Heinrich Laube aus Sprottau (1806-1884)
Festungshaft in Sanssouci
Von Bernd-Ingo Friedrich feat. Arthur Eloesser
Von Heinrich Laube gibt es hier außerdem:
Heinrich Laube über Leopold Schefer
Heinrich Laube über Carl Weisflog

Der arrivierte Grüne pflegt(e) zu scherzen: Wer in seiner Jugend kein Sozialist war, ist kein Mensch, wer es nach 40 noch ist, ist ein Idiot. Heinrich Laube war „Umstürzler“ bis 1837, da war er 31 und begann in Muskau das Dolce Vita des Hofes und die Jagd kennen zu lernen. Arthur Eloesser widmete sich ihm in seiner spektakulären Geschichte der deutschen Literatur (keine Neuauflagen, nicht im Internet!)1 mit den Worten:
„Heinrich Laube wurde am 18. September 1806 in Sprottau geboren; er war der Sohn eines Maurermeisters in guten Verhältnissen, und der stramme, untersetzte, körperlich zähe Schlesier, der allein von seiner Zeit nicht die schlechten Nerven hatte, würde wahrscheinlich auch ein guter Maurermeister oder kein schlechterer als der alte Zelter geworden sein. Der Student wurde Burschenschafter, in Breslau, in Halle, ein Meister auf dem Paukboden, ein Praktiker, der ihre alte, überständige Romantik noch als vergnügter Acteur mitmachte. Es war eine Art romantischer Bühne mit Verfolgungen und Verstecken, mit Helden- und Verräterrollen, nur daß die T[z]schoppe und Schmalz2 sie ernst nahmen und zuweilen einen Darsteller verschwinden ließen. Erst die Julirevolution [1830] machte den Burschenschafter zum wirklichen Politiker, eröffnete einer ziellosen Aufgeregtheit und Schwärmerei den Ausblick und den Ausweg auf die westlichen Ideen; der Liberalismus wurde dem unbefriedigten Theologen, wie er sagt, eine Weltanschauung, die sich an Luther und Lessing, an die von der Romantik unterbrochene, auch von Jean Paul verspielte deutsche Reformation anschließen ließ. Der Gesichtskreis von Laube war von vornherein begrenzt und abgerundet; so konnte er es bei seinem Freunde Gutzkow nicht lange aushalten, der immer weiter dachte und in alle Gebiete hinein prophetisierte. Laube übernahm die Leipziger Zeitung für die Elegante Welt, er machte das zahme Blatt schärfer, kritischer, aber er ließ ihm auch die belletristische Unterhaltsamkeit, die ihm das Publikum sicherte. Durch Laube wurde Leipzig noch einmal der große Umschlagplatz der Publizistik, eines kecken, immer noch aufregenden, aber gewiß nicht revolutionären Gedankenverkehrs; der philosophische und politische Radikalismus oder der Jakobinerklub, wie Laube sagt, saß in Halle. wo Arnold Ruge mit seinen Jahrbüchern wenigstens eine Ideenguillotine unerbittlich bediente.

