Spittelfreuden des Jeremias Kätzlein
Das Folgende ist ein Extrakt aus Carl Weisflogs „Biographischen Spittelfreuden des abgesetzten Privatschreibers Jeremias Kätzlein. Eine Erzählung.“ In: Meyer’s Groschenbibliothek der Deutschen Klassiker für alle Stände. („Bildung macht frei!“) [Eine Anthologie in 300 Bändchen.] Einhundertfünfzehntes Bändchen. Hildburghausen: Druck vom Bibliographischen Institut. New Yorck: Herrmann J. Meyer o. J. (ca. 1840).

Der Pechvogel Jeremias Kätzlein berichtet darin vom Auf und Ab in seinem Leben, nachdem er sich u.a. folgendermaßen vorgestellt hat. „Mögen obscure Scribenten, aus Bosheit darüber, daß sie von Haus aus nichts sind und auch niemals etwas zu werden Aussicht haben, immerhin auf die Vorzüge der Geburt schimpfen, oder verächtlich das Maul über die Trauben ziehen, die ihnen zu hoch hängen; ich bin andrer Meinung und denke, daß jene Vorzüge denn doch besser sind, als gar nichts. Ja, ich bilde mir was darauf ein, aus einer alten Familie zu stammen – denn mein Vater, Anno 1725 geboren, wäre nun gerade hundert Jahre, wenn er noch lebte, und mein Großvater noch älter.“
In aller Naivität geäußerte unorthodoxe Ansichten wie „ ... sintemal es auf Erden kein besseres Mittel gegen üble Launen und boshafte Mucken gibt, als Gefängniß, Hunger und Prügel, und es ist Schade, daß die Kultur des sanften Zeitalters in Europa diese Trias harmonica zerrissen und den Prügel nur den Chinesen gelassen, die damit das große, weite Reich in wunderbarer Ordnung halten, da auch Se. Excellenz der Staatsminister, vor einer Recreatio mit dem Bambus nicht sicher sind“ sorgen für zahlreiche Brüche in Jeremias Kätzleins Curriculum vitae und verleihen seiner Erzählung ihre eigentümliche Würze.
Deren parodistisches Glanzlicht ist eine Rede, die Kätzlein dem Freundeskreis seiner Gönner, des Grafen Hohenburg und des Barons von der Wieden hält, die sich spaßeshalber Mirabeau und la Fayette nennen und zu eben diesem Spaß ein bißchen Französische Revolution spielen:
„Auch hielten sie wechselseitig alle Wochen auf ihren Schlössern Konvente, wo ihre gleichgesinnten Freunde und Narren, die sich hänseln ließen, die Neuigkeiten jenes großen Dramas wiederkäueten und selbst höchst ergötzliche Scenen zum Besten gaben ... Da gab es einen Wohlfahrtsauschuß, nämlich seine Züngler und wackre Brüder – der Graf und der Baron lebten in fröhlichem Hagestolziate – denen das Küchen- und Kellerdepartement überwiesen war, und die für Kaviar, Austern und Johannisberger zu sorgen hatten; da einen öffentlichen Ankläger, der die kleinen geheimen Schwachheiten der Herren Deputierten an’s lustige Tageslicht zog. Sogar eine Guillotine stand auf dem Schloßhofe des Grafen, unter deren Beile die zum Bratspieße verurtheilten Gänse und Tuthühner bluteten, und das Räumchen, wo sie stand, hieß – der Greveplatz.“
„Nicht so vernünftig nahmen ihre Bauern ... die Sache. Bei ihnen war sie bitterer Ernst, Freiheit und Gleichheit ihr Losungswort. Sie lechzten nach der Erlösung von der Frone und nach den Geldkasten, Scheunen und Kellern der Reichen ... Selbst der Nachtwächter, der Präsident des Sicherheitsausschusses, konnte hinter dem Patriotismus der Uebrigen nicht zurückbleiben, und sang nun nicht mehr zum Schlusse seines Stundenabrufes: Lobet Gott, den Herrn! sondern: Lobet Gott, den Bürger!“
Doch auch Jeremias Kätzlein nimmt die Belustigungen der beiden Landadligen ernst, und so kommt er schließlich auf die Idee, sich mit einer flammenden revolutionären Rede in der Gunst des Grafen „Mirabeau“ zu befestigen, mit dem Fernziel, an das „Kräutlein Noli me tangere“ seines Prinzipals heranzukommen. Er reportiert selber: „Aber mich ritt – wie man so zu sagen pflegt – der Satan und es traf bei mir ein, wie es im Sprüchworte heißt: Wenn dem Jeremias zu wohl ist, geht er auf’s Eis und bricht sich ein Bein.
