Johann Gottfried Petrick (1781-1826)
Graf Pücklers skandalös-genialer Halbbruder
Von Bernd-Ingo Friedrich
„Es sind nicht alle gute Soldaten, die lange Spieße tragen“ ist der Schlußsatz eines Verdikts, das sich – unterzeichnet „ε+“ – 1823 im Neuen Lausitzischen Magazin unter der Rubrik „Literarische Anzeigen“ einer Predigt zur Jubelfeier des Reformationsfestes annahm,1 die der damals noch Schönbergsche Diakon Johann Gottfried Petrick 1817 gehalten hatte.2 Diese und andere, ähnlich ketzerische Reden brachten dem Prediger eine Maßregelung durch das Breslauer Konsistorium ein, was angesichts der folgenden Zeilen, die allerdings den nachgelassenen Schriften Petricks entnommen sind,3 nachvollziehbar wird:
„Ueber Religionsunterricht. / Einem ehrlichen Manne eckelt es an, das zu denken, was man bisher Religionsunterricht nannte und größtentheils noch so nennt. Hat man die alten Klassiker bisher grausam in den gelehrten Schulen zerfleischt, und, indem man ihre Worte festhielt und beklaubte, ihren Geist mit Füßen trat und ihr Studium dem Genie gräßlich vereckelte; so hat man es mit der Religion, mit dem Christenthum wo möglich noch schlimmer gemacht und das heiligste der Menschenbildung so gehandhabt, daß man unsere Schulen, wie unsere Kirchen nicht religiöse Bildungs-, sondern Verwilderungsanstalten nennen muß.“4 Eine solche Analyse wäre auch heute noch ein ziemlich starker Toback; wir kommen weiter unten noch einmal darauf zurück.
Die angesprochene Predigt aus heutiger Sicht zu beurteilen, ist für den Nicht-Theologen mit einigen Schwierigkeiten verbunden; deshalb soll hier darauf verzichtet werden. Ihr Ton ist ungewöhnlich scharf und ihr Credo für den damaligen „normalen“ Kirchenbesucher sicher umstürzlerisch. Petrick muß mit ihr ins Tiefschwarze getroffen haben, wie das folgende Zitat – getroffene Hunde bellen, weiß der Volksmund – erkennen läßt:
„Sicher hätte ‚der Mund eines der gefeiertsten Geistlichen in einer Residenzstadt’ – dessen Rücken Hr. P. zu entblößen und mit Ruthen zu streichen, sich erfrecht [...] den Verf. vor seinem convulsivischen Haranguiren, vor seinem rhetorikalischen Hyperbolisiren und vor seinem hypersthenischen Bramarbasiren verwahrt, wenn er aus den classischen Kanzelreden desselben hätte lernen wollen, wie man, von ekelhafter Ziererei und niedriger Plattheit gleich weit entfernt, an einem so hochwichtigen Feste, wie das Reformations-Jubiläum war, an heiliger Stätte zu sprechen habe.“5
(Heinrich Heine kommentierte solche Ausfälle im zweiten Teil seiner Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland: „Die feigsten Mönchstücken, die kleinlichsten Klosterränke sind noch immer noble Gutmütigkeiten in Vergleichung mit den christlichen Heldentaten, die unsere protestantischen Orthodoxen und Pietisten gegen die verhaßten Rationalisten ausübten.“6 )
Nicht viel besser erging es den Nachgelassenen Schriften Petricks, die Leopold Schefer 1834 bei Hallberger in Stuttgart veröffentlichte, dem Jahr, in dem auch Pücklers Andeutungen über Landschaftsgärtnerei und Tutti Frutti dort erschienen und Veit in Berlin den ersten Teil des Laienbreviers von Schefer auslieferte.