Der Jungdeutsche Laube wurde in Berlin verhaftet und zu sieben Jahren Festung verurteilt,3 von denen er, wegen Platzmangels, einen Teil bei dem Fürsten Pückler in Muskau absitzen durfte; er traf dort auf Leopold Schefer, der mit seinem populär gewordenen ‚Laienbrevier’ eine sanfte Theosophie gemacht hatte und von dem Fürsten als Güterverwalter untergebracht worden war; er hatte zum Martyrium weder Veranlassung noch Veranlagung, ging auf die Jagd und schrieb und schrieb, wie es sein fürstlicher Gastfreund nicht anders tat. Beide haben den größten Teil ihrer Produktion aus den Reisbildern von Heine gezogen, in dessen Dienst sich Laube dann förmlich gestellt hat, nachdem ihn Börne mit seinem politischen Realismus und Liberalismus zuerst aus der burschenschaftlichen Schwärmerei herausgetrieben hatte. Laubes Gastfreund Fürst Pückler hatte sich zu einer Art Ersatz für Lord Byron gemacht, der erste und auch der einzige Dandy in unserer Literatur, ein schöner, hochgewachsener Mann mit aristokratisch bequemen Formen, der wie im Handumdrehen zwischen Don Juan und Mephisto wechselte; er spielte den Orientalen, glaubte an den Koran so gut wie an den Talmud und an David Friedrich Strauß, dem er auch einmal Asyl anbot, hatte von seinen orientalischen Reisen vierzehn arabische Pferde und eine abessinische Sklavin mitgebracht; also mußte der vornehme Dilettant in der Literatur einen Erfolg haben, den auch Laube bei allen Sympathien unverdient fand. Pückler schrieb die ‚Briefe eines Verstorbenen’ und trat dann noch als ‚Semilasso’ in mehreren Fortsetzungen auf. Sein vielbewunderter Reisewagen fuhr durch mehrere Erdteile, hielt vor europäischen Königspalästen, vor den Serails orientalischer Fürsten, vor den Theatern, den Börsen, aber auch vor Gefängnissen; er hatte die Herzogin von Angoulême in Karlsbad unterhalten, in Paris die Königin zu Tisch geführt und war trotzdem unzufrieden geblieben, wenn nicht gerade zerrissen, so doch gespalten, also ein Sohn seiner Zeit und einer seiner Lieblinge als ein kleiner Sultan mit demokratischen Launen. Immermann hat ihn im Münchhausen reizend persifliert, mit der vollkommenen Reiskutsche und dem Spleen, die er beide in England gekauft, mit der Migräne, die er so gut wie Heine besaß, und mit dem aristokratischen Kauderwelsch aus Deutsch und Französisch, das er aus dem 18. Jahrhundert geerbt hatte.

Dagegen war Laube nur ein bürgerlicher Reisender, der in der Postkutsche saß oder zu Fuß ging, immer hinter Heinrich Heine her, wenn er noch zu schwärmen suchte, was ihm gar nicht lag, und dann seine Begeisterungen durch den nüchternen Einspruch seines Verstandes widerlegte, der ihm sehr viel treuer war. Gutzkow hat sich über seinen früheren Freund und Reisgefährten in seiner grimmigen Art lustig gemacht, über die Liebesabenteuer rechts und links, im Postwagen, in den Passagierstuben, in der Kirche, auf der Straße, überall Liebe, Liebe, und für keinen anderen als für Heinrich Laube. Die Kritik stimmt nicht ganz; gewiß fuhr Laube, den man in Wien nach seinen Initialen Heines Leibkutscher nannte, hinter dem unvermeidlichen Vorbild her, aber er stieg doch nicht allein wegen der Weiblichkeit aus und nahm mit seinen hellen Augen, oder wenigstens mit seiner scharfen Brille, manche gute Beobachtung mit. Das Junge Deutschland hatte von der Romantik, von Jean Paul, von Immermann die Aufgabe des großen Zeitromans übernommen; Laube beteiligte sich an der Konkurrenz, die keine George Sand und noch weniger einen Balzac hervorbrachte, mit der ihm eigenen burschikosen Keckheit und mit einer viel geringeren dichterischen Substanz als Gutzkow. ‚Das junge Europa’ mit den drei programmatischen Teilen ‚Die Poeten’, ‚Die Krieger’ und ‚Die Bürger’ sollte eine große und vollständige Abrechnung über die Zeittendenzen sein, über ihre Krankheiten, Unsicherheiten, Zukunftswünsche, und Laube hat vom Saint-Simonismus, von der Frauenfrage und sogar, von der Modekritik bis zur Forderung einer europäischen Universalrepublik, kaum ein Thema ausgelassen. Sein Roman, wie alle der Zeit, die nicht landschaftlich oder provinziell bedingt sind, hat keinen Schauplatz, er kann die aus dem Wilhelm Meister immer noch fortererbten Adelsschlösser nicht entbehren, er schickt einen Helden in die polnische Revolution und einen anderen nach Amerika, damit er als humaner Apostel für die Neger und im Kampf gegen die Lynchjustiz fallen kann. Das alte Europa, heißt es da einmal, das damals seine morsche Hülle kaum geschüttelt hatte, wollten sie befreien helfen, die jungen romantischen Narren; sie seien aber erschreckt gewesen von der Mannigfaltigkeit der Welt, von der Unerschöpflichkeit der Verhältnisse. Das ist auch ein Eingeständnis der künstlerischen Unzulänglichkeit, die an der demokratischen Aufgabe des Gesellschaftsromans versagte, der deutsche Roman ist immer nur standfest gewesen als Familien-Entwicklungs-Erziehungsgeschichte, die in ein werdendes, mehr leidendes als handelndes Individuum hinein verlegt werden konnte.

