann,
Bleibt lieber ohne Frau und Mann.
Das Wunderwerk nicht zu vergessen
Das edle Gegentheil von essen
Als Ganzes nimmt sechs Monat weg
Und hilft zu gar nichts, als vom Speck,
Macht Heilge und Propheten schauern
Daß uns die Himmlischen sehr dauern.
So, ist das Halbjahr abgethan,
Dann gehn die Himmlischen erst an
Auch einen Mond ist man wohl krank –
Dann sind wir leiden“frei und Frank!“
Das trugen sie dem Volke vor.
In jeder Stadt, in jedem Thor
Wurd Streit um Freiheit und um Wahl
Was erst? ... Was letzt? Wie allemal,
So siegten denn auch hier die Weiber
Mit ihrem Drang, als arme Leiber;
Die allerschlimmsten der Beschwerden
Mit Einem Male los zu werden:
Das Kochen; Waschen und die Scheuer
Erkauften sie sich nicht zu theuer
Mit einem alten Schrek von Jahren;
Sie wählten, sich ihr Recht zu wahren,
Jedoch zuvor „die fünf Jahr Kinder“
Die tausend Wochen Putz nicht minder;
Ihr Schweigen sollte mit dem Schlafe
Zusammen fallen, als nicht Strafe.
Das Lustrum Lachen, Lustrum Weinen
War durchgelebt im Land im Einen.
Sie hatten, schwazzend, Welt vergessen,
Dann zwanzig Jahr zu Tisch gesessen,
Und hatten ewig abgegessen
Grad’ als ich kam das Land vermessen.
Müd’ von dem viele Jahre kauen
Nun lagen schlafend sie zu schauen
In ihren Häusern allzumal,
Auf so viel Jahr frei aller Qual;
Und wenn sie würden auferstehn,
Dann sollt’ es an das Tanzen gehn.
Doch manche waren alt geworden
Mit grauem Haar als Lebens-Orden.

Allein die Deputation
War wach geblieben, um am Thron
Die Einsetzung in alten Stand
Zu fordern im verworrnem Land.
Sie führten seufzend mich herum
„Ach! Das war dumm! ... Ach! Das ist dumm!
„O ließen wir es dumm beim Alten,
„Da konnten Narr’n nicht dümmer schalten!
„Ein Jeder thu’ was Jeder braucht,
„Und thu’s zur Stunde wenn’s ihm taugt;
„Das Leben, ja die Welt zerstückt
„Macht Menschen immer neu beglückt;
„Ohn’ Wechsel, stets in Einem Saus
Hielt’ selbst im Himmel niemand aus!
„Was sanft uns bindet, treu und hold
„Das ist des LebensFadens Gold!
„Und sollt’ es fortan so bestehn,
„Da müssten Wir ganz ernstlich flehn:
„O setz’ uns, Gott, den Tod aus Gnaden
„Zu Lebens Anfang – uns kein Schaden!
Leopold Schefer
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