Einer Sammlung von Zeitungsausschnitten „Zur Chronik von Muskau. Alte Muskauer Nachrichten. 1836.“ ist die folgende Notiz entnommen: „Muskau. Eine Schrift des hiesigen Hofpredigers Petrick: ‚Der Geist unserer Zeit und das Christentum’ (Stuttgart 1834) erregte viel Aufsehen. Der berühmte Theologe D. Paulus ließ sich darüber folgendermaßen aus: ‚Der Verfasser mag sehr würdig gewesen sein, mit dem Verfasser der ‚Briefe eines Verstorbenen’ in Verbindung gestanden zu haben. Seine Schrift beweist vielen Scharfsinn, Freimütigkeit und Wahrheitsliebe, auch zum Teil poetische Beredsamkeit’ u.s.w. – Von orthodox-kirchlicher Seite wurde aber die Schrift nicht so freundlich beurteilt. Die ‚Evangelische Kirchenzeitung’ enthielt unter der Aufschrift: ‚Bericht über ein pantheistisches Trifolium’ drei Artikel, deren erster sich gegen die genannte Schrift, deren zweiter sich gegen Schefer’s ‚Laienbrevier’ und deren dritter sich gegen Pückler’s ‚Vorletzten Weltgang’ richtete. ‚Zu unserem nicht geringen Schrecken’ – so heißt es in dieser Stelle in ironischem Tone im ‚Magazin’ – ‚erfahren wir, daß ganz in unserer Nähe, in dem kleinen Muskau, nicht bloß ein schöner, verführerischer Park, ein dampfendes Alaunwerk und ein schlammiges Moorbad, sondern auch ein gefährliches Labyrinth, ein flammender Herd und ein giftiger Brunnen des Pantheismus sich befindet. Gott stehe uns bei!“ – Wie zur Bestätigung lautet die anschließende Nachricht: „Fürst Pückler erhielt vom Könige der Franzosen die Dekoration als Kommandeur der Ehrenlegion.“

Die Rezension liefert eine Bestätigung dessen, was der Muskauer Schloßintendant Wolff 1819 ahnungsvoll niederschrieb: „8. Novbr. Anzugspredigt, des Hofprediger Petricks – Ein Neologe ganzen Sinnes – deßen Lehren viel Schaden und den Nichtfestgegründeten Gläubigen verwirren wird.“ Zu Petrick findet sich des weiteren bei Wolff:
12. Sept. [1809] Verlobungstag der Comtes Clementine v. Pückler mit dem H. Grafen Hans Carl Ludwig Fabian Gr. zu Kospoth. [...] Abends war Theater – Ein Allegorisches Vorspiel von den Cand. Petrick – und Cervantes Gemählde – welches gut von Statten gieng – die Schauspieler waren zur Abendtafel.
15. July. [1822] Kam der Standes Herr als Fürst von Mußkau an. Ihm bezeugten Abends mit einem Fackelaufzuge alle honoratiores aus Mußkau Ihre Huldigung - 2 Mareschale 4 Cavaliers d’honneur an ihrer Spitze (wovon ich einer war). Der Hofprediger Petrick ward zum Sprecher erkohren, blieb aber in seiner Rede stecken. Der Fürst nahm das ganze sehr freudig und gnädig auf und blieb nicht in seiner Beantwortung – auf eine nicht gehaltene Rede stecken.
1826. 19. Jan. starb der so lange wahnsinnig gewesene Hofprediger Petrick, hinterlies eine Wittwe und Kinder
Merkwürdig dagegen die Notiz „31. Octbr. [1806] war die Ordination des Hofpredigers Petrick.“ in den „Aufzeichnungen eines Ungenannten“.
Der im Neuen Lausitzischen Magazin 1826 veröffentlichte Nachruf der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften faßt zusammen: „Am 20. Jan. l.[etzten] J.[ahres] Abends starb zu Muskau Hr. Johann Gottfried Petrick, Hofprediger, Substitut des Superintendenten und vormaliger Consistorial-Assessor. Er war geboren zu Muskau 1781 den 20. März, wo sein Vater, Paul Petrick, damals herrschaftlicher Bauvoigt war. Nach hier erhaltenem Unterrichte kam er, 14 Jahre alt, nach Sorau auf die Schule, konnte aber von seinen armen Aeltern nur 1 Jahr dort erhalten werden, worauf er 5 Jahre lang der Musik oblag, dann wieder auf die Schule nach Sorau ging und nach einem zweijährigen Aufenthalte daselbst die Universität Leipzig bezog, wo er 6 Jahre den theologischen und philosophischen Forschungen oblag. Im J. 1810 wurde er, nach bestandenem Examen, zu Schönberg als Diakonus angestellt, wo er den 3ten Advent seine Anzugspredigt hielt; verheurathete sich 1811 mit der jüngsten Tochter des dasigen Hrn. Past. und Oberpfarrer M. Überschaar und zeugte mit ihr 7 Kinder, wovon aber eins starb. 1819 wurde er nach Muskau als Hofprediger und Substitut des Superintendenten berufen, auch wurde er Beisitzer des damaligen Consistorii. Er besaß keine gemeine Geistesgaben, nur fehlte es ihm an den nöthigen Schulkenntnissen und überhaupt an gründlicher theologischer Gelehrsamkeit; daher er denn, bei seinem feurigen Geiste, auf viele excentrische Behauptungen verfiel, die er mit vieler Beredtsamkeit (wie er denn nicht gemeine Rednergaben besaß), doch nicht immer mit der der Kanzel gebührenden Würde, seinen Gemeinden sowohl in Schönberg, als in Muskau vortrug und sich deshalb, da seine Vorträge, besonders in Schönberg, großes Aufsehen erregten und die gemüter verwirrten, sogar im J. 1818 vor das Consistorium zu Breslau stellen und von demselben