Es war ein Ausweichen auf dem Wege zum Erfolg, wenn Laube auch als Dramatiker tätig wurde; die Bühnenschriftstellerei ist bis zu einem gewissen Grade ein erlernbares Handwerk, wenn man das Theater, das Publikum und die maßgebenden Vorlagen kennt. [Siehe dazu auch den Artikel „Heinrich Seidel“.] Gutzkow hat auch für die Dramatik sein schweres Innere in Bewegung gesetzt; Laube wollte ein deutscher Scribe4 werden, er spekulierte mit einem ‚Monaldeschi’, einem ‚Struensee’, mit dem so geduldigen, mit dem 1930 von Ferdinand Bruckner noch einmal hingerichteten ‚Graf Essex’, er rechnete am besten mit seinen Karlsschülern, die sich mit dem dreifachen Vorzug, einer historischen Anekdote im Rokokokostüm, der Zugkraft des jungen Räuberdichters und einer vorsichtig zuredenden liberalen Tendenz empfahlen. Laube wurde 1848 in die Nationalversammlung gewählt.5 Die Revolution [1848] und das Interesse der Herzogin Sophie drückten ihm sehr plötzlich das Zepter über das Burgtheater in die Hand, das er mit diktatorischer Gewalt und auch als ein Cato von Strenge und Sparsamkeit bis 1867 geführt hat; er schuf, ein großer Talententdecker, das reichste Ensemble, das sich in der deutschen Theatergeschichte erhalten hat, er disziplinierte und kultivierte es für gesellschaftliche Aufgaben, für Sitten- und Konversationsstücke, die er meistens aus Frankreich beziehen mußte, während er den Klassikern ihre Ansprüche an eine reichere Dekoration und Repräsentation nur mit Zurückhaltung bewilligte. Es war Grillparzers alter Feind Friedrich Halm, der ihn von seinem Direktionssitz verdrängte. Die Führung des Leipziger Theaters und des Wiener Stadttheaters ließen seine große Autorität nur abbröckeln; er war einmal der klassische Burgtheaterdirektor gewesen, ein geschickter, auf das Mögliche zielender Vermittler, ein scharfäugiger Steuermann auf dem krausen Wellengang von demokratischen Strömungen, aristokratischen Gegenströmungen, zwischen den Klippen höfischer, kirchlicher und politischer Einsprüche des Kronreichs. Der zähe Mann, der nur ein kleiner Revolutionär gewesen war, um ein Theatermonarch, schließlich im Exil, zu werden, starb am 1. August 1884.“6
Die Aufenthalte Laubes und insbesondere seine Festungshaft in Muskau fallen zwar nicht mehr in die Blütezeit des „Muskauer Dichterkreises“, doch es gibt in Laubes Werken derart viele Bezüge zu den Muskauer Literaten jener Zeit, daß ich ihn kurzerhand dazu zählen will. (Die Artikel „Laube über Schefer“ und „Laube über Weisflog“ rechtfertigen die Okkupation.) Ein besonders interessantes Detail aus Laubes wandelbaren Erinnerungen will ich darüber hinaus ein wenig unter die literaturgeschichtliche Lupe nehmen.
