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Der Kirchhof

Aus dem Bändchen Gedichte von 1808



st seidel kirchhof leichenzug wilhelm1 anonym 1864


Blätter sanken von den Zweigen,
      Lichter ward’s im Eichenhain,
Banges hoffnungsvolles Schweigen
      Kehrte nach dem Jubel ein.
Keine Blüthe war zu finden,
      Keine Knospe wurde jung;
Einsam in umflorten Gründen
      Weinte die Erinnerung.

Ach, ich theilte diese Trauer,
      Die so ernst zum Herzen sprach;
Hing mit tiefgefühltem Schauer
      Heimlicher Betrachtung nach.
Mächtig, wie er nie mich rührte,
      Faßte mich des Herbstes Sinn,
Und die Hand der Schwermuth führte
      Mich zum hohen Kirchhof hin.

Wo die lieben Todten wohnen,
      Blieb ich still betroffen stehn;
Sah die falben Flitterkronen
      An den schwarzen Kreuzen wehn;
Las des Glaubens goldne Worte
      Am gesunknen Leichenstein,
Die des Todes schwarze Pforte
      Tröstungsreichen Schimmer leih’n.

Horch! da tönt im Abendscheine
      Feierlich der Glockenklang;
Näher von des Thales Raine
      Hallt gedämpfter Grabgesang;
Langsam durch des Kirchhofs Thore
      Seh’ ich Sarg und Priester nah’n;
Und ein Kreuz mit schwarzem Flore
      Führt den Trauerzug heran.

Stumm, in schmerzbetäubter Runde,
      Stehn sie bei des Lieben Grab;
Jedes ruft mit bangem Munde
      Noch ein Abschiedswort hinab.
„Vater! Vater!“ stöhnt’s im Kreise,
      „Dich verlieren?“ – Kalt und stumm
Sinkt die arme junge Waise
      Bei der Bahre plötzlich um.

Tröstend will die Mutter sprechen,
      Doch der eigne Schmerz ist wach;
Ihre letzten Kräfte brechen –
      Und sie wankt der Tochter nach. –
Da erbaute sich der Hügel
      Ueber die verschwiegne Gruft,
Und der Trennung Todesflügel
      Rauschte durch die Gräberluft. –

Und ich sprach: bezahlt das Leben
      Diesen Armen ihren Schmerz?
Was sie jetzt dahingegeben,
      Das geliebte Vaterherz,
Kann ein Andrer es ersetzen?
      Nein, es wägt kein Zeitenlauf,
Keine Welt mit ihren Schätzen
      Den versenkten Vater auf.

Durch des Winters trübe Tage
      Folgte mir das trübe Bild;
Ringsum sah’ ich Sarkophage,
      Die Natur mit Tod erfüllt;
Hörte ewig Grabgeläute,
      Sah den Flor im Sturme weh’n;
Bebend an der Mutter Seite
      Das verblichne Mädchen stehn. –

Und die Nachtigallen sangen
      Wieder in dem Eichenhain;
Ihre Melodieen drangen
      Tief in meinen Busen ein;
Riefen mich zur Frühlingsfeier
      In den neubelebten Raum,
Und mein Blick erhob sich freier
      Himmelauf vom Blüthenbaum.

Mit den neuen Blumen lebte
      Neue Hoffnung in der Brust;
Keines Schreckens Nachtbild schwebte
      Vor dem heitern Reich der Lust.
Auferstehung nach dem Sterben,
      Leben auf des Todes Spur,
Glanz und Schönheit nach Verderben!
      Rief die Stimme der Natur.

Ich verstand die hohen Worte;
      Floh entzückt von ihrem Sinn
Zu dem stillen Friedensorte,
      Zu den grünen Gräbern hin.
Auferstehung auch bei ihnen,
      Rief ich, wie im Blumenthal;
Wenn ihr Frühling einst erschienen,
      Weckt auch sie der Sonnenstrahl.

Ach, daß die Verwais’te käme,
      Die den Vater hier verließ,
Dieser Deutung Trost vernähme:
      Sie genäse dann gewiß!
Aber so, des Harmes müde,
      Wankt sie fühllos durch die Flur;
Hört vielleicht im Lerchenliede
      Ihre Grabgesänge nur! –

Horch! das sind Schalmeienklänge!
      Aus der Kirche grauem Thor
Wälzt mit festlichem Gepränge
      Sich ein bunter Zug hervor.
Und mit züchtiger Gebehrde
      Ziert, voll Wonne angeschaut,
Ihn das schönste dieser Erde,
      Eine neuvermählte Braut.

Und sie ist’s! – Die ich bedauert,
      Die mit ungestümer Qual
Jüngst des Vaters Tod betrauert,
      Hüpft jetzt froh zum Hochzeitsmahl;
Hängt mit wonnetrunknen Blicken
      An des Gatten Angesicht,
Sieht im liebenden Entzücken
      Den beblümten Hügel nicht! –

Und ich sprach. vergieb dem Schwachen
      Du, den keine Zunge nennt!
Dessen treuen, ewigwachen
      Vatersinn mein Geist erkennt.
Deine Weisheit ehrt mit Beben
      Ein gerührtes Menschenherz,
Denn du gabst dem kurzen Leben
      Kurze Wonne, kurzen Schmerz!


st seidel kirchhof ludwig richter brautzug im fruehling


(16.12.2009.)

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