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Leopold Schefer - Dichter und Komponist - 1784-1862

Neisse Verlag 2005

Von Bernd-Ingo Friedrich


Zwischen 1834 und 1898 wurde das Laienbrevier des Muskauer Dichters und Komponisten Leopold Schefer in Deutschland insgesamt 21 mal aufgelegt, davon 12 mal noch zu Lebzeiten des Dichters. Es wurde ins Englische übersetzt, teilweise in das Polnische, in Prosa übertragen und nachgeahmt. Es sicherte dem Dichter ein regelmäßiges Einkommen, das genügte, die notwendigen täglichen Ausgaben zu bestreiten. Seinen – lesenden - Zeitgenossen, die ihn vor allem als Novellendichter aus Dutzenden Kalendern, Almanachen, Taschenbüchern und Ähnlichem kannten, war das Laienbrevier ebenso vertraut wie dessen Schöpfer. Heute über Leopold Schefer zu schreiben heißt noch immer, fast ganz von vorn zu beginnen. Die Bemühungen derer, die sich im Gefolge Arno Schmidts seit den 1960er Jahren um eine Wiederbelebung des Dichters bemühten, sind selbst in seiner Heimatstadt – leider, denn er hätte es längst verdient – so gut wie fruchtlos geblieben.


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In einem kleinen Haus am Muskauer Markt wird Gottlob Leopold Immanuel Schefer am 30. Juli 1784 in eine bewegte Zeit hineingeboren; ein reichliches Jahr später, im Schloß gleich nebenan, sein Jugendfreund Hermann von Pückler.

Deutschland hat 20.000.000 Einwohner und 20.000 Gelehrte. Die Standesherrschaft Muskau in der Oberlausitz gehört zur Sachsen, das von Friedrich August III. (dem Gerechten) regiert wird, den Napoleon 1806 zum glücklosen König Friedrich August I. macht. Seit 1772 gibt es in Sachsen Kupfermünzen und Papiergeld, 1 Reichstaler hat 24 Groschen, 288 Pf oder 576 Heller; der einfache Bauer verdient 12-14 Taler im Jahr oder nichts, ein „Angestellter“ um 100-150. Man trägt noch Perücke mit Zopf, Kniebundhosen, dazu Schuhe mit riesigen Schnallen, und zur Hochzeit der Comtesse Callenberg, der späteren Mutter Pücklers, kauft man in eben jenem Jahr 12 Paar seidene Strümpfe für 155 Taler. Während einige seiner von Pietismus und Aufklärung beeinflußten Vertreter noch zu reformieren versuchen, sieht der Adel bereits seiner Ablösung als herrschender Klasse entgegen. 1789 beginnt die französische Revolution. 1791 beschließt der polnische Reichstag die erste Verfassung Europas. Um fortschrittliche Reformen zu verhindern, fallen die europäischen Mächte 1792 über Polen her und teilen es endgültig 1795. Nikolaus Graf von Zinzendorf hebt die Leibeigenschaft. per Dekret 1727 auf, Kaiser Leopold versucht es in Österreich 1793, Kongreßpolen wird bis 1864 daran gehindert. Mozart stirbt 1791, Goethe bezieht das Haus am Frauenplan 1792; 1793 wird in Frankreich das metrische System eingeführt, Beethovens Opus 1 ist von 1795, dem Jahr, das als das Geburtsjahr der Romantik bezeichnet wird.

Die Mediatstadt Muskau ist eine Kleinstadt mit nicht einmal tausend, genau: 630 Bewohnern, darunter 42 Schuhmachern und zwar nur halb so vielen, aber umso berühmteren Töpfern: Um das Schloß und seine Bewohner gruppiert sich das Leben der Stadt sowie der ganzen Herrschaft, die eine der stattlichsten der Oberlausitz und mit komfortablen Privilegien ausgestattet ist wie nur wenige im Reich. Von den Vorgängen in der Welt spürt man hier (noch) wenig oder gar nichts. Die Uhren ticken hier (noch immer) etwas langsamer.

Schefers Vater ist Arzt, die Mutter die Tochter des Klittener Pfarrers. Die Schefers leben in bescheidenen wirtschaftlichen Verhältnissen. Der Vater ist humorvoll, schnurrig und sozial engagiert. Nicht zuletzt deshalb geht es der Familie zunehmend schlechter, bis schließlich sogar das erst 1780 gebaute Haus verkauft werden muß. Leopold ist ein begabtes, aber schwieriges Kind. „Der Junge bringt mich noch ins Grab.“, klagt der Vater einmal; der Vater und sein zum Autismus neigender Sohn kommen nicht gut miteinander aus. Umso inniger ist das Verhältnis zur Mutter und der mit im Haushalt lebenden Großmutter. Sie vergöttern und verwöhnen das Kind. Seinen ersten Unterricht erhält es privat bei Rektor Tamm, einem ausgezeichneten und für die Entwicklung des Jungen sehr wichtigen Pädagogen, der allerdings bereits 1795 im Alter von 28 Jahren stirbt. Schefer kann schon mit fünf lesen und schreiben und erhält Musikunterricht, spielt Klavier, Geige und Glasharmonika. Die Harmonika ist sein liebstes Instrument. Später erhält er zusammen mit neun anderen Jungen - man sagt noch „Knaben“ - private Lektionen bei Hofrat Röhde. Auch Hermann von Pückler und Alexander Röhde, Sohn des Hofrates und sein engster Freund, sind darunter. Darüber hinaus beherbergt Muskau eine ganze Reihe geistig regsamer Leute; in der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften zu Görlitz stellen die Muskauer mit Graf von Callenberg, Hofrat Röhde, Superintendent Vogel, den Predigern Neumann und Brescius und dem Rektor Tamm die stärkste Fraktion. Oft und gern gesehener Gast bei Schefers ist der eine zeitlang im benachbarten Wolfshain als Hauslehrer angestellte Philosoph Johann Gottlieb Fichte. 1797 stirbt der Vater, zu Leopolds Vormund wird der Schloßsekretär, spätere -intendant Ludwig Traugott Heinrich Wolff bestimmt.