Es ist nämlich um so manche hübsche Episode schade, die im Zuge der Vereinnahmung („Deutung“) ostdeutscher (Literatur-) Geschichte durch Westdeutsche nach der Wende 1989 oberflächlichen Recherchen von einem weit entfernten Schreibtisch aus zum Opfer fiel, entstellt wurde oder Aufnahme in eilends entstandene Monographien weder gefunden hat noch so bald wohl nicht mehr finden wird. Eine solche Episode ist Heinrich Laubes Festungshaft in Muskau.* (S. unten: Nachtrag v. 12.10.2010.) Ihr ist ein Heft der Reihe „Frankfurter Buntbücher“ gewidmet.7 Diese Reihe, herausgegeben vom Kleist-Museum Frankfurt (Oder), geht „dem Verhältnis zwischen Schriftstellern und Orten nach; die Mark Brandenburg bildet dabei das Zentrum.“ Aus dem Brandenburger Rahmen fallen nur zwei Hefte von inzwischen fast 50: „Carl und Gerhart Hauptmann in Schreiberhau“ (Heft 4/1991) und „Heinrich Laube in Muskau“ (Heft 36/2004). Abgesehen davon, daß Hauptmann und Laube wie eigentlich jeder, der damals etwas auf sich hielt, wenigstens zeitweise in Berlin tätig waren, gibt es in beider Vita weder zu Frankfurt noch zu Brandenburg nennenswerte Parallelen, und auch Muskau geht allenfalls notdürftig mit Brandenburg zu verbinden. Doch Lothar Jordan, 2004 Direktor des Kleist-Museums und Herausgeber der „Frankfurter Buntbücher“, zuvor in Düsseldorf beschäftigt, und Bernd Kortländer, seit 1986 stellvertretender Direktor des Heinrich-Heine-Instituts Düsseldorf und Autor des Buntbuchs Nr. 36, sind gute alte Freunde, die sich eines Frühlings zu einem gemütlichen Arbeits-Ausflug in den Fürst-Pückler-Park von Bad Muskau verabredeten. Heraus kam dabei ein schmalbrüstiges „Buntbuch“, das nicht eben den Eindruck macht, als hätten zwei Professoren sich daran versucht.

Darin kommt Kortländer auf das Zustandekommen einer Verbindung zwischen Laube und Lucie von Pückler zu sprechen. Ich zitiere und kommentiere im folgenden eine bei Kortländer nur auszugsweise zitierte Passage aus der Artikelserie „Laube, Heine und Schefer“ von Rudolf Wolkan mit einem Brief Laubes an Schefer vom 30. Mai (1836), und zwar vollständig.8 Wolkan schreibt im ersten Teil seiner Serie in der Deutschen Zeitung:
Heinrich Laube „[...] übernahm vom 1. Januar 1836 die Redaction der in Braunschweig erscheinenden ‚Mitternachts-Zeitung’.
Dieses Jahr verschaffte ihm die persönliche Bekanntschaft mit dem Dichter des ‚Laienbreviers’ und dessen hohem Gönner, Fürsten Pückler-Muskau.9 Einmal dazu verurtheilt, seine Festungshaft abzubüßen, suchte er sich doch die Zeit unfreiwilliger Muße so angenehm als möglich zu gestalten, und da es ihm freigestellt war, sich den Ort, wo er das Jahr abbüßen sollte, selbst zu bestimmen, so wandte er sich an Schefer mit dem Bedeuten, er gedenke seine Haft, wenn möglich, in Muskau abzusitzen.10
Der betreffende Brief [an Leopold Schefer] lautet:
‚Ich danke Ihnen zum Schönsten, mein Verehrtester, für Uebermachung des sehr beredten Stralsunder Doctor. Er ist ein viel bewegter Mann und schwärmt auf’s Liebenswürdigste für Sie, ein Cultus, der mich herzlich freut in einem Zeitraume, wo die Gleichgültigkeit eine Tugend ist.11
Von einem Literaten-Congresse in Muskau hat er mir gesagt – halten Sie doch ja diese Idee fest, sie ist nach allen Seiten fruchtbar und vortrefflich für Muskau, für den Weltgänger und seinen Geistlichen, für die Literaten und für die Literatur; denn es wird da immer ein Drittes geboren, was man nicht bezeichnen kann.
Die günstige Meinung der Fürstin ist uns allerdings ein sehr angenehmes Glück, für dessen Vermittlung wir Ihnen höchst dankbar bleiben; und die Dame ist nicht nur in Bezug auf uns über unser Verdienst und über Erwarten gnädig, sie ist auch als fein gehaltene, conservirende und conversirende Weltdame, als innerlichste, rührend eigene Gattin des Fürsten ein weckender, und außerordentlich viel geltender Anblick.“
Der nun folgende Abschnitt wird von Kortländer zitiert: „Da fällt mir ein: wenn Sie eine stattliche Gerichtsbehörde in Muskau hätten, die moderner Cultur zugethan wäre, und mich nicht geradezu einsperrte, da machte ich meinen Festungscursus bei ihr durch; ich behalte nämlich einige Zeit Festung auf dem Nacken, und das darf jetzt an kleinen Orten abgemacht werden, doch passirt es für Gefängniß, ein brauchbar Gefängniß ist aber nicht da, und man wohnt unter legerer Beaufsichtigung privatim. Paßte diese Sache, welche mir, so weit es Muskau angeht, erst im Schreiben einfällt, bei Ihnen, so bäte ich Sie um Bescheid, denn es steht mir in nächster Woche bevor.“

Kortländer fügt dem an: „Ob es Schefer war, der bei der Fürstin vorstellig wurde, ist nicht zu sagen, auf jeden Fall wurde deren Eingreifen [!] entscheidend für die Realisierung des Plans.“12 Wolkan aber – Kortländer unterschlägt den Satz – fährt in seinem Artikel fort: „Schefer antwortete sofort; die Verhältnisse waren günstig.“
Wolkans Darstellung läßt sich also entnehmen: Laube kannte die Fürstin Pückler zu jenem Zeitpunkt noch gar nicht; Schefer hatte bei ihr bereits „Schönwetter“ für die Laubes gemacht, und: Schefer war sehr wohl der treibende Keil in dieser Angelegenheit, denn wie man sich leicht denken kann, war er auch persönlich daran interessiert, einen interessanten Landsmann und Kollegen nach Muskau zu bekommen. Die Darstellung geht also, wie so viele andere, in denen dem Fürsten Pückler gestohlener Lorbeer in seinen Kranz geflochten wird, wieder einmal zu Lasten der daran beteiligten Subalternen, in diesem Falle Schefers. Auch die dem Fürsten gern untergeschobene Idee eines gesamtdeutschen Schriftstellerkongresses in Muskau gehört dazu. Wie schon Laube, hat der Verfasser des „Buntbuchs“ sich – der Einfachheit und der Wirksamkeit halber – kurzerhand des berühmteren Namens bedient ... (Daß vielleicht sogar Schefer schon seine Standesherrin vorgeschoben haben könnte, um desto sicherer zum Ziel zu gelangen, steht dagegen auf einem ganz anderen Blatt.)
Zurück zu Heinrich Laube. Laubes Werke sind von ihm selber und von anderen gründlich recycelt worden. So enthält die Geschichte der deutschen Literatur zu Muskau nicht viel mehr als das, was bereits in den Modernen Charakteristiken stand, und in den Erinnerungen kommt das Ganze in wunderbarer Weise verwandelt noch einmal vor. Wir vergegenwärtigen uns noch einmal kurz das oben zum Zustandekommen von Laubes Muskauer „Festungs-Kur“ Gesagte und vergleichen mit der Fassung letzter Hand in seinen Erinnerungen:
„[...] Schulze, jetzt Schulze-Delitzsch genannt, welcher als Referendarius in Berlin war, empfahl uns diesen seinen Heimatort [eben Delitzsch] mit triftigen Gründen. Ich wollte eben um dieses Sanssouci beim Kammergerichte ansuchen, da kam eine Botschaft von der Fürstin Pückler: ich möchte sie besuchen.
Sie hatte die Freundlichkeit, mir Muskau anzubieten als wirkliches Sanssouci. Im alten Schlosse da, welches jetzt als Polizeihaus diene, sei der ganze erste Stock leer; der könne uns als Wohnung angewiesen und eingerichtet werden.
Mit meinem Danke sprach ich die Besorgnis aus: ob ich auch von der Behörde die Erlaubnis gewinnen würde für dieses aristokratisch schimmernde Schloßgefängnis: ‚O’, erwiderte die Fürstin, ‚die besorgt uns Tzschoppe!’
‚Herr v. Tzschoppe?!’ schrie ich auf – ‚der gerade ist mein ärgster Gegener!’
‚Wenn auch! Er verdankt meinem Vater alles. Dieser hat ihn als kleinen Burschen in seine Kanzlei aufgenommen, und ihn stetig gefördert. Den übernehm’ ich, und seine jetzige Macht bringt die Erlaubnis zuwege.’“13
Wahrheit und Dichtung driften also auch bei Laube im Wandel weniger Jahre erheblich auseinander ... – Heinrich Laubes Erinnerungen an Leopold Schefer sind offenkundig zuverlässiger. Sein literarisches Urteil über ihn, ausführlich abgefaßt in den Modernen Charakteristiken sowie in der Geschichte der deutschen Literatur, war allerdings seinerzeit schon überholt, weshalb wir ganz gut darauf verzichten können.