in die gehörigen Schranken verwiesen werden mußte. Das meiste Aufsehen erregte seine Reformationspredigt, die im Jahre 1818 zu Lauban erschien, wovon sich im N. Laus. Magaz. II. Bd. 96 S. ff. eine gerechte Würdigung findet; und es scheint, als sey ihm das Reformationsfest eine Veranlassung geworden, über das Christenthum ernsthafter nachzudenken und seine dadurch gewonnenen Ueberzeugungen und unreifen Meinungen alsbald seiner Gemeinde vorzutragen – vielleicht wohl gar ein neuer Reformator zu werden, was andere in dieser Zeit abgefaßten schriftlichen Aufsätze, die er in Druck geben wollte, welche aber keinen Verleger fanden, zu bestätigen scheinen. Indeß hat wohl auch sein Körper einen großen Antheil an seinem excentrischen Thun und Treiben gehabt; denn ein Herzpolyp, wie die Section zeigte, verursachte ihm in den letzten Jahren häufig die größte Unruhe und heftigsten Schmerzen, und wurde nebst anderen organischen Fehlern die Ursache monatlicher schwerer Leiden und der Abzehrung, die seinen Tod beförderte. Er starb, wie schon erwähnt worden, d. 20. Jan. l. J. Abends gegen 9 Uhr, 18 Stunden früher als sein Senior (der Superintendent Vogel, den er hatte ablösen sollen), 43 J. 10 Mon. alt. Außer gedachter Ref. Pr. hat er noch zwei andere Predigten nach seinem Abgange von Schönberg drucken lassen.“7
Der Nachruf verschweigt allerdings, daß Petrick der außereheliche Sohn Erdmann von Pücklers war, der damit für einen Halbbruder Hermanns gesorgt hatte, wie denn auch später noch (genau 1800) der Großvater für einen jüngeren Onkel. (Der dann, zu allem Überfluß resp. Pücklerschem Glück, auch noch Erbe des Pücklerschen Vermögens wurde). In Schefers Novelle Die Osternacht finden sich die Ereignisse jener Zeit verschlüsselt wieder. Dessen Novelle Die Deportierten enthält ein anschauliches Bild des gräflichen Kuckuckskindes:
„Ein sehr schöner, hoher, hagerer Man mit schwarzem kurzen Haar, schwarzen glühenden Augen und länglichem edlen feinen Napoleonfarbigem Gesicht; ein Napoleon an Freimuth und Kraft und durchdringendem Verstand, mein unvergeßlicher Patrick, redlich und offen, furchtlos und kindgut, wie kaum ein Mensch jemals wo und mehr in der Welt. Jeder König hätte Muth bedurft ihn zu hören, ja jeder Geistliche; den allergrößten Muth aber hätte der Papst zu einem öffentlichen Colloquio mit ihm bedurft. Denn er, nämlich, versteht sich Patrick, leuchtete ganz vom Geiste der Wahrheit und brannte freileuchtend, wie ein großes stilles Gestirn – am nächtlichen Himmel. Und mir war er – Freund.“
Häufige gemeinsame Unternehmungen hielt Leopold Schefer in seinen Tagebüchern fest, so zum Beispiel im Frühjahr 1809, als er schrieb: „Ich hatte damals meine Harmonika; Petrick war fast immer bei mir, er schrieb sein Trauerspiel: des Dichters Liebe; und machte viele Gedichte auf mich.“8
In der Regestausgabe der Briefe an Goethe wird ein Brief beschrieben, der Petricks schriftstellerische Ambitionen bezeugt. Der Brief ist datiert „1808 Mai 12“, und lautet in der Zusammenfassung: „Leipzig/ Beschwerde über H. Becker, der im vorigen Sommer, als das Weimarer Theaterensemble in Leipzig war, von P. ein Trauerspiel angenommen und versprochen hatte, es der Direktion vorzulegen und P. über dessen Schicksal zu benachrichtigen. Nach mehreren Monaten habe P. ihm zweimal geschrieben, aber keine Antwort erhalten.“9 Daß es sich bei dem Briefschreiber tatsächlich um „unseren“ Petrick handelte, belegen die dazu gehörenden biographischen Notizen: „Petrick, Johann Gottfried (1781-1826), Schriftsteller, Theologe, 1802 Jura- und 1807 Theologiestudent in Leipzig, 1810 Diakon in Schönberg bei Görlitz, 1819 Hofprediger in Muskau.“ Bei dem genannten „H. Becker“ handelte es sich um Johann Heinrich Christian Ludwig von Blumenthal (1764-1822), Schauspieler in Weimar von 1791 bis 1809 und wieder von 1818 an. Welches Stück Petrick ihm anvertraute, ob es vielleicht eine frühe Fassung jener „Dichterliebe“ war, läßt sich nicht mehr rekonstruieren. Etwas ähnliches könnte es durchaus gewesen sein, denn Petrick gehörte nicht nur zum engeren Freundeskreis Schefers, sondern auch zu seinen Konkurrenten im Wettbewerb um die Gunst der Komtesse Agnes von Pückler.
Zu den mehr oder weniger jungen Männern, denen die hübsche Agnes von Pückler den Kopf verdreht und die Sinne verwirrt hatte, gehörten nicht weniger als vier Theologen: Petrick; der zu diesem Zeitpunkt bereits etwas angejahrte Kantor, „Musikdirektor“ und Kollege Tamms an der Muskauer Stadtschule, Ernst August Gottlob Zier; Christian Immanuel Seidel, als Rektor der Stadtschule der Nachfolger Tamms (nicht zu verwechseln, auch nicht verwandt, mit dem Hofgerichtsassessor und „Muntermacher“ Heinrich Seidel), sowie der uns bereