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Johann Andreas Tamm (1767-1795)

Ein Außenseiter der Aufklärung

Von Bernd-Ingo Friedrich

S. auch Die vollständige Biographie
nebst Anmerkungen zur Biographie


andreas tamm muskau manuskript


Die Blütezeit der Standesherrschaft Muskau begann unter den Grafen von Callenberg, die Zeit der Reife setzte unter dem dritten Grafen von Pückler ein. Ein Bürger, der wohl mehr zur Ausbildung des Zeitgeistes in der kleinen Mediatstadt Muskau beitrug, als sich je zuverlässig bestimmen ließe, war ein Pastorensohn, der als studierter Jurist und freier Bürger in die Stadt kam. Deren Einwohner waren erbuntertänig und der Obrigkeit gegenüber weitgehend unkritisch. Johann Andreas Tamm aus Merseburg, um ihn handelt es sich hier, war von anderem Kaliber.

Andreas Tamm wurde am 1. Januar 1767 in Merseburg (Sachsen) geboren. Nach Privatunterricht durch den Vater und Besuch des Domgymnasiums in Merseburg studierte Tamm Jura in Leipzig (1783-1787) und ging zunächst als Registrator an das Kurfürstlich Sächsische Justizamt Zeitz. Mit Beginn des Jahres 1790 wurde er Hofmeister des 5jährigen Erbgrafen und späteren Fürsten Hermann von Pückler in Muskau. Dessen Mutter veranlaßte jedoch bereits im Oktober 1790 Tamms Versetzung an die Muskauer Stadtschule. 1792 heiratete Tamm die Tochter des Stadtrichters, Charlotte Strenge. Aus der Ehe mit ihr gingen drei Kinder hervor. Andreas Tamm verließ Muskau, weil seine Entlohnung für den Unterhalt der Familie nicht reichte, und starb an Entkräftung nach kurzer Advokatentätigkeit am 29. Juli 1795 in Görlitz. Seine Frau verstarb kurze Zeit später an den Folgen eines tragischen Haushaltsunfalls.

1791 ernannte ihn die „Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften“ zu ihrem ordentlichen Mitglied. In deren Periodikum, der Lausitzischen Monatsschrift, erschien 1792 sein Aufsatz „Noch Etwas über Leibeigenschaft, Erbuntertänigkeit und Laßgüter in der Lausitz“. In ihm analysierte er die feudalen Verhältnisse in der nördlichen Oberlausitz auf der Grundlage eigener Beobachtungen und übte an ihr juristisch fundierte, in ihrer Kompromißlosigkeit bis dahin einmalige Kritik. Dieser Aufsatz und die tagebuchartigen Aufzeichnungen des sorbischen Halbbauern Hanzo Njepila aus dem Dorf Rohne in der Standesherrschaft Muskau sind die bislang einzigen unmittelbaren, schriftlichen Zeugnisse zur faktischen Leibeigenschaft in den Gebieten östlich der Elbe am Ende des 18. Jahrhunderts. Des weiteren reichte er verschiedene Arbeiten zur Reform der zeitgenössischen Pädagogik ein, die ihrer gleichfalls offenen Kritik wegen zwar unterdrückt wurden, deren Beispiel aber nachweisbar innerhalb der Gesellschaft wirkte.


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Für das ihm ursprünglich fremde Gebiet der Pädagogik offenbarte Tamm eine natürliche Begabung. Seine unzureichenden Einkünfte zwangen ihn zur Erteilung von Privatunterricht. Unter seinen Schülern waren der spätere Superintendent Gottfried Petrick und der Muskauer Dichter und Komponist Leopold Schefer, der spätere General-Inspektor Pücklers. Tamms indirekter Einfluß auf Hermann von Pückler über den Jugendfreund Schefer auch nach seiner Entfernung vom Hof ist durch Tagebucheinträge Schefers belegt. Sein Anteil an der Erziehung Schefers und Pücklers, zweier Menschen, deren glückliche Anlagen er so ausbildete, daß sie sich zu Männern mit Charakter und Verstand weiter entwickeln und Überdurchschnittliches leisten konnten, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Beide haben auch wiederholt auf den nachhaltigen Einfluß Tamms auf ihre Entwicklung hingewiesen. Aus der Vielzahl ihrer Äußerungen hier nur zwei:

„Danach sorgtest Du für einen Hofmeister, und Du warst glücklich in seiner Wahl. Gewiß, hätte ich den braven Tamm behalten können, vieles wäre jetzt anders; der gute Mann hatte aber den Fehler, zu sagen was er dachte; Damen wollen lieber geschmeichelt sein, meine Mutter konnte sich nicht mit ihm vertragen, und er – ging.“ (Hermann von Pückler 1803 an seinen Vater.)

„Es füge sich nur so, daß er [Pückler] von nun an immer in gute Hände komme. – Bey Tamm, unser aller Todtenerwecker, waren wir [Pückler und Schefer] zusammen als Kinder und ich ärgerte mich, als ich einem Buben, wie ich, einen Glückwunsch zum Geburtstage schreiben sollte, der immer nicht gut genug war, und den mir Tamm einen nach dem anderen zerriß. Schon mein Vater hat mich nicht gelehrt, irgend Jemand vor dem Anderen zu achten, mir galten alle gleich; ich weiß, wie ich als Kind mich selber geärgert habe, daß Christus so von aller Welt geehrt würde, deswegen hab ich auch nie zu Gott dem Sohn, sondern immer nur zu Gott dem Vater gebetet. Die guten Zeiten! Jetzt ist’s nur zu spät, Jemand nach etwas anders schätzen zu lernen, als nach wahren Vorzügen, Fertigkeiten und guten Künsten – auch die Tugend ist eine Kunst, und es giebt Genies dazu wie zu jeder andern Sache.
Weißt Du noch, wie Du mit dem französischen Vokabelbüchlein in die Stunde gewandert kamst mit Deiner Schwester und Du auch einmal von dem großen Stehauf das Bley abgemacht hattest, den Dir Tamm darauf schenkte. Ich hab mich manchmal bey hellem Tage unter die Linden vor den Schulhäusern gesetzt und an die Zeiten gedacht, wo wir da saßen und warteten, bis er von der Tafel kam.“ (Leopold Schefer 1806 an seinen Freund George Vogel.)

Die Wertschätzung des Lehrers ging über das Verbale hinaus, als Leopold Schefer sich des ältesten Sohnes der Familie Tamm annahm und seine Ausbildung finanzierte, nachdem auch dessen Mutter noch frühzeitig gestorben war: „Und ich armer Teufel erhielt den Eduard Tamm (den Sohn meines ersten Lehrers) ein paar Jahre auf dem Gymnasium in Bauzen“, hielt Schefer im Tagebuch des Jahres 1807 unter anderem fest.

(2004. Biographie Tamm in: Letopis 1/ 2006, stark gekürzt.)


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