Werke Heinrich Laubes, in denen Muskau, Leopold Schefer, der Fürst und die Fürstin Pückler (oder ihre Pferde), Carl Weisflog, Heinrich Seidel u.v.a. mit mehr als einem Satz vorkommen, sind:
Reisenovellen. Bd. 1/2 Leipzig 1834, Bd. 3/4 Mannheim 1836.
Moderne Charakteristiken. 2 Bde. Mannheim 1835.
Geschichte der deutschen Literatur. 4 Bde. Stuttgart 1839/40.
Dramatische Werke. 13 Bde. Leipzig 1845-1875.
Erinnerungen 1810-1840. Wien 1875.
Erinnerungen 1841-1881. Wien 1882.
Gesammelte Schriften. 16 Bde. Wien 1875-1882.
Gesammelte Werke in 50 Bänden. Unter Mitwirkung von Albert Hänel hrsg. von Heinrich Hubert Houben. Leipzig 1908/1909.
Houben, Heinrich Hubert: Einleitung zu: Heinrich Laube. In: Ausgewählte Werke. 10 Bde. Leipzig o. J.
Kritiken von Heinrich Laube (1829-1835) . Ausgewählt und eingeleitet als Beitrag zur Geschichte des Jungen Deutschland von S. D. Stirk. Breslau 1934.
Eine kleine Kuriosität (und Rarität) ist: H.(einrich) L.(aube): „Die arabischen Pferde des Fürsten Pückler“. In: Sporting Almanach 1844. Leipzig: Teubner (1843). Hrsg. Otto v. Corvin. (Seinen „lieben Landsleuten, den Sportsmen von Lithauen” gewidmet).
„Der berühmte Verfasser des Pfaffenspiegels, Otto von Corvin (eigentlich: Corvin-Wiersbitzki, 1812-1886), war ein begeisterter Jäger und ein rühriger Schriftsteller auch auf dem ‚in Deutschland theilweise noch sehr unangebauten Feld der Sportingwissenschaften’ (Jagd, Fischerei, Reitsport, Pferdezucht, Fechten, Turnen etc.). Nach dem Vorbild von Wildungens Jagdtaschenbuch konzipiert, enthält dieser einzige erschienene Jahrgang des ‚Sporting-Almanachs’ einen Gestüts- und Jagdkalender sowie Beiträge über den Fuchs, die Zähmung und Zäumung von Pferden, Eberjagd und Eberjäger, Aphorismen über Falkenjagd, die Schilderung einer Jagdpartie in den Schweizer Alpen, Physiologie des Pferdehandels, der Reitkunst und der Fischerei etc., verfaßt vom Herausgeber selber sowie von G. Petersen, A. v. Schmeling-Diringshofen, Hamilton Smith u.a. Hervorzuheben ist ein Beitrag des Dichters Heinrich Laube über ‚Die arabischen Pferde des Fürsten Pückler.’“ (Aus dem ZVAB abgeschrieben bei: Zentralantiquariat Leipzig GmbH.)
Bliebe noch zu erwähnen, daß auch das Jagdbrevier von Heinrich Laube. Leipzig: Georg Wigands Verlag 1841, seine Entstehung dem Aufenthalt Laubes in Muskau verdankt.
(30.01.2010.)
* Nachtrag:
Eene meene Maus, und du bist raus: In dem Aufsatz „Protektionen“ in Nummer 5 der edition branitz, in dem der Autor sich beinahe ausschließlich auf Laubes Erinnerungen und Pücklers Briefe (und natürlich auch Kortländer) bezieht, ist Leopold Schefer aus diesem Vorgang wieder ganz und gar verschwunden, dürfen die adligen Herrschaften alles unter sich ausmachen ...
Siehe: Jacob, Ulf: „Protektionen. Heinrich Laubes ertragreiche ‚Festungshaft’ bei der Fürsten Pückler in Muskau.“ In: Die grüne Fürstin. Lucie von Hardenberg – die Frau Fürst Pücklers. Hrsg. Stiftung Fürst-Pückler-Museum Park und Schloß Branitz. Cottbus 2010; S. 63-78. (edition branitz 5.)
