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Heinrich Laube über Carl Weisflog

Aus den Reisenovellen

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Heinrich Laube war Dramatiker, der um des Effekts willen gern vorgefundene Konstellationen umschuf oder neue erfand. So wie sich seine Version vom Zustandekommen seiner Festungshaft in Muskau mit zunehmendem Abstand vom Geschehen erheblich zugunsten seiner eigenen Person und der Pücklers wandelte, nutzte er auch die tragische Figur des alternden Weisflog und ließ seiner Phantasie beim Verfassen der entsprechenden Episode für seine Reisenovellen gehörig die Zügel schießen. Die groteske Zeichnung, die er so von Carl Weisflog schuf, ist sicherlich schief, denn den bereitwillig kolportierten Gerüchten über Weisflogs skandalösen Lebenswandel stehen Briefe gegenüber, in denen sich dieser fürsorglich um andere, beispielsweise die Erziehung seiner Tochter kümmert.


laube rn reisenovellen weisflog


[...] Es war auch zu Pfingsten bei den heimatlichen Saturnalien,2 da ich Weisflog zum ersten Male sah. Zeitgenossen werden sich erinnern, daß in den frühen zwanziger Jahren viel von diesem Schriftsteller gesprochen wurde. Wir Gymnasiasten, die neben Julius Cäsar auch die deutschen Zeitungen lasen, waren sehr stolz auf unseren Landsmann, und wir Sprottauer erst recht. Weisflog war aus Sagan, das war bloß zwei Meilen von uns entfernt. Es war also ein sehr großer Moment, als es hieß, Weisflog sitze in einer Bude und würfele mit unseren Honoratioren. Als Gymnasiast hatte ich ein unbestrittenes Recht, mich unserer Noblesse schüchtern anzuschließen. Ich wagte mich also zagenden Schrittes in jene Bude. Da saß er leibhaftig, der Mann der Historien und Phantasiestücke, der Autor der „treuen Seele von Zwickau“. Er war nicht groß, aber lang. Sein Kopf war vielfach spitz und klug, alle Linien drängten sich nach vornehin zu einem Winkel. Das dünne Haar lag ruhig und still und störte die lange Stirne nicht, die zuweilen zuckte. Spitz und scharf sahen die verlebten Augen auf die Würfel. Es war eine müde Lebhaftigkeit in diesem Auge, das genug von der Welt gesehen hatte. Nur eine schöne Blume, eine Schüssel Austern, ein Haufen Gold oder ein niederländisches Bild konnten es auffrischen, und wenn er Musik hörte, wurde es lebendig. Als Patrunke, der Stadtmusikus, in der Nähe dieser Bude plötzlich das vaterländische „Radabum“ entfesselte,3 da erschien ein Zug um Weisflogs Mund, der bezeugte, es sei noch ein reicher Fonds humoristischer Laune im Verfasser des „Zwiebelkönig Eps“ Er fragte leutselig, wie der Stadtpfeifer heiße. Der Herr Registrator hielt ein mit dem Wurfe, neigte sich in vorbildlicher Weise ein wenig schief und ließ sich vernehmen: „Die Leute nennen ihn Patrunke, er schreibt sich aber Palrunki und führt die Klarinette, verehrter Herr Prokonsul.“ „Schnöde Welt“, sagte lächelnd Weisflog, und der Herr Registrator lächelte gefällig mit, obwohl er den Ausdruck nicht verstand.

Auch in den Momenten, da er schnupfte, war immer Laune in Weisflogs Gesicht und Augen. Er führte eine lange, spitze Nase, die unzufrieden aussah. Zuweilen beruhigte er sie mit Schnupftabak, diesem Sinnbilde pikanter Versprechungen.

Wurde plötzlich eine große Summe im Spiel frei, da fuhren seine langen, mageren Finger wie Raubvögel auf das Geld los: „Das ist mein Spiel, werfen Sie zu, Wertgeschätzter, ich halte, ich halte es dreimal hintereinander.“ Ehern, leblos, furchtlos, hoffnungslos war sein Gesicht, wenn der Wurf fiel, keine Freude, kein Leid äußerte sich, wenn er gewann oder verlor. Die dürren Finger strichen ein oder zahlten aus wie Kommis, die nichts von dem höheren Sinn des Geschäfts ahnen. So saß er da, stets hinter dem Tische an der Wand, ein blauer langer Rock verhüllte die magere, weitläufige Figur.


laube rn wuerfelspiel kaltenmoser ca.1850


Der Gymnasiast empfand damals nichts als Scheu und Respekt. Aber die Bilder bleiben im Gedächtnis, und wenn wir sie im späteren Alter hervorholen, so sprechen sie plötzlich alles aus, was früher nur als unsichtbare Eindrücke in ihnen schlummerte. Es war alles verlebt an Weisflog, der Geist, das Herz, die Kunst, das Leben. Seine Schriften waren nur Gras von seinen Gräbern. Er schrieb erst in den letzten Jahren seines Lebens für die Öffentlichkeit, da er schon ruiniert war. Wie viele Dinge sind erst als Ruinen interessant!

Seine unheimliche Erscheinung hatte aber etwas dämonisch Anziehendes. Ich suchte ihn in Sagan auf, als die Leute sagten, er sei mit dem Sterben beschäftigt. Was zischelte und raunte man sich damals alles zu! Er könne nicht leben und nicht sterben, die juristischen Streiche eines harten Herzens, die Gewissenlosigkeit eines dissoluten Lebens zerrten ihn auf dem Lager umher. Ich mochte nie daran glauben. Aber als er gestorben sein sollte, da war es Spiegelfechterei, da existierte er noch. Sein Haus war verschlossen, nachts ging ich mit ihm in seinem Garten spazieren. Dann begleitete mich Weisflog noch ein Stück auf meinem Heimweg nach Sprottau, und daher kam das Gerücht, der Prokonsul ginge um. Unsere Unterhaltung war vernünftig und bürgerlich. Wurde er dabei unbürgerlich tragisch, wenn er seiner Schulden gedachte, so wies ich ihm das im Mondschein schlummernde Städtchen. Sagan ist durch Vandervelde und Wallenstein bekannt geworden, es hat ein Schloß und eine mediatisierte Fürstin. Sie soll sehr schön gewesen sein und viel geistigen Geschmack besessen haben. Man erzählt, sie habe im Freiheitskriege eine Rolle gespielt und Metternich lebhaft und erfolgreich zugeredet, sich von Napoleon entschieden abzuwenden.


laube rn totentanz wolgemuth 1493


Übrigens ist Sagan eine Grenzstadt zwischen Schlesien und dem alten Sachsen, der Lausitz, und hatte früher für Schmuggler eine große Bedeutung. Die schönsten Westen der Tanzstunde kamen von Sagan. Sagan liegt wie ein indianischer Flecken. Seine wenig hervorragenden Türmchen sehen primitiv und anfänglich aus, man merkt ihnen keine Kultur an. Weisflog mußte immer lachen, wenn ich sie ihm zeigte.

Von Sagan nach Sprottau sind, wie gesagt, nur zwei kleine Meilen. Weisflog begleitete mich eine kleine Meile, und dann ging ich ebensoweit mit ihm. So kam ich oft wieder nach Sagan zurück, und wir hatten Zeit, über seine Gläubiger und seine künftigen Pläne zu sprechen. Sterben mußte er in kurzem, dies stand fest. Seine Schulden waren höher, als was er sich durch seine Schriften je erwerben konnte, seine Justizgeschäfte florierten auch nicht besonders. Auch hatte er gar zu viele poetische Gelüste. Heute verschrieb er sich eine Straßburger Gänseleberpastete, morgen die teuersten Blumen aus Haarlem, übermorgen die ersten Austern und zu gleicher Zeit die neuesten Partituren aus Mailand. Wenn ich dies Weisflog vorwarf, so begriff er mich nicht und fand die Jugend mit ihren Forderungen kindisch, die das Genie in Alltagsgrenzen schmieden wollten. Aber seine Entgegnungen wurden mit der Zeit doch kleinlaut, und er meinte am Ende auch, es das Beste sei zu sterben.

Nach seinem Tode reisten wir ab und überließen „Zwiebelkönig Eps“ alles übrige. Er hat auch alles ganz scharmant gemacht und für das Begräbnis aufs beste gesorgt. Unermüdlich lief er den Leuten unter der Nase herum, und es wurde viel geweint von Gläubigern und Gläubigen, wie ausdrücklich im Wochenblättchen stand.

Wir reisten ins Gebirge. Am letzten Hause von Hermsdorf hielten wir still. Dort wohnt Weisflog bei einem böhmischen Musikanten und kuriert sich durch eine einfache Lebensart. Er trinkt Molken, ißt Brunnenkresse, liest den Gebirgsboten und die Abendzeitung und läßt sich von seinem Wirte einfache alte Volkslieder vorspielen. Anfänglich kam er sehr herunter und klagte bitterlich, es sei gegen seine Natur.

Die Zeit überdeckte mein Weisflogsches Interesse. Ich habe mich nicht mehr um ihn kümmern können, und es läßt sich annehmen, daß er doch noch an Brunnenkresse und Molken gestorben ist [...].


Anmerkungen
1 Zitiert nach: Heinrich Laube: Reise durch das Biedermeier. Hrsg. Franz Heinrich Körber. Hamburg: Hoffmann und Kampe 1965; S. 395-407.
2 Pfingstschießen der Schützengarde.
3 „Dieser Sprottauer Marsch ist die Musik des Friedens und der Heiterkeit. Ich glaube nicht, daß ihn Patrunke, der Stadtpeifer, erfunden hat, aber er spielt ihn seit Menschengedenken. Mein Vetter erfand den berühmten Text, ‚Radabum, radabum, tschin, tschin’, als wir einst heimfuhren zum Pfingstschießen in der goldenen Ferienzeit. Davon blieb ihm auf allen Universitäten sein Name. Er wurde Studentenmarsch und machte die Runde durch ganz Deutschland./ Mit dem ‚Radabum’ beginnt das eigentliche Pfingstschießen, es ist das deutsche ‚Evan evoe’ der Griechen.“ Laube, Reise, S. 401.

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