„Er spricht den ganzen Tag drei Worte kaum
und sagt doch mehr als was er denkt, Herr Saum.“

So charakterisiert ihn Leopold Schefer. Er mag ihn nicht, denn er vermißt trotz allem den Vater sehr. Zeitlebens hat Schefer eine starke familiäre Bindung, er schließt sich eng an seine Freunde an, pflegt nur wenige, aber intensive Kontakte. Verluste wie der Tamms, später Alexander Röhdes, der Mutter, Großmutter, seiner Frau und des spät gewonnenen und wie Tamm jung gestorbenen Freundes Max Waldau erschüttern ihn tief.

Im Jahre 1799 bringt ihn die Mutter auf das renommierte Bautzener Gymnasium. Mit ihm gehen zwei Söhne Vogels und zwei Neffen Röhdes. Direktor des Gymnasiums, das auch vom Adel geschätzt wird, ist der berühmte Pädagoge Friedrich Gottlob Ernst Gedike, Bruder des berühmteren Friedrich Gedike, des Herausgebers der Berlinischen Monatsschrift. Pückler muß auf das Philantropinum in Dessau.

Schefer lernt besessen, kümmert sich wenig um anderes. Am liebsten verbringt er seine Zeit in der Ratsbibliothek. Er hat einige Freunde, die aber im weiteren Leben keine Rolle mehr spielen, entweder weil sie jung sterben oder fortgehen. Einzig Karl Justus Blochmann, der Pädagoge, bleibt ihm. Schefer verfaßt erste Gedichte

„Traurig und leer
das Herz so schwer
ging ich allein
im Hayn
bei Mondenschein.“

und beginnt Tagebücher zu führen, die noch nicht so heißen. Es entstehen auch seine ersten Kompositionen, unter anderem eine Vertonung seines Schulzeugnisses. Er hat das Glück, in dem Kantor Johann Samuel Petri einen hervorragenden Musiklehrer zu bekomme. Dessen Anleitung zur practischen Musik (1782) zählt heute zu den Standardwerken zur musikalischen Aufführungspraxis im 18. Jahrhundert.

1804 verläßt Schefer das Gymnasium vorzeitig. Seine Mutter ist erkrankt und möchte ihn bei sich haben. Vielleicht tragen auch finanzielle Schwierigkeiten zu dem Schritt bei. Er bildet sich nun autodidaktisch weiter und nutzt dazu ausgiebig die reichhaltige Schloßbibliothek. Hier findet und notiert er sich bereits erste Stoffe zu Novellen. Für die erst 1837 entstandene „Die Prinzeninseln“ beispielsweise entnimmt er ihn dem 20. Band des auch als Corpus (Fontium) Historiae Byzantinum bezeichneten Corpus Byzantinae Historiae Venetianum, einem Klassiker der Geschichtsschreibung in 23 Bänden, die er hier in einer kostbaren Ausgabe von 1729 vorfindet. Seine Tagebücher nennt er jetzt richtig „Tagebücher“.

1805 trifft in Muskau die Nachricht vom Tod Alexander Röhdes ein. Alexander hatte die Bergakademie Freiberg absolviert und war als Ingenieur nach Rußland gegangen. Nahe der Grenze zu Tibet, irgendwo am Irtysch war er, 22 Jahre alt, tödlich verunglückt. Die Nachricht stürzt den stets grübelnden, noch immer um sein Selbst ringenden Schefer in heftige Depressionen, und er klagt sogar Gott mit den Worten an:

„Heraus mit dir, du gift’ger Bluthund, ich bin dir ebenbürtig wie du mir!“.

Heimlich plant er jetzt, Napoleon zu ermorden. Er will etwas Nützliches tun. Doch bei allem Weltschmerz beobachtet er stets wachsam, was um ihn herum vorgeht und notiert etwa, daß das Schloß umgebaut und neu verputzt wird, während ringsum die Hungersnot groß ist.

1806, Pückler ist wieder einmal in Muskau, unternehmen die beiden eine Wanderung „nach der Schneekuppe“, wobei es sich ergibt, daß Schefer den Weg zur Burgruine Kynast zu Fuß zurücklegt, während der junge Graf sich in einer Sänfte hinauftragen läßt – eine Episode, die das ambivalente Verhältnis der beiden Jugendfreunde zueinander gut illustriert. Bei Pückler wird es immer heißen „Liebster Scheffer“, und der wird ihm schreiben: „Hochgeborener Graf, Gnädigster Herr Graf“. Im Anschluß an diesen Ausflug, während dessen sie ernsthaft erwägen, Muskau mit allem Drum und Dran zu verkaufen und gemeinsam eine Reise nach Amerika zu unternehmen, geht Hermann von Pückler auf die Wanderschaft, seine „Jugend-Wanderungen“.

Schefer muß, und will wohl auch, seine Weltfahrt noch einige Male verschieben. Caroline Rochau vom benachbarten Reichwalder Gut bezaubert ihn; sie ist es wohl, auf die er dichtet:

„Ihr Blumen, bleibt nur drinnen.
Sie ist nicht mehr hier draußen.
Sie ist nicht mehr hier draußen –
Ihr Blumen, bleibt nur drinnen!“

1808, es sind durchziehende Truppen, die das Ereignis auslösen, hat Schefer den Tod der geliebten Mutter zu beklagen. Aber er beginnt auch eine erste Liebelei mit einem Mädchen, das er „Thee“ nennt – sie heißt Dorothee. Mehr weiß man nicht von ihr. Schefer hat alle Spuren (..........) getilgt.

Im Jahr darauf wird es mit der Liebe Ernst. Im Dezember kommt Agnes von Pückler, Hermanns Schwester, Jahrgang 1794 und schon 1837 in Allex/Südfrankreich gestorben, nach Muskau. Von der Mutter erzogen, zuletzt in einem Altenburger Internat, hatte sie ihre Geburtsstadt bisher nur gelegentlich besucht. Bei einer ersten Begegnung 1806 hatte Schefer bereits für das Mädchen geschwärmt. Nun, 1809, verfaßt er sein erstes Gedicht für sie. Sie wird Schefers erste große, erfüllte Liebe; Entstehung und Veröffentlichung seiner ersten Gedichtsammlung (1811) sind mit ihrem Namen verbunden. Sie ist ein schüchternes, etwas verwachsenes Mädchen, doch die Liebe macht auch den schmachtenden Dichter mildtätig blind, und so dichtet er in sein Tagebuch:

„Sie ist zu schön, und soll ein Engel werden,
und heimlich keimen ihr die goldenen Schwingen“,

und ihren Buckel nennt er das Futteral für ihre Engelsflügel (allerdings relativiert er die Schwärmerei später durch eine nicht eben zarte Anmerkung mit Bleistift).

1811 stirbt Vater Pückler und Hermann von Pückler wird Standesherr von Muskau. Schefer zieht zu ihm in das Schloß und dichtet:

„Was die Sterblichen alle sich wünschen, die meisten vergeblich,
Alles versammelt, ihr Glück, alle die Lieben vereint –
Gaben sie mir! in derselbigen Wohnung Freund und Geliebte.“

Das Glück währt nur kurz, denn Agnes wird im Dezember 1812 von ihrem Bruder standesgemäß, aber unglücklich an einen Pückler der Schweidtnitzer Linie verheiratet. Schefer erspart man die Teilnahme an dem Ereignis und schickt ihn mit einem belanglosen Auftrag nach Wien.

Sofort mit seiner Übernahme der Herrschaft versucht der allen angenehmen Seiten des Lebens zugetane, zu ernsthaftem Arbeiten jedoch denkbar ungeeignete Hermann den Jugendfreund für das Grobe einzuspannen. Bereits vor 1811 hatte die „Noblesse“ „die bürgerliche Canaille“ Schefer in ihre Dienste nehmen wollen, was der in seinem Tagebuch jedoch empört ablehnte. Inzwischen aber steckt er mit seiner Grillenfängerei in einer so finsteren Sackgasse, daß eine handfeste Tätigkeit, verbunden mit Verantwortung für Andere, zur Erlösung für ihn wird. Er willigt ein. Im Dezember 1812 wird er offiziell zum Generalbevollmächtigten Pücklers ernannt, allerdings ohne Patent und festes Gehalt und ohne Handschlag. Er will frei bleiben, betrachtet das Amt als Freundschaftsdienst. Pückler geht in den Krieg gegen Napoleon. In einer Zeit mit endlosen Truppendurchmärschen und Einquartierungen, Flecktyphus, Hunger und Elend, die er „dreißigmal schlimmer als der 30jährige Krieg“ nennt, hält sich Schefer gegen alle Widerstände mit Bravour. Die Sorben in den Dörfern rundum nennen ihn „Junger Vater“. Darauf ist er besonders stolz. Er ordnet die Verwaltung der Herrschaft, und er schafft es sogar, die Pücklerschen Schulden etwas zu verringern.

Schefer holt seinen geselligen Freund Heinrich Seidel, der gleichfalls schon ein Bändchen Gedichte (1808) vorweisen kann, von Lauban her an das Hofgericht. Regelmäßig kommt aus Sagan der Schriftsteller Carl Weisflog zu Besuch, viele Gäste aus der nahen und weiten Umgebung stellen sich ein, und Schefer kann trotz allen Ungemachs notieren:

„Wir hatten alle Beutel voll
Und lebten flott vom Baaren.
So ging’s begeistert, lieblich, toll,
Doch schwer, bei schönen Jahren.“

Der Graf von Pückler gibt 1813, wie schon die Gedichte von 1811, Leopold Schefer’s Gesänge zu dem Pianoforte heraus. Mit dem Tod der Großmutter sieht Schefer sich plötzlich auf sich selbst gestellt. Er erbt ihr Häuschen, „die Laube“, und richtet sich darin ein.

1814 reist er für sechs Wochen nach England zu Pückler. Gemeinsam besichtigen sie 36 der englischen Landschaftsparks und schmieden Pläne. Pückler trifft erst Anfang 1815 wieder in Muskau ein, und bereits im Mai erläßt er seinen „Aufruf an die Muskauer Bürger“, in dem er ihnen seine Absicht ankündigt, einen Park anzulegen, samt den Bedingungen, die er sich dazu wünscht. Im gleichen Jahr wird Muskau preußisch; die Abschaffung der Leibeigenschaft wird deklariert. Die neuen Gesetze ermöglichen Schefer die Schaffung einer „Beamtenkonferenz“, die ihn entlastet. Im Frühjahr 1816 übergibt er ihr seine Geschäfte, quittiert seinen Dienst, verkauft „die Laube“ und alles Entbehrliche, um seine lang geplante, oft hinausgeschobene große Reise anzutreten.

