Gedichte von Agnes Gräfin von Pückler
Schwester des Fürsten von Pückler-Muskau
Herausgegeben von Leopold Schefer
Leopold Schefer, ein überzeugter Befürworter der 48er Revolution, lernte sie schwarz-rot-golden kennen, sie trug „ein gelblich seidenes Kleid und im schwarzen Haar [sicherlich rote] Rosen, auch vor der Brust (so ein Engel ist nie gewesen wie diese da war)“1 : Agnes, „Ange“, l’enfant d’or; L’aura, das goldene Kind; schön wie die heilige Cäcilie von Carlo Dolci, nur daß sie bald einen kleinen Buckel bekam. Die Liebesbeziehung zwischen Agnes von Pückler und Leopold Schefer nimmt in beider Leben einen herausragenden Platz ein. Dementsprechenden Raum haben Bettina und Lars Clausen ihr gewidmet und auch auf diesen Webseiten wird mehrfach Bezug auf sie genommen. Daß dies an dieser Stelle weniger ausführlich geschieht, ist wiederum – wie schon im Artikel „Der Vice-Graf“ angemerkt – den Professoren Clausen geschuldet. Was der „unverzichtbare Wolff“ für Clausens war, sind sie für den Autor dieser Webzeilen, und es wäre Zeitverschwendung, alles noch einmal zusammenzutragen, was sich in ihrer ohnehin immer wieder zitierten Sozio-Biographie dazu finden läßt.2 Hier, wo es um die Muskauer Dichter und ihre Dichtungen geht, sollen einige Lebensdaten der Komtesse Agnes genügen. (Sie ist ja auch gar keine so gute Dichterin gewesen.) Artikel, die das Verhältnis Leopold Schefers und Agnes von Pücklers zum Gegenstand haben oder dieses berühren sind:
Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt - Der Graf als Kuppler
Tagebuch einer großen Liebe - 22 Lieder von Leopold Schefer
Herbstlied – Musik von Herrn Schefer, Text von Herrn Wehlam
Johann Gottfried Petrick - Graf Pücklers skandalös-genialer Halbbruder
Von Liebesdingen und Teufelsgaben - 10 Gedichte von Leopold Schefer
Leopold Schefer, der Prediger Brescius und die Glasharmonika
Noch einmal Agnes von Pückler und ihre „Gedichte 1823-1836“.
Agnes Luitgardis Clara von Pückler wurde als die jüngste der drei Schwestern Hermann von Pücklers am 5. Oktober 1794 geboren. Sie verbrachte wenig Zeit in Muskau. Als Leopold Schefer auf das Bautzener Gymnasium ging, im Jahre 1799, wurde die Ehe des Grafen Erdmann und der Gräfin Clementine von Pückler geschieden und Agnes nach Condé zu einem Onkel mütterlicherseits in Pflege gegeben. Nach Wolff wurde sie im Juni 1805 vom Vater zurückgeholt, aber 1807 bereits „seinem Einfluß entzogen“ (Clausen/Clausen) und von der Mutter in ein Internat im sächsischen Altenburg verbracht. Sodann sind einige Besuche in Muskau und Begegnungen Schefers mit ihr überliefert, die erkennen lassen, daß Schefer sich „langfristig“ in sie verguckte. Er allerdings bezeichnete den 16. Juni 1809 auf dem Wege nachträglicher Geschichtsschreibung als den „Tag [s]einer Verliebung“. Die beiden durften, toleriert und unterstützt vom mitwissenden Bruder und Freund, einige glückliche Wochen miteinander verbringen. Die entsprechenden Seiten seines Tagebuches hat Schefer leider vernichtet, so daß diese Zeit nur aus Indizien rekonstruiert werden kann. Die gesamte, zusammengepuzzelte Liebesgeschichte sollte man unbedingt im Original, also in Zu allem fähig, Band II, Seiten 333 bis 383 lesen. Agnes wurde von ihrem Bruder am 27. Dezember 1812 standesgemäß verheiratet und verbrachte „25 leere Ehejahre an der Seite Friedrich Pücklers“ (C/C). Sie starb im Alter von 42 Jahren am 26. März 1837 in Allex.
