Der Kirchhof
Aus dem Bändchen Gedichte von 1808

Blätter sanken von den Zweigen,
Lichter ward’s im Eichenhain,
Banges hoffnungsvolles Schweigen
Kehrte nach dem Jubel ein.
Keine Blüthe war zu finden,
Keine Knospe wurde jung;
Einsam in umflorten Gründen
Weinte die Erinnerung.
Ach, ich theilte diese Trauer,
Die so ernst zum Herzen sprach;
Hing mit tiefgefühltem Schauer
Heimlicher Betrachtung nach.
Mächtig, wie er nie mich rührte,
Faßte mich des Herbstes Sinn,
Und die Hand der Schwermuth führte
Mich zum hohen Kirchhof hin.
Wo die lieben Todten wohnen,
Blieb ich still betroffen stehn;
Sah die falben Flitterkronen
An den schwarzen Kreuzen wehn;
Las des Glaubens goldne Worte
Am gesunknen Leichenstein,
Die des Todes schwarze Pforte
Tröstungsreichen Schimmer leih’n.
Horch! da tönt im Abendscheine
Feierlich der Glockenklang;
Näher von des Thales Raine
Hallt gedämpfter Grabgesang;
Langsam durch des Kirchhofs Thore
Seh’ ich Sarg und Priester nah’n;
Und ein Kreuz mit schwarzem Flore
Führt den Trauerzug heran.
Stumm, in schmerzbetäubter Runde,
Stehn sie bei des Lieben Grab;
Jedes ruft mit bangem Munde
Noch ein Abschiedswort hinab.
„Vater! Vater!“ stöhnt’s im Kreise,
„Dich verlieren?“ – Kalt und stumm
Sinkt die arme junge Waise
Bei der Bahre plötzlich um.
Tröstend will die Mutter sprechen,
Doch der eigne Schmerz ist wach;
Ihre letzten Kräfte brechen –
Und sie wankt der Tochter nach. –
Da erbaute sich der Hügel
Ueber die verschwiegne Gruft,
Und der Trennung Todesflügel
Rauschte durch die Gräberluft. –
Und ich sprach: bezahlt das Leben
Diesen Armen ihren Schmerz?
Was sie jetzt dahingegeben,
Das geliebte Vaterherz,
Kann ein Andrer es ersetzen?
Nein, es wägt kein Zeitenlauf,
Keine Welt mit ihren Schätzen
Den versenkten Vater auf.
Durch des Winters trübe Tage
Folgte mir das trübe Bild;
Ringsum sah’ ich Sarkophage,
Die Natur mit Tod erfüllt;
Hörte ewig Grabgeläute,
Sah den Flor im Sturme weh’n;
Bebend an der Mutter Seite
Das verblichne Mädchen stehn. –
Und die Nachtigallen sangen
Wieder in dem Eichenhain;
Ihre Melodieen drangen
Tief in meinen Busen ein;
Riefen mich zur Frühlingsfeier
In den neubelebten Raum,
Und mein Blick erhob sich freier
Himmelauf vom Blüthenbaum.
Mit den neuen Blumen lebte
Neue Hoffnung in der Brust;
Keines Schreckens Nachtbild schwebte
Vor dem heitern Reich der Lust.
Auferstehung nach dem Sterben,
Leben auf des Todes Spur,
Glanz und Schönheit nach Verderben!
Rief die Stimme der Natur.
Ich verstand die hohen Worte;
Floh entzückt von ihrem Sinn
Zu dem stillen Friedensorte,
Zu den grünen Gräbern hin.
Auferstehung auch bei ihnen,
Rief ich, wie im Blumenthal;
Wenn ihr Frühling einst erschienen,
Weckt auch sie der Sonnenstrahl.
Ach, daß die Verwais’te käme,
Die den Vater hier verließ,
Dieser Deutung Trost vernähme:
Sie genäse dann gewiß!
Aber so, des Harmes müde,
Wankt sie fühllos durch die Flur;
Hört vielleicht im Lerchenliede
Ihre Grabgesänge nur! –
Horch! das sind Schalmeienklänge!
Aus der Kirche grauem Thor
Wälzt mit festlichem Gepränge
Sich ein bunter Zug hervor.
Und mit züchtiger Gebehrde
Ziert, voll Wonne angeschaut,
Ihn das schönste dieser Erde,
Eine neuvermählte Braut.
Und sie ist’s! – Die ich bedauert,
Die mit ungestümer Qual
Jüngst des Vaters Tod betrauert,
Hüpft jetzt froh zum Hochzeitsmahl;
Hängt mit wonnetrunknen Blicken
An des Gatten Angesicht,
Sieht im liebenden Entzücken
Den beblümten Hügel nicht! –
Und ich sprach. vergieb dem Schwachen
Du, den keine Zunge nennt!
Dessen treuen, ewigwachen
Vatersinn mein Geist erkennt.
Deine Weisheit ehrt mit Beben
Ein gerührtes Menschenherz,
Denn du gabst dem kurzen Leben
Kurze Wonne, kurzen Schmerz!

(16.12.2009.)
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