Er unternimmt sie, anders als üblich und ähnlich Gottfried Seume, nicht als sight-seeing tourist, sondern mit dem Ziel, sich Kenntnisse über die Länder und vor allem deren Menschen zu erwerben. Zunächst reist er nach Wien und hält sich dort längere Zeit auf. Hier erkrankt er schwer, das einzige Mal in seinem Leben, wohl, weil ihn das Aufgeben des Gewohnten mehr belastet, als für ihn gut ist; und auch die Trennung von der geliebten Agnes setzt ihm noch immer zu. Genesen stürzt er sich aufs neue in Studien. Die kaiserliche Hofbibliothek bietet ihm dafür beste Bedingungen. Er befaßt sich mit Fremdsprachen und Medizin, studiert Komposition bei Salieri und Heidenreich. Einfallsreich nutzt er Währungsgefälle, um seine Reisekasse aufzubessern und verläßt Wien nach einem Jahr und einigen literarischen Mißerfolgen vermögender, als er ankam.

Die wichtigsten Stationen seiner „Lebensuniversität“, wie er die Weltreise nennt, sind Triest, Venedig, Rom, Neapel, Sizilien, Griechenland, Konstantinopel – den Plan, auch Ägypten und Jerusalem zu besuchen und über Rußland heimzukehren, muß er aufgeben. Sein Geld geht zur Neige. Schefer besteht etliche, auch gefährliche Abenteuer; er liebt das „schönste Mädchen von Chios“ und verläßt es vielleicht sogar mit einem Kind, was ihn, den stets Moralischen, eine zeitlang zutiefst verunsichert. Als er aufbricht, spricht er bereits griechisch, lateinisch, italienisch, französisch und englisch, unterwegs kommen Neugriechisch, Türkisch, Koptisch, Arabisch und Ägyptisch hinzu. Es gibt von der Reise leider keine Tagebücher mehr, nur verstreute Aufzeichnungen, die man mühsam zu einem gewissen Bild zusammen setzen kann. Doch die Spuren, die die Reise in Schefers Werk hinterläßt, haben später seinen Kritiker Wilhelm Wolfsohn zu der Bemerkung veranlaßt:

„Ich kann den närrischen Gedanken nicht unterdrücken, daß der deutschen Literatur besser gedient wäre, wenn Fürst Pückler hübsch häuslich in Muskau geblieben wäre und Leopold Schefer statt seiner die Sieben-Meilen-Stiefel angezogen hätte.“ – nachzulesen in der Rezension des Weltpriesters von 1847.

[Einem 2011 auf einer Autographenauktion wieder aufgetauchten Brief Leopold Schefers an Karl Gottfried Theodor Winkler (Theodor Hell) in Dresden aus dem Jahre 1833 ist ein Albumblatt mit acht Versen aus dem Bhagavad Gita beigegeben, auf dem vermerkt ist: „a.(us) d.(em) Sanscr.(it) uebersetzt von/ Leopold Schefer“. Zusammen mit dem Sorbischen, das in der Biographie leider keinen Platz mehr fand, war Schefer also in zwölf Sprachen mehr oder weniger zu Hause, konnte auf Dolmetscher und Übersetzungsbüro gut und gern verzichten.]

Im Dezember 1819 ist er zurück von der Reise und verläßt Muskau von nun an kaum noch. Aus dem zerquälten Jüngling ist ein gereifter Mann geworden, den man bald den „Weisen von Muskau“ nennen wird. Inzwischen ist er aber auch schon 35 Jahre alt. Zu Hause hat sich Vieles geändert. „Zu Hause“ heißt zunächst das renovierte Schloß. Pückler hatte 1817 Lucie von Hardenberg, geschiedene Pappenheim geheiratet, die Arbeiten am Park sind in vollem Gange. Die Schloßwälle sind abgerissen, ebenso die Schloßstraße, Schefer erkennt „sein Muskau“ nicht wieder.

„Und leider erlaubte die dem Fürsten übrigens so kostspielige nachhaltig=nachtheilige Separation, die auf einmal durchgeführt ihn und seine Leute dem Ruin nahegebracht haben würde, sie erlaubte ihm noch mehre tausend Morgen Landes von drei ja vier um Muskau liegenden Dörfern, die ihm für große Einbußen als freies Eigenthum zugefallen, dem Parke anzuschließen. Die Dörfer sind Berg, Krauschwitz, Keula, Braunsdorf und Gobelin, das nach dem gänzlichen Abbrande desselben, von mir für alle Bedürfnisse junger mittler und alter Bauern ganz neu aufgebaut, nunmehr als sogenanntes ‚verlornes Dorf’ auf die linke Seite der Neiße weggebaut ward bis auf einen Besitzer, der sein Eigenthum auch bis heut noch so liebt, wie der Fürst das seine.“

So wertet Schefer das Vorgefundene in dem 1849 in der Illustrierten Zeitung veröffentlichten Artikel „Der Park von Muskau“. Schefer widmet sich fortan seinen eigenen Angelegenheiten, die Verbindung zum Schloß besteht weiter. Insbesondere zur Gräfin Lucie von Pückler entwickelt sich ein vertrautes Verhältnis. Hermann von Pückler gewährt ihm eine kleine Ehrenpension, die hilft, die einkommensschwachen ersten Jahre zu überbrücken. Seine erste Veröffentlichung unter eigenem Namen „Bilder aus Hellas“ findet noch wenig Beachtung.

Die Hochzeit mit der 14 Jahre jüngeren Friederike Lupke 1821, einem einfachen Mädchen, der Tochter eines Schuhmachers, ist eine wenig romantische, für ihn eher pragmatische Angelegenheit: „Das beste Weib ist und bleibt, die unsere Sprache spricht, und unsere Götter glaubt.“ Sie findet, Schefer symbolhaft bezeichnend, am 7. November, dem Todestag seiner Mutter statt. Aus der Ehe gehen vier Töchter und ein Sohn hervor.

