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Von Liebesdingen und Teufelsgaben

10 Gedichte von Leopold Schefer

Mit vier ungedruckten Gedichten



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1
UNGEZÄHLTE WELTEN
Irren wie Lämmer
Durch die weite Nacht
Ewig allein.
2
Fern sehn sie sich ziehen
Sehnend hinüber;
Licht hüllt sie den Tag
Wolken die Nacht.
3
Ob an jenen Ufern
Nirgend Vollendung
Bang das Herz erbebt
Sinnend sie meiner!
4
Nirgend Palmen grünen
Glücklich ruhen
wir hier – Gräber stehen
Rosen-bepflanzt
5
Ungezählte Welten
Irren, wie Lämmer
Durch die leere Nacht
Ewig umsonst.
6
Die Welten schwingen.
Jede bewahret
Ihren eignen Gram,
trägt allein
7
Wandern muß die Hoffnung
Trostreich im Kreise
Und das Leben stillt
Täuschend der Tod.

(1805)


VON AGNES

Ach, du liebst mich nicht,
gönnst du allein nicht alles Glück
mir blos durch dich,
du liebst mich nicht
fühlst du dich mein nicht werth –
denn dem Liebenden gab ein Gott
auszustrecken die Hand
nach dem Schönsten
kühn zu wenden den Blick
auf zu Olympischen;
und auch stieg aus dem goldnen Gewölk
Luna herab
an Endymions liebende Brust,
und hoch schwoll sie dem armen Schäfer
ueber die Götter!

(1810)


(AN AGNES)

So darf das Schicksal mich und Dich entzweyen?
Wie todt bin ich nun ruhig. Alle Leiden
verquellen, und der Sehnsucht Thränen scheiden;
nach meiner Liebe Tod kann nichts mehr dräuen!

Doch hoffnungsleer kann auch kein Glück mich freuen!
ach, liebend wollt’ ich alles lieber leiden
um Dich – Dich ewig sehn, und ewig meiden,
ja lieber todt wollt Dir Blumen streuen!

Denn was vollkommen stirbt, ich kann’s noch lieben,
es ist hinweg – und ist doch wie geblieben!
Ihr soll nicht Leben und nicht Tod gelingen?
Du Thor! – der Himmel mißgönnt sie der Erden,
sie ist zu schön, und soll ein Engel werden,
und heimlich keimen ihr die goldnen Schwingen.

(1810)


DIE FRÜCHTE AUF DEM OBSTLAGER

(1811)


DER MORGENSTERN.

Die Sterne thaten ueberaus geschäftig,
Sie regten sich, und hatten ihr Begehn,
Sie blinkten gar so silbern, frühlingskräftig
Doch ach wer hatte Zeit hinauf zu sehn!
An Ihrer treuen Brust so treu geborgen
Verweilt ich bei ihr, lang’ und gern,
Drauf scheidend brannte nur im Purpurmorgen
Der Morgenstern.

Sind nun die Sterne wieder so geschäftig,
Da mein’ ich, müßt’ ich wieder zu ihr gehen!
Sie blinken ja so silbern, frühlingskräftig!
Doch ach, nun hab ich Zeit hinauf zu sehn!
Die teure Brust, die mich so treu geborgen,
Der holde Geist ist ewig fern!
Und weinend findet mich am Purpurmorgen
Der Morgenstern.

Und thut der Stern so ueberaus geschäftig
Und regt er sich und hat er sein Begehn,
Da mein’ ich, hold getäuschet, liebekräftig:
Ich war bei ihr! ich habe sie gesehn!
„Du hast sie jetzt gesehn! “ so rauhnt’s verborgen;
Dann seh’ ich sie! und seh’ so gern:
Sie ist’s! das schöne Licht im Purpurmorgen
Der Morgenstern!