Jenes Kräutlein Noli me tangere war nämlich ein schmuckes, blondes Cousinchen des Herrn Grafen, von achtzehn Jahren, keine Comtesse, sondern nur ein schlichtes Fräulein, und noch dazu ein ganz armes, aber liebreizend, wie Hebe, mit schmachtenden blauen Augen und einem Mäulchen, wie eine frisch aufgesprungene Rosenknospe.“

Die Rede des Naivlings schlägt zwar ein wie eine Bombe, doch leider nicht mit der Wirkung, die er sich davon erhoffte. Er wird selbstverständlich geschaßt – was zu viel ist, ist zu viel –, findet einen neuen Arbeitgeber und in dessen Mündel Marianne eine neue Anbetungswürdige, doch die Sache endet aus diffizilen Gründen noch ärger als die zuvor ausgestandene. Er muß ein weiteres Mal mittellos auf Wanderschaft, seine Geliebte verfällt dem Wahnsinn und verschwindet spurlos. Bald findet er einen neuen subalternen Posten, diesmal in der Justiz, wo er sich mit der wohldurchdachten und durchaus plausibel begründeten Verurteilung eines (adligen) Vergewaltigers zum Tode ein weiteres Mal suspekt macht. Seine Entfernung aus dem Amt hat jedoch die wider Erwarten erfreulich Folge, daß er besser gestellt und mit seiner geliebten Marianne wiedervereinigt wird. Er findet sie nämlich, selbst „übermorgen sechzig“, als „eine blühende Jungfrau von zweiundvierzig Jahren“ und leidlich wiederhergestellt im Spittel wieder, zu dessen Vorsteher er infolge einer barmherzigen Fügung seines Schöpfers Carl Weisflog wird: „Jugend? – Was ist Jugend? – Ein negativer Begriff, ein Defizit von Runzeln, grauen Haaren und dergleichen, sonst in der Welt nichts Positives.“ Das Happyend ist perfekt „und die Verrückten streueten Blumen“ ...
Es folgt die Konventsrede, mit der Jeremias Kätzlein sich damals – als das Happyend noch lange nicht niedergeschrieben war – das Wohlwollen des „kühnen, freisinnigen Demosthenes Mirabeau“ und seines Freundes, des „edlen Lafayette“ verscherzte.
„Endlich waren die Andern fertig. Da schwebte ich hervor und schwang mich auf die Rednerbühne. Tiefes, erwartungsvolles Schweigen herrschte im Saale, denn es war mein erster öffentlicher Vortrag, mein – wie der Engländer sich ausdrückt – Maiden speech, und das mit vollem Rechte, da der Grundtext dazu ein Mädchen war. Ich räusperte mich, lüpfte die Halsbinde ringsum mit dem Finger, wie es damals Sitte, breitete meine Papiere auf das Pult und las:
Hochansehnlicher, sehr verehrungswürdiger Konvente!
Gleich wie die Eiszapfen der hölzernen, weit in die Straße reichenden Dachrinnen in Schlesien vom warmen Strahle der Sonne schmelzen, triefen und endlich den arglosen Passanten auf die Köpfe fallen, also hat auch die Sonne der Aufklärung und Vernunft die alt- und kleinstädtischen Vorurtheile des finstern, kalten Deutschlands geschmolzen. Manche, die darunter weggingen, sind mit dem Tropfbade davon gekommen, manchen aber ist der schwere Klumpe aufs Kranium gestürzt, wo denn damit – wenn nicht Besserung und Abflachung der aristokratischen und bigotten gall’schen Organe des Hauptes, doch ein schneller und sanfter Tod bewirkt worden. Vieles, woran unsre dummen Aeltern noch steif und fest geglaubt, ist uns ein Mährlein, Manches, was ihnen ehrwürdig war – ein Gelächter. denn wem ist nun noch der rechtmäßige Fürst des Landes ein unverletzlicher Repräsentant des höchsten Wesens? Wem dieses höchste Wesen nicht selber blos die Hauptperson ergötzlicher Mummereien und dramatischer Vorstellungen, in denen kein Mensch mehr etwas Wahres sucht? Wo dünkt sich nun nicht der göttliche Sauhirt des Odysseus eben so gut, ja noch vornehmer zu seyn, als Odysseus selber? Wo stehen nun nicht die Fleischer und Schuster auf und werden Gesetzgeber und Ratsherren, so gut wie Legendre und Simon in Paris? Wo hat nicht die Ehe nun vollends noch den letzten lächerlichen Anhauch eines heiligen Standes verloren, seit uns die Franken überzeugt, daß es dazu gar nicht der Religion bedürfe? Wer hält noch jetzt Widerspenstigkeit der Untergebenen und Rebellion für Sünde, seit wir wissen, daß das zu den ersten, unveräußerlichen Menschenrechten, ja sogar zu den heiligsten Pflichten gehört? Wo sehnet man sich nun nicht nach der praktischen Anwendung der Gleichheitstheorie, der mit einem Male den Lazzaronis – und das ist immer die Mehrzahl der Bevölkerung – das Eldorado müßigen Wohllebens eröffnet, Brod gibt und – Circensis, nämlich selige Hetz- und Hepp-Hepp-Scenen gegen die Vornehmen und Reichen und ergötzlichen Mord und Totschlag? Und wem haben wir Deutschen diese Fortschritte in der Kultur zu danken? Wem anders, als den Zeitungsschreibern, den Journalisten und unter ihnen besonders den literarischen Hökerweibern, die über die Fakta ihren pragmatischen Senf gießen, vor Allem aber den patriotischen Klubs und Filial-Konventen? Wie gerne zählte ich auch unbedingt unsre verehrungswürdige Versammlung zu diesen hellstrahlenden Lichtern; aber ich kann nicht, denn lange schon hat es mir das Herz gepreßt, zu sehen und zu erfahren, daß hier Freiheit und Gleichheit nur in den Worten zu finden, nicht in der That. Die Bauern unserer Dörfer sind elende Sklaven nach wie vor, müssen zinsen, wie seit Olims Zeiten, und werden in täglicher Fron geschunden. Ja, was sag’ ich, in täglicher Fron! In mehr als täglicher! Denn die Zweihufner zu Reichenfelde haben in der Woche sieben Hofetage! Wenn man nun auch, wie billig, den Sonntag für gar nichts oder für einen Werkel- und Arbeitstag wie die andern hält, sich also hierbei noch nicht das „ mehr als täglich“ rechtfertigte; so stellt sich doch solches in der Ernte dar, wo eben diese armen Zweihufner, außer den sieben Hofetagen, wöchentlich noch einen sogenannten „Martertag“ haben, an welchem sie von Sonnenaufgang bis Untergang auf dem Felde arbeiten müssen, wofür ihnen jedoch billige Entschädigung gereicht wird, nämlich alljährlich am heiligen Weihnachtsabende je dreien von ihnen – ein Häring! – Ist das Aufklärung? – ist das Achtung der Menschheit – im Menschen? Ja, haben nicht neulich zehne in’s Hundeloch gemußt, weil sie sich aus dem Dominialforste Holz geholt – wo es doch die Natur keinem Baume in die Rinde gegraben, daß er nur für die Tyrannen wachse? Und hat nicht erst vorgestern der Bürger Chaumette einen Brissotiner, der vor ihm wegen Diebstahl in Inquisition gestanden, einen Schlingel genannt? Er, der überdem schon als Richter es wissen sollte, daß Niemand zarter behandelt werden muß, als ein Spitzbube vor Gericht, den im Geringsten an seiner Ehre zu kränken in der Prozeßordnung auf’s härteste verpönt ist? O, diese weisen Gesetzgeber haben die Menschenrechte besser gekannt, als wir glauben, und schreiben expreß vor, daß jeder Deliquent ad Generalia auf das sorgfältigste befragt werde, ob er etwa an schlechtem und verdorbenem Magen leide, oder sonst woran laborire, welches in der Büttelei bessere Verpflegung erfordere, als er draußen gehabt. Ist es darum nicht doppelt Unrecht, daß hier, und bei uns, gerade die freisinnigen, welche sich schon kühn zur Gleichheit der Güter emporgeschwungen, so schlecht behandelt werden? Und hat nicht sogar der Graf Mirabeau und der Marquis de la Fayette in der Kirche, bei den dortigen dramatischen Vorstellungen und Deklamations-Uebungen – einen Sperrsitz? Hat nicht Letzterer neulich auch einem Bürger-attaché – was die aristokratische Welt „einen Bedienten“ nennt – mit eigener Hand ein paar Ohrfeigen gegeben, weil er sich in seinen Keller geschlichen und einige Fläschlein Nierensteiner zu sich genommen? – Ist das Humanität? Ist das Weltbürgersinn?

Mehr noch könnte ich rügen, ich könnte sagen, wir haben einen öffentlichen Ankläger, der, weit entfernt, wie Fouquier-Tinville, den Stall der Nation mit blutigem Besen zu fegen und dem Meister Hämmerling in die Hände zu arbeiten, sich nur mit Allotriis befasset und des bloßen Spaßmachens verdächtigt ist; aber ich will schweigen. Doch kann und darf unser ehrwürdiger Konvent und am allerwenigsten der höchst vortreffliche Bürger-Präsident, der Graf Mirabeau, nicht länger den schielenden Schein und das verbrecherische Ansehen behalten, als sey es uns mit den hier promulgirten Grundsätzen keineswegs ein rechter Ernst, sondern unser ganzes Geberden nur ein üppiger Spaß zur Unterhaltung, oder gar noch etwas Schlimmeres – Ironie! – Ich schaudre, wenn ich nur an die Möglichkeit solches entsetzlichen Verdachtes denke. Ich erblicke die Geister unserer erhabenen Vorbilder, die längst in das Land ewiger Freiheit, entweder auf dem gewöhnlichen Wege alles Fleisches gegangen, oder dahin durch Meister Samson expedirt worden, wie sie racheschnaubend auf uns herabschauen. Ich sehe, wie der Pariser Mirabeau sich im Grabe wälzt, und Chaumette, Robespierre, Fouquier-Tinville, Carrier, Anacharsis, Danton, Coulhon und St. Just sich an den blutigen Hals greifen und mit geballten Fäusten drohen. Ich sehe mich selber, nämlich den wirklichen Pethion, von dem kein Mensch recht weiß, wo er geblieben, aus einem Graben auftauchend, in welchem er erstickt, Zeter schreien über die schändliche Travestie. Ich seh’ das schlechte Beispiel, das wir geben, wie eine Harpyie über uns schweben und die dumme Welt gerade zu dem Gegentheile von dem verlocken, was unsere Worte verkünden. Ich höre, wie sie über Deutschland krächzt: Glaubet ihnen nicht! Ihre Redner des Menschengeschlechts, ihre Thomas Bayne, ihre Barrere, ihre Barnave, ihre Condorcet sind nichts als elende Pickelhäringe! So wie ihre Mutterloge, der Konvent in Paris, längst Todes verblichen, und ihr Konvent nur noch als die Haare und die Nägel zu betrachten, die dem Leichname im Grabe fortwachsen; so ist auch ihr Patriotismus nur schnödes Haar und Horn, ohne eigenes Leben, Freiheit und Gleichheit ein Hirngespinst. Nur der Aristokratismus, nur Bigotterie, Aberglaube und Tyranney, Adelsstolz und der Geldsack ist etwas Wirkliches! Darum zurück in die alte Macht des Feudalismus, in die Mönchskutte, in’s Hundeloch der Gewalt!
Schweigt, ihr grinsenden Larven, ihr drohenden Spukgestalten! Euer Spott, euer Hohn soll uns nicht treffen. Es wird etwas geschehen, was euch, ja die ganze Welt überzeugen muß, daß wir unsere Worte mit Thaten besiegeln, also hier der Konvent erst recht anfängt, wie das Röhrwasser, wenn er dort aufgehört. Ein erhabenes Gemüth wird sich selber zum Opfer bringen, wie Curtius seinen Mitbürgern. Er wird sich über das gewöhnliche hinwegschwingen, in einen sauern Apfel beißen, ein Individuum des verhaßten Adels zu sich hinauf in die reine Sphäre des allein achtbaren Bürgerstandes erheben und damit zu erkennen geben, daß auch ein rechtschaffener Adliger ein Mensch sey, den man keineswegs gänzlich verabscheuen dürfe. Und der höchst ruhmvolle Konvent wird Beifall rufen, obschon er leider meist aus Grafen, Baronen und Edelleuten besteht, die jedoch gerade dadurch ihren Freiheitssinn glänzend beurkunden und zeigen werden, wie würdig sie des Namens „Bürger“ sind.
Ich sehe Euer Erstaunen – Hochverehrte! und Eure Mienen fragen: wer ist das erhabene Gemüth, wer ist der Curtius, der dieses Opfer bringt und in den sauern Apfel beißt? O, Ihr Trefflichen! Er steht vor Euch. Ich bin es, ich, ich selber!
Darum frohnet, in Gottes Namen, Ihr Bauern, schindet Euch im Martertage, Ihr Zweihufner, bis an der Welt Ende! Schimpfe – würdiger Chaumette! – fürder so viel du willst, oder so viel du nur Strafe zu zahlen Lust hast! Brummt im Loche – ihr Holzdiebe! das Alles kann nun unserm Ruhme nicht mehr schaden, die Reinheit unserer Gesinnungen nicht mehr verdächtigen, denn in dem Beispiele, welches gegeben werden soll, wird unsern bittersten Feinden der Glaube in die Hände kommen, daß wir es ehrlich und redlich gemeint, und am Tage, an welchem Hymen das Opfer bekränzt, würdig und gerecht der Hymnus erklingen:
Le jour de gloire est arrivé!

Triumphierend stieg ich von der Rednertribüne herab. Ich hatte mich zuletzt in der Steigerung der Stimme und Aktion selber übertroffen, und sah, wie, von starrem Staunen ergriffen, kein Mitglied der Versammlung eines Wortes mehr mächtig war, die Sitzung ein Ende hatte, und die Deputirten aus dem Saale flohen, als jage sie der Teufel.“
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