(Ein Mädchen, so erzählt es Arno Schmidt, sei vor der Zeit gestorben, und zitiert ein Gedicht, in dem von dem wütenden Grimm, mit dem Schefer einst Alexander Röhdes Tod beklagte - nach ihm nennt er seinen Sohn ebenfalls Alexander - nichts mehr zu spüren ist:

„Roher Tod! was nimmst Du das liebliche Kind mir? Ich hatte
Einen Engel an ihm – Du nur ein Särgchen mit Staub!“

Doch so anrührend, wie diese Episode mit ihrem Gedicht auch ist – sie ist leider, wie so manches in den zahlreichen Schefer-Biographien, nicht wahr...).

1822 werden die Pücklers gefürstet und feiern viel; der Dichter dichtet in häuslicher Stille.

Im Jahre 1823 gelingt Schefer mit der Novelle „Palmerio“ der literarische Durchbruch. In ihr beschreibt er eine Episode aus dem Befreiungskampf der Griechen gegen die Türken. Er trifft das Milieu, weil er es kennt, genau beobachtet hat, seinen Stoff in den historische Kontext einordnen kann, und wird damit erfolgreich. Auch seine folgenden Novellen erreichen eine hohe Authentizität dadurch, daß Schefer Reiseerfahrungen und Lektüre nutzen kann und sich in seine Themen gründlich hineinarbeitet. Seine reiche Phantasie besorgt das übrige. Seine heute dem Namen nach bekannteste Novelle „Der Waldbrand“ beispielsweise geht auf eine lapidare Zeitungsnotiz zurück, die Schefer sich notiert:

„In verschiedenen Theilen v. Nordamerika. Ungeheure Verheerungen. (Zeitung v. Boston) Die durch die Flammen verwüstete Landfläche, von den Wasserfällen in Unter-Canada bis nach Glengorry in Oberkanada beträgt 2600 (?) also 650 deutsche Quadratmeilen. Auch über 50 Meilen (12 Deutsche) am Lorenzostrom hinauf erstreckt sich die Feuerbrunst. Die Hausthiere sterben Heerdenweise und die Einwohner werden durch den überall verbreiteten Rauch u. Qualm dergestalt belästigt, daß fast alle Geschäfte in Stokken gerathen sind. Auch Neuirland, Neu-Jerusalem u. Neu-Braunschweig wurde d. d. Feuerbrunst heimgesucht; in den Städten Newcastle u. Douglas stehen kaum noch 20 Häuser. Die Zahl der Umgekommenen ist nicht zu bestimmen. Ueber 1500 Indiv. irren ohne Zufluchtsort, Kleidung u. Nahrung auf der ungeheuren Brandstätte umher. Schlangen um die Bäume gewunden, Köpfe herabhangen... Früh in der 8ten Stunde... Anaconda frißt Hühner ...“ Daraus macht Schefer 80 Buchseiten.

Sein Publikum, meist Damen des sich entwickelnden Bildungsbürgertums, verehrt ihn. In dem Lebensbild Therese Huber 1764-1829 zitiert der Herausgeber Ludwig Geiger (1901) beispielsweise aus deren gesammelten Briefen:

An Mariette. Augsburg, 3. Mai 1825. „Laß Dir doch unter dem Heer elender Taschenbuchserzählungen aus dem gesellschaftlichen Vergnügen ‚Die Osternacht’ von Leopold Schefer vorlesen. Du wirst sehen, warum bei diesem Anlaß. Ob nicht so eine Novelle, von der Kanzel gelesen, mehr Herzen trösten und stärken würde als die beste Predigt? Aber das ist kein ästhetisches Urteil, sondern die Frucht der Erinnerung , wie jemand, Du und ich z.B., geweint und gleichglaubenden Trost gefunden haben.“

Und: An Böttiger. 17. Dezember 1827. „Wissen Sie denn, wer ein gewisser Schefer ist, der manch Seichtes und wieder einmal etwas sehr Schönes schreibt? Albrecht Dürers Ehestandsgeschichte in den ‚Rosen’ – ein Taschenbuch – darin stehen Betrachtungen, die mir in diesen Tagen das Herz hoben – und das war viel.“

1830 beginnen Schefers, die bis dahin in dem Haus neben der Apotheke zur Miete wohnen, mit dem Hausbau auf dem längst erworbenen Grundstück auf dem Hügel vor dem Köbelner Tor. Am 1. September 1831 wird es bezogen. Es gehört seitdem seiner originellen Bauweise und natürlich des Dichters selbst wegen zu den Sehenswürdigkeiten Muskaus. Die Entwürfe dazu sind von Schefer, wie die zahlreichen Skizzen belegen, die seine Tagebücher enthalten.

Bettina von Arnim besucht Pückler in Muskau; sie allerdings kann Schefer nicht leiden. Wohl absichtlich ist er, die beiden pfiffigen Freunde werden sich dazu verabredet haben, bei jeder ihrer Begegnungen mit Pückler zugegen und dämpft so wirksam ihren romantischen Gefühlsüberschwang. Schefer wird von Pückler noch immer für diverse, mitunter sogar pikante Dienste eingespannt.

1834/35 erscheint bei Veit & Comp. in Berlin Schefers populärstes Werk, das Laienbrevier, eine Sammlung von 366 Lehrgedichten, also einem für jeden Tag des Jahres (den 29. Februar eingeschlossen) in dem Schefer seine pantheistisch-stoizistische Weltsicht bis in die feinsten Verästelungen des Lebens hinein ausbreitet. Im Deutschen Bibliophilen-Kalender für das Jahr 1916 findet sich dazu die interessante Aufzeichnung Max Morolds:

„Aus meiner Knabenzeit erinnere ich mich, daß meine Mutter, wenn sie mit mir zur Kirche ging, statt eines Gebetbuches das in Goldschnitt gebundene ‚Laienbrevier’ von Schefer mitnahm, aus dem sie die reinste Andacht schöpfte. So war es bei vielen, wie Heinrich Laube bezeugt, der dem Dichter persönlich nahe kam und von ihm in seinen Lebenserinnerungen berichtet; bei ‚all den besseren Menschen, welche ihr Verhältnis zu Gott nicht befriedigt fanden in enger Dogmatik, welche eine freie Erbauung suchten für ihren Geist’“