(12.10.2010.)
Anmerkungen
1 Eloesser, Arthur: Die deutsche Literatur von der Romantik bis zur Gegenwart. 2 Bde. Berlin: bei Bruno Cassirer 1931. Mit großer feuilletonistischer Eleganz und viel Esprit hob Eloesser in seiner damals Aufsehen erregenden Literaturgeschichte vor allem die Zusammenhänge zwischen literarischen Schulen deutlicher heraus als frühere Literaturhistoriker. Wegen der unkomplizierten und ansprechenden Darstellung des Stoffes gehört das Werk bis heute zu den Klassikern der Literaturgeschichtsschreibung.
2 Der Regierungsrat Gustav Adolph von Tzschoppe (ein geborener Görlitzer, Jurist), der Geheimrat Theodor Anton von Schmalz (Jurist) und der „Liberalen-Fresser“ Karl Albert von Kamptz (der wirkliche Geheime Staats- und Justizminister) waren führend bei der sogenannten Demagogenverfolgung.
3 Die sieben Jahre Haft wurden auf Laubes Gnadengesuch hin umgewandelt in 18 Monate.
4 Die Theaterstücke, zumeist Vaudevilles, des französischen Dramatikers und Librettisten Augustin Eugène Scribe (1791-1861) entstanden in einer beinahe fabrikmäßigen Arbeitsteilung. Scribe lieferte die Ideen und verteilte eine strukturierte Inhaltsangabe an seine zahlreichen Mitarbeiter, von denen jeder eine bestimmte Szene zu schreiben hatte. Seine Dramen – um die 400 – entsprachen der Mode und sind so gut wie vergessen.
5 Daß Laube als Abgeordneter des Frankfurter Parlaments „Pücklers Ideen von einer konstitutionellen Monarchie“ vertreten haben soll – unter anderem Quatsch zu lesen in einem Muskauer Anzeiger von 2007 – ist natürlich dem grassierenden Pücklerkult geschuldet, denn Pückler hatte niemals eine Idee, und deshalb konnte auch diese nicht von ihm sein: Die erste konstitutionelle Monarchie existierte in England bereits seit dem 17. Jahrhundert. Das „PPP“ (Paulskirchen-Professoren-Parlament: „Dreimal 100 Advokaten – Vaterland, du bist verraten; dreimal 100 Professoren – Vaterland, du bist verloren!“) versagte bei der Schaffung einer solchen Regierung, erst mit der Reichsgründung 1871 setzte Bismarck diese durch. – In der Autographensammlung der „Klassik Stiftung Weimar“ wird ein bemerkenswerter Brief Laubes aufbewahrt, den er am 03.06.1848 in Leipzig an „Leopold Schefer in Muskau“ schrieb. Daraus geht hervor, daß Schefer um den 3. Juni 1848 herum Laube dessen Muskauer Wahl als Ersatzmann für das Frankfurter Parlament mitteilte. Der Brief Schefers gilt als verschollen. (Nach Clausen/Bibl. 179.)
6 Eloesser, Literatur, Bd. 2, S. 224-227.
7 Kortländer, Bernd: Heinrich Laube in Muskau 1837-1839. Kleist-Museum Frankfurt (Oder) 2004. (Frankfurter Buntbücher 36. Hrsg. Lothar Jordan.)
8 Wolkan, Rudolf: „Laube, Heine und Schefer“. In: Deutsche Zeitung (Wien). 26. November 1884, Nr. 4633; S. 1-3 u. 27. November 1884, Nr. 4634; S. 1-3.
9 Hier irrt Wolkan, denn Pückler befand sich seit Januar 1835 auf seinem „Weltgang“. Laube lernte Pückler erst nach 1840 persönlich kennen.
10 Zur Dauer der „Festungshaft“ siehe auch Anm. 3.
11 Zum Stralsunder Arzt und Schriftsteller Karl Theodor Friedrich Siemerling siehe den Artikel „Heinrich Seidel“. Dort ist auch die Idee des gesamtdeutschen Schriftstellerkongresses skizziert.
12 Kortländer, Laube in Muskau, S. 6.
13 Laube, Erinnerungen, Gesammelte Werke Bd. 40, S. 353f.
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