(1821)


NUR WER DIE GANZE STIMME DER NATUR
Heraushört, dem wird sie zur Harmonie,
Hier nah vor meinem Fenster weint ein Kind –
Und rings im Grünen singen hundert Vögel;
Dort morschet eine altbejahrte Eiche –
Und drunter nicken junge Blütenbäume
Sich freundlich zu; dort schallen Grabgesänge
Vom Schlafgemach der Toten – und vom Walde
Her seh’ ich eine lust’ge Hochzeit schweben;
Nun seh’ ich selbst durch den halboffnen Sarg
Den Toten liegen – und sieh, durch den Spalt
Zwei kleine blüh’nde Kinder still sich wundern,
Und oben ziehn die Wolken, unbekümmert
Um all das unten, ihren ew’gen Weg.
Wie mischen die Gefühle sich im Herzen
zu schönem Ebenmaß und Götterruhe!
Der Geist des schönen All’s ist mir geworden
Von Freud’ und Schmerz gleich fern, steh’ ich bereit,
Was auch das Leben bringt, recht zu empfangen.

(1828)


FISCHER UND FISCHERMÄDCHEN

Aus lauter Fischen und Maisbrot
Besteht dein Meerfee-Leib,
Doch blühn dir der Wangen Rosen so roth –
Komm’, Seestern, sei mein Weib!

So blüht die Rose aus schwarzer Erd’,
Das Veilchen aus Nebel und Thau;
Dein Aug’, deine Liebe die sind mir werth –
Komm’, Perle, sei meine Frau!

So wächst die Lilie im grünen Meer,
Die Orange reift so im Wind;
Bin ich doch aus dem Meere her
Komm’, Weib, und werde mein Kind!

(1847)


NEUN DINGE BRAUCHT EIN RECHTER MANN:
Ein schönes Weib, ein feurig Roß,
Ein Haus, ein Weinfaß, einen Freund,
Gesunden Leib, ein fröhlich Herz,
Mit einem guten Beutel Gold
Glühheiße Liebe mit Verstand.
Und kämen Neune noch dazu:
Die Musen – welch beglückter Mann!
Und kämen Dreie noch dazu:
Die Grazien – o halber Gott!
Und kämen Sechse noch dazu:
Sechs Kinder – Halt! die Welt ist aus!
Die Götter wissen selbst nichts mehr.

(1853)


GANGARTEN

Als ich ein kühner Knabe war – bin ich gesprungen.
Als ich ein frommer Jüngling war – bin ich gewallet.
Als mich die weite Erde zog – bin ich gepilgert.
Als mich die junge Schöne rief – bin ich geklettert.
Da ich zum ernsten Manne ward – nun kann ich gehen.
Wenn mir das Alter angeklopft – dann werd’ ich schleichen.
Und kommt der schwarzen Männer Schar – werd’ ich getragen.
„Nun wähle Dir das Beste aus!“ –: „Am besten?: Alles!“

(1855)


DES TEUFELS TESTAMENT

(1867)


Die Gedichte wurden gefunden: Die Früchte auf dem Obstlager in: Gedichte. Hrsg. vom Grafen Pückler von Muskau. Berlin: Gottfried Hayn, 1811; Der Morgenstern in: Leopold Schefer’s ausgewählte Werke. Neue Ausgabe. Berlin: Veit & Comp., 1857; Nur wer die ganze Stimme der Natur in: Laienbrevier. Berlin: Veit & Comp., 1834/35; Neun Dinge braucht ein rechter Mann in: Hafis in Hellas. Von einem Hadschi. Hamburg: Hoffmann und Campe, 1853; Gangarten in: Koran der Liebe nebst kleiner Sunna. Hamburg: Hoffmann und Campe, 1855; Des Teufels Testament in: Für Haus und Herz. Letzte Klänge von Leopold Schefer. Hrsg. von Rudolf Gottschall. Leipzig: Ernst Keil, 1867. Die übrigen vier Gedichte sind Schefers Tagebüchern entnommen. Diese befinden sich im Leopold-Schefer-Nachlaß in der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften zu Görlitz.

(Die Auswahl erschien 2006 als typographisch gestaltete Beilage im Heft 183 der Zeitschrift Marginalien.)


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