Heinrich Laube verbringt auf Betreiben Schefers von 1837 bis Anfang 1839 eine Festungshaft in dem „von alters her als Veste“ geltenden Muskau. Er befreundet sich mit Schefer und schreibt auf dessen Anregung hin seine Geschichte der deutschen Literatur in vier Bänden (1839/40), die er der Fürstin Lucie widmet. Schefer ist Ratgeber für Lucie, bearbeitet mit ihr zusammen die Briefe eines Verstorbenen (1830/31); Pückler reist weiter umher und läßt andere für sich arbeiten. Sein Weltgang dauert von 1835 bis 1840. Das Redigieren für den Freund bringt Schefer allerdings in eine Zwickmühle. Der ständig um Sensation bemühte Pückler äußert in seinen Vorlagen mitunter Dinge, deren Veröffentlichung für die Betroffenen so peinlich bis blamabel wären, daß Lucie Schefer bittet, diese Stellen zu streichen, was Pückler jedoch ganz und gar nicht will. Schefer entscheidet sich für Lucie. Pückler beschwert sich bei ihr,1839, auf dem Postwege:

„Während ich vom Sturme gepeitscht, kaum dem Schiffbruche entging, geriet mein armes Buch unter die Piraten. Aber fast noch ärgerlicher über das Geraubte, bin ich über die Veränderungen und Zusätze, die Schefer gemacht hat. Nun Seekönigin Gilblase, Gott erhalte Dich nebst Schäfer und Schaf. Man kann lange suchen, ehe man eine Providenz und Dreieinigkeit finden wird, geschickter, einen armen Schriftsteller hinzurichten, als diese ehrenwerte Firma! Mit mir ist es aus und ich muckse nicht mehr; nur einmal erhebe ich noch meine verstümmelten Hände zu Dir empor und flehe ein letztes Mal ....“

Der Ton wird bald schärfer, und Pückler geht mit seinen Schriften zu Varnhagen von Ense, der entweder milder mit ihm verfährt, oder als Gleichgestellter einfach ein mehr autoritär geprägtes Verhältnis zu ihm hat. Jedenfalls kommen sie besser miteinander aus.

1845, mitten in der Arbeit zur Herausgabe seiner Ausgewählten Werke, wird Schefer vom Tod seiner Frau überrascht. Die Zueignung der zwölf Bände, die er ihr ohnehin widmen wollte, beginnt mit “Meiner Friederike”, „Liebes Weib! Erröthe nicht ....“, doch nach einer Seite bricht sie ab, um den Worten Platz zu machen

„Da stirbst Du mir! Mir und den Kindern!
Mein Leben hat Dein Tod beschlossen! ganz!“

Sie enthält so ergreifende Sätze wie diese „Woher quoll der Frieden und die Zufriedenheit in unserem Laienbrevier – als aus dem Genuß meines Menschenglückes zumeist nur durch Dich.“ und „Alle Wunder wurden mir wahr, alle Geheimnisse klar. Denn Niemand durchschaut sie, wenn nicht der Liebende.“

Das Jahr wird für ihn noch schwärzer, denn die Standesherrschaft Muskau wird verkauft, Pücklers verlassen Muskau. Die Verbindung mit Lucie erhält sich, Schefer besucht sie einmal sogar in Branitz; die Männer wechseln nur noch wenige Briefe, entfremden sich allmählich, der Tod Schefers wird in Pücklers Tagebuch nicht mehr erwähnt werden. Seine Ausgewählten Werke gehen schwer, die politischen Ereignisse werfen ihre Schatten auch auf Schefers empfindsame, unpolitische Dichtung.

Die Zeiten und Zustände ändern sich. Friedrich Wilhelm III. stirbt 1840, es regiert Friedrich Wilhelm IV. 1844 brechen in Peterswaldau und Langenbielau die Weberaufstände aus, soziale Unruhen mehren sich. Bettina von Arnim wird sozialkritisch und beginnt nach Dies Buch gehört dem König (1843) mit der Arbeit am Armenbuch (p.1969). Das Kommunistische Manifest erscheint 1848, zu gleicher Zeit schreiben so unterschiedliche Autoren wie Marx, Gutzkow, Heine, Pückler, Potocki, de la Motte-Fouque und die Marlitt. Die bürgerliche Revolution der Deutschen verunglückt 1848. 1850 holt Carl Schurz seinen Lehrer Gottfried Kinkel aus der Festung Spandau und geht nach Amerika, um dort im Bürgerkrieg als General und danach als erster deutscher Senator im Kongreß Karriere zu machen. Kinkel emigriert nach England, Wagner geht in die Schweiz, Heine leidet in Paris, und noch viele andere hervorragende Köpfe kehren dem Land den Rücken. Der ehemalige Jungdeutsche Laube ist nun Direktor am Burgtheater in Wien und kommt hin und wieder zur Jagd in die Muskauer Heide. Ferdinand Lassalle wird 1863 Präsident des ADAV. Friedrich Wilhelm IV. regiert bis 1861, Preußen steuert auf den Krieg 1866 zu, und der erste Wilhelm wird 1871 von Bismarck zum Kaiser gemacht. Industrialisierung und Gründerzeit führen in erste Krisen.

Schefers Leben verläuft ereignisarm. Enttäuscht von der politischen Entwicklung zieht sich der ohnehin nur mäßig daran Interessierte zurück und schreibt wie gewohnt seine Gedichte und Novellen, komponiert und widmet sich mit seinen Kindern der Hausmusik. Die Post ist seine Verbindung zur Welt, sie erhält ihn am Leben.