Wer Herz-Schmerz (Angina pectoris) liebt, der besuche ihr Grab: Die Romanze des deutschen Dichters Leopold Schefer und seiner gräflichen Geliebten Agnes ist nicht so hochdramatisch, doch ganz und gar nicht weniger romantisch und anrührend wie die Romeos und seiner Julia aus dem fernen Verona.
„Allex, ein Flecken im mittäglichen Frankreich südöstlich von Valence, etwa eine Reitstunde damals von dort entfernt, liegt heute im Departement Drôme, 10 km nö von Crest, das man in guten Atlanten noch finden kann. Das Chateaux d’Allex war zeither Sitz und Stammschloß der de la Tour du Pin; und Agnes hatte sich im Lauf ihrer Ehe immer häufiger allein dorthin zurückgezogen [...] man findet ihr Grab auf dem kleinen allexer protestantischen Friedhof. Sa vie était Amour, sagt die Rückseite ihres Steins, Son Ame céleste est remonteé vers sa véritable patrie jouir du bonheur promis aux justes. Clementine [die Mutter] hat ihn setzen lassen: Ici repose Agnès de PÜCKLER, neé comtesse de PÜCKLER-MUSKAU, décédeé le jour de Pâques 1837 – Christ est ma vie; la mort est un bien.“4
Agnes’ Dutzend Gedichte sind undatiert, sie entstanden wohl um 1835. Sie wurden Leopold Schefer nach ihrem Tod von der Gräfin Clementine eigenhändig überbracht. Er veröffentlichte sie 1843 in dem Almanach Roswitha, herausgegeben bei Fechner in Guben.3

Motto:
Fehlt dem Schönen die Macht, so bedenke: die Macht ist die Schönheit
Und der Begeisternde ist selbst der gewaltigste Geist.
Das Leben der Schönen.
Als Vorwort.
Lebt ein Mensch auf Erden beglückt, Göttinnen vergleichbar,
Ist es das herrliche Weib, schön wie der Tag! wie die Nacht!
Liebend und gut – und wiedergeliebt, mehr als sie ertrüge,
Als sie nur weiß, so umher-lächelnd im Genügegefühl,
Eins nur fehlt ihr die Göttin zu sein: daß nicht sie das Alter
Schauet! das Haar ihr nicht bleicht, nimmer die Wange verblüht;
Daß sie der Schmerz nicht befällt, und der Tod nicht die Schaudernde anrührt.
Daß sie aus himmlischer Ruh’ auf zu den Himmlischen schwebt.
Und so ist Dir geschehn!*) Denn Du lehnst nur das Köpfchen zurücke,
Schließest die Augen – und siehst Dich von den Göttern begrüßt!
Aber die Erde nicht ganz zu vergessen, verlässest Du tröstlich
Töchter uns, schöne wie Du, daß wir vermeinen – Du bliebst!
Also vermag ja der Mensch nur zu bleiben, das Schöne zu dauern:
Daß er uns sein Gleichbild schön und lebendig verläßt!
L.S.
*) Sie starb, blitzschnell, zu Allex in der Provence.
1.
An die Mutter.
Mit einer Rosen-gefüllten Vase.
Portici, den 24. December.
Dort des Nordens rauher Luft
Mild durch Deine Güt’ entrückt
Und wie hoch durch sie beglückt,
Athme hier noch Rosenduft,
Wenn sie dort schon längst verblüht!
Doch nicht nur die Ros’ hier glüht –
Auch das treue deutsche Herz,
Mit Dir theilend Freud’ und Schmerz,
Glüht an Deiner Brust nur Dir,
Wie in der Heimath, so auch hier!
2.
Die Seiltänzerin Chiarini.
Ein Gleichniß.
Auf dem Seile bebend,
In den Lüften schwebend,
Leise spurlos und geschwind
Naht sich mir ein holdes Kind.
Doch kann es nicht weilen,
Muß immerfort eilen,
Im Flug nur seh’ ich die zarte Gestalt,
Hat weder Ruhe, noch Rast und Halt!
Ach wenn nun schwankend,
So ängstlich wankend
Das Füßchen sich zögernd hebt –
Wie da die Furcht mich bewegt!
Daß das Herz kaum schlägt
Mir sich Finsterniß webt!
Doch schnell nach leichtem Schwung,
Nach tödtlichem Sprung
Das Mägdlein wieder ruhig lächelnd steht
Und kühn die gefährliche Straße geht!
3.
Zum eigenen Geburtstag.
An dem Tag, wo ich geboren
Und ein gütiges Geschick
Dich zur Mutter auserkoren
Preis’ ich laut und froh mein Glück!
Damals – als ein zartes Kind
Lag ich sanft an Deiner Brust,
Wiegtest Du mich ein so lind,
Blicktest treu auf mich mit Lust!
Nun! – die Kindheit ist entschwunden –
Selber Gattin – Mutter jetzt,
Hab ich tiefer erst empfunden:
Wie das Kind die Mutter schätzt!
4.
An den Schlaf.
Schließt du die müden Augenlieder,
Verschwindet aller Seelenschmerz,
Senkt sich der Himmel in mich nieder,
Gießt Ruhe in’s gequälte Herz.
Die inn’re, bange Sorg’ hienieden,
Im Schläfer trifft sie keinen Raum!
Das, was mir wachend nicht beschieden,
Das giebt mir froh ein holder Traum.
Drum süßer, herzenslieber Schlummer,
Drück’ mir die düstern Augen zu!
Verscheuche jeden Erdenkummer,
Und gieb der armen Seele Ruh’!
5.
Das Veilchen.
Heut trat bei’m ersten Morgenschimmer
Ein Wunder: Eros in mein Zimmer;
Um die Stirn – hingen die Locken kraus,
In der Hand – hielt er einen Blumenstrauß.
– „Wähle“ – sprach er – „aus der bunten Fülle
„Eine Dir für den Geliebten, es ist mein Wille!“
Und als ich ängstlich zögernd stand,
Ein Lächeln sich ihm um die Lippen wand;
Doch sann ich nur ein Weilchen
Und griff dann – kühn nach dem Veilchen!
Die Blume der Treu’ und Bescheidenheit
Sei vor Allen bescheidener Treue geweiht.
– „Du hast“ – sprach Eros mit tröstendem Blick,
„Dir weise gewählt das sicherste Glück!
„Gar manche, zu der ich Blumen gesendet,
„Nahm sich, vom täuschenden Schimmer geblendet,
„Der brennenden Liebe leuchtende Pracht,
„Und sank bald enttäuscht in ewige Nacht;
„Doch Dich, Du Glückliche, bis an die Gruft
„Erfreut des Veilchens bleibender Duft!“ –

6.
Die Einsame an den Liebenden.
Zwar lebst Du einsam oft, und lang verlassen,
Doch willst Du, Du allein es also nur!
Denn viele Herzen liebend Dich umfassen,
Du findest überall der Liebe Spur.
Die müden Augen all’ schließt einst der Tod;
Und Seelen, die der Gott hier treu erfand,
Vergessen leicht dort aller Erdennoth –
Doch nicht der Liebe, die sie hier verband!
7.
Sternennacht.
In Rom.
Wie doch in dunkler Nacht
Schön sich entfaltet
Des funkelnden Himmels Pracht!
Herrlich gestaltet
Siehest Sternenbilder du –
Ach! Alles athmet so süße Ruh’
Sinnend du blickest
Hinauf, unverwandt –
Thränen zerdrückest
Du leis mit der Hand;
Sahest, o Seele, wohl du
Dich droben wieder einmal zur Ruh?
Das Leben macht müde,
Der Schlaf ist so süß!
Ach! ewiger Friede
Dort nie dich verließ!
Hoffe nur stille du:
Bald kommst du sicher zu süßer Ruh!
8.
Auf dem Wege von Mantua.
Wölkchen am Himmel,
Lämmchen auf Erden,
Seid, Gottes Heerden,
Mir herzlich gegrüßt!
Grünende Fluren,
Blühende Bäume ...
Ihr Frühlingsträume,
Seid Alle gegrüßt!
Freundliche Kinder:
Heilige Bilder
Der ewigen Liebe,
Seid liebend gegrüßt!
10.
Einsamer Frühling.
In Allex.
Nebel senken sich hernieder,
Täuschend kehrt die Dämm’rung wieder,
Und des vollen Mondes Glanz
Spiegelt sich im Wellentanz.
Doch bald flieht die Nacht schon wieder;
Neu erschallen Hirtenlieder,
Wechselnd steigt die Sonne herauf
Läuft den strahlensprühenden Lauf.
In des Mondes Schimmer,
Wie im Sonnenschein,
O laß mich immer
Mein Herz Dir weih’n!
11.
An der Fontaine zu Vaucluse.
Hier klangen einst Petrarka’s Lieder,
Die Grotte gab sie tönend wieder,
Die Nymphe ließ die Wasser nicht rauschen,
So holde Töne zu belauschen!
Doch in des edlen Sängers Herzen
Glühten der Liebe tieffste Schmerzen;
Fest lebte darin ein schönes Bild,
So schuldlos-rein, so himmlisch-mild!
Und Laura nannt’ er die Ewigtheure,
Doch – auch wie hoch er den Namen feire,
Die Seine wollte sie nimmer werden –
Sie zog ihn zum Himmel und nicht zur Erden!
Und früh verschwand sie ihm in Frieden,
Da hatte sein sehnend Herz hienieden
Nur noch ein deutlich lockendes Grab,
Und zu ihr hinauf nur zog’s ihn hinab!
12.
Geborgenes Glück.
Das, was wir vor der Welt verschweigen,
Verborg’nes Glück, das bleibt uns eigen,
Das löscht kein Tag uns aus dem Herzen,
Das überwachsen keine Schmerzen!
Durch unser Aug’ kann’s Niemand sehn
Im Grund der Seele funkelnd stehn!
Wir tragen’s still von Port zu Port,
Und nehmen’s stumm zum Himmel fort.

(16.01.2010.)
Anmerkungen
1 Schefer, TB XXV:94.
2 Clausen, Bettina und Lars: Zu allem fähig. Versuch einer Sozio-Biographie zum Verständnis des Dichters Leopold Schefer. 2 Bde. Frankfurt am Main: Bangert & Metzler 1985.
3 Ihr Leben war Liebe. Ihre himmlische Seele ist wieder in ihre wahre Heimat aufgefahren, um sich der Seligkeit zu erfreuen, die den Gerechten verheißen ist. Hier ruht Agnes von Pückler, geborene Gräfin von Pückler-Muskau, verstorben am Ostertag des Jahres 1837 – Christus ist mein Leben; der Tod ist eine Wohltat. (Übersetzt von Geraldine Gabor-Dreyer.)
4 „Gedichte von Agnes Gräfin von Pückler, jüngsten Schwester des Fürsten von Pückler-Muskau“. Mitgetheilt von Leopold Schefer.“ In: Roswitha. Almanach der Schönheit und Tugend geweiht von Chlodwig. Zweiter Jahrgang 1843. Guben: Druck und Verlag von F. Fechner; S. 229-240.
Kommentare zu diesem Artikel ansehen | Kommentar zu diesem Artikel verfassen