Ungefähr Anfang der 50er Jahre lernt Schefer den 28jährigen Max Waldau kennen. Der aus Breslau stammende Waldau heißt eigentlich Georg Spiller von Hauenschild, hat der Mode folgend einen bürgerlichen Namen angenommen und schreibt zunächst im Stil der Romantik Elfenmärchen (1847), Blätter im Winde (1847) und Canzonen (1848). Mit Für Gottfried Kinkel (1850) wendet er sich der politischen Lyrik zu. Der stilsichere Waldau wird zum Vertrauten Schefers, dessen Stern zu sinken beginnt, einesteils der politischen Umstände wegen, anderenteils, weil sich Schefers stilistische Mängel zunehmend bemerkbar machen. Er, der sich stets bewußt der Form verweigert, läßt sich auf Waldaus Drängen hin auf Kompromisse ein. Die von Waldau überarbeiteten Gedichtbände Hafis in Hellas (1853) und Koran der Liebe (1855), eher untypische Alterswerke, sind noch einmal erfolgreich. 1855 stirbt Max Waldau, er ist gerade 33 Jahre alt. Es wird ruhig um Schefer. Umsorgt von den daheim gebliebenen Töchtern Marie, Hilda und Thekla verbringt er seine Tage in völliger Gemütsruhe. Der Literaturbetrieb im zunehmend nationalistisch-chauvinistisch und katholischer werdenden Deutschland kümmert sich nicht mehr um ihn, es geht ihm und der Familie nicht mehr gut. Die Schillerstiftung, die er einst mit literarischen Beiträgen unterstützte, unterstützt jetzt ihn.

Nach zwei Schlaganfällen stirbt er am 13. Februar 1862. Beisetzen läßt er sich auf dem Friedhof gegenüber seinem Wohnhaus, auch darin wieder typisch: denn erst sieht er aus seinem Haus auf den Friedhof, nun sieht er sich von da aus sein Haus an. Ihm selbst ist es gelungen, seinen Lebenskreis so zu vollenden, wie er ihn in seinen Werken als beispielhaft formuliert hat. Mit ihm jedoch endet diese Kontinuität in der Abfolge der Generationen, denn heute leben keine Nachkommen des Dichters mehr. Drei seiner Töchter blieben unverheiratet und kinderlos. Die letzte Enkelin Maria Louise Adolfine von Poncet, Tochter von Salianne Schefer, ist im Herbst 1945 auf der Flucht verhungert.

Das Laienbrevier wird 1898 ein letztes Mal aufgelegt, doch der Dichter wird keineswegs allmählich vergessen. Etwa alle zehn Jahre erscheint in irgend einer Zeitung oder Zeitschrift ein Artikel und erinnert an ihn, enthalten Anthologien Gedichte Schefers, oder beschäftigt sich eine Dissertation mit ihm. Und er hat, was nur wenigen Dichtern gelingt, einen Klassiker hinterlassen. Es ist „Geh fleißig um mit deinen Kindern“, das Gedicht zum 7. Februar aus dem Laienbrevier, das es über drei der 50 untersuchten Anthologien in Anneliese Dühmerts Bestseller Von wem ist das Gedicht? geschafft hat. Darüber hinaus ist es jedoch unzählige Male in weiteren Anthologien vertreten. Das ist keine geringe Leistung, wenn man bedenkt, daß es nach 1848 einen förmlichen Lyrikboom gab. Jedermann schrieb Gedichte und ließ sie sich „vergolden“; es war die große Zeit der Anthologien und Literaturgeschichten, der die Deutschen noch immer den Ruf verdanken, ein Volk der Dichter und Denker zu sein. Mit dem Stichtag 30.4.2002 wies das Projekt LyRA der Fachhochschule Köln für die Zeit von 1840-1870 1430 Anthologien aus 628 Verlagen nach; die Untersuchung Dühmerts fängt mit 1870 an. Um 1850 gab es in Deutschland ca. 20.000 Literaten, davon findet man noch etwa 15 % in den Literaturgeschichten und kennt noch um die 100.

Ebenfalls in die Gegenwart herübergerettet hat sich eine Schefersche Novelle. „Künstlerehe“ erscheint als „The Artist’s Married Life. Being That Of Albert Durer“ noch immer – in Amerika. Dort können sich Interessierte auch das Laienbrevier und Weltpriester, ein dem Laienbrevier ähnliches Werk und Schefers Lieblingsbuch, in der englischen Übersetzung als e-book herunterladen. Im Internet finden sich darüber hinaus zahlreiche Schefer-Zitate in deutscher, englischer, spanischer und polnischer Sprache.

Schefers Lebenswerk ist enorm. Er veröffentlichte rund zweieinhalbtausend Gedichte vom Zweizeiler bis zur Ballade, 61 Novellen und einen Roman, wobei es jedoch allein die 9 Novellen der 1985 erschienen Auswahl Der Waldbrand zusammen auf ca. 1200 Seiten bringen, während die Novellen der beiden Klassiker Boccaccio und Maupassant z. B. im Schnitt nur zehn Seiten lang sind. Mindestens 60 Almanache, Taschenbücher, Zeitschriften und ähnliche enthalten verschiedenste Beiträge von Leopold Schefer. Hinzu kommt ein umfangreiches kompositorisches Werk, das von Volkslied bis Oper und von Glasharmonika bis Sinfonie reichend erst in jüngster Zeit seine Anerkennung erfährt. In der Hauptsache betrifft das etwa 180 Lieder, von denen manche den Schubertschen ebenbürtig zur Seite gestellt werden können. Gelegenheitsarbeiten, Rezensionen, die schon erwähnten Tagebücher, 81 an der Zahl, von denen sich 61 erhalten haben, runden das Gesamtwerk ab. Auch als Herausgeber war Schefer tätig. Im Nachlaß befinden sich noch an die 2000 unveröffentlichte Gedichte, weitere Novellen und Novellenfragmente sowie zahllose Entwürfe - insgesamt befinden sich in der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften rund vier laufende Meter Nachlaß.

Die Urteile über Schefer sind sehr unterschiedlich; sie reichen von enthusiastischer Zustimmung bis zu gänzlicher Ablehnung. Zumeist kritisiert man seinen Mangel an Stil, seine Formlosigkeit, und eine oft ermüdende Weitschweifigkeit. Theodor Mundt etwa , ein Kenner der zeitgenössischen Literatur, urteilte 1843 in Die Kunst der deutschen Prosa:

„In Jean Paul’s Geist und Gedankentracht, obwohl aus eigner Seelenquelle schöpfend, bewegt sich sein Wahlverwandter Leopold Schefer, der sonst, was seine durcheinandertaumelnde Schreibart betrifft, zu denjenigen Schriftstellern gehört, die den Stil bloß für ein nothwendiges Uebel anzusehen scheinen, der da sein muß, um die Gedanken schreiben zu können. Gedanke und Form leben bei ihm in einer wilden Ehe, der natürliche Bund zwischen Inhalt und Darstellung ist nicht geschlossen.“

Von Pückler wurde Schefer stets neidlos als der bessere Schriftsteller anerkannt. Aus Damaskus schrieb er ihm1838:

„Liebster Scheffer!
(...) Ich muß noch ein Blatt über Ihr Laienbrevier hinzufügen.
Es ist Ihr bestes, ein vortreffliches Werk! Ganz entfernt von jener Dunkelheit, ja bei allem Menschthum der Gedanken zuweilen Schwülstigkeit und Manier die nach meinem Urteil die Fehler mehrerer Ihrer Erzählungen sind. Hier finde ich nun klare, milde Perlen an Edelsteine gereyht; die aus Natur und Leben tief und vorurtheilsfrey geschöpfte Weisheit, im lieblichsten Gewande wie zum heiligen Christ bescheert.
Ich wünsche Ihnen Glück zu diesem Werke und zu dem nie versigenden Segen, den Tausende daraus schöpfen werden. Dieß Buch wird ein Volksbuch werden, nicht für den Plebs aller Klassen, aber für alle Edlere darunter, und sein Einfluß auf wahre Menschenbildung muß groß und dauernd seyn. (...)
Daß ich dieß tief empfinde und mit Ihnen aus Herz und Seele übereinstimmen kann, rechne ich mir zur Ehre.
Im Einzelnen möchte ich jedoch Manches bestreiten, z.B. Januar XXIV – obgleich auch diese Lehre der Menschheit Vortheil bringen mag; denn sie ist wahr für alle die, welche nur des größeren Genusses wegen reich seyn wollen, nicht aber für die, deren Individualität so gestaltet ist, dass sie ihren Schöpfungsdrang nur durch große Mittel befriedigen können. Für solche ist Reichthum ein Bedürfnis, und sein Mangel ein gerechter, menschlicher Kummer. Sie sehen wohl, dass ich hier von mir selbst spreche.
Doch genug davon. – Das Schöne hebe ich nicht heraus, denn ich müsste sonst von neuem drei Viertheile des Buches abschreiben.
Glück auf, mein guter Schefer, und lassen Sie Ihren hellen Stern so fortleuchten über gute und Böse, ich möchte gern hinzusetzen über Kluge und Dumme, wenn es für die letzteren möglich wäre! Denn dass die Dummheit die eigentliche Sünde gegen den heiligen Geist ist, habe ich jetzt ausgefunden.“

Was Pückler mit dem 24. Januar meinte, ist folgendes:

„Was wir gebrauchen, haben, macht uns reich –
Wir haben das nicht, was wir nicht gebrauchen.
So wären denn die meisten Menschen reich,
Wenn sie nicht wünschten, was sie nicht gebrauchen,
Und was der nicht besitzet, der es hat.“

Daß die Werke Pücklers wieder erhältlich sind, während von Schefer nach wie vor keine Neuauflagen im Handel sind, sollte uns eigentlich zu denken geben. Denn wer noch nicht aufgehört hat sich zu fragen, wie das Zusammenleben der Menschen besser organisiert werden könnte und wie der Mensch dazu beschaffen sein müßte, wird nicht nur das Laienbrevier auch heute wieder mit Gewinn und Genuß lesen können.

Es sind indes die Kompositionen Schefers, die gegenwärtig Interesse erregen. Zu Lebzeiten des Dichters wurden sie kaum beachtet. Es ist der akribischen Kleinarbeit des Musikwissenschaftlers Ernst-Jürgen Dreyer in Bibliotheken und Archiven zu danken, daß diese Perlen der Romantik - eine grundlegende Publikation zu Schefers musikalischem Schaffen ist in Vorbereitung - entdeckt werden. Insbesondere die Lieder sind von einer Qualität, wie sie die Dichtungen selten erreichen. Noch ziert sich die offizielle Musikwissenschaft, den Außenseiter Schefer nachträglich in ihre Hierarchie einzugliedern, weil „nicht sein kann, was nicht sein darf“. Die Praktiker sind bereits einen Schritt weiter. Etliche Musiker zwischen Riga, Bautzen und Wien haben ihn für sich entdeckt und bereichern ihr Repertoire mit seinen Kompositionen.

Dieses schmale Heftchen, dem hoffentlich bald weitere, dickere folgen werden, möchte dazu beitragen, den Dichter und Komponisten Leopold Schefer einem breiteren Leserkreis zu erschließen, sein durch Ignoranz und Fehlurteile entstelltes Bild zu entzerren und ihn der „wahren Menschenbildung“ zu erhalten. Schefers Musik wird noch oft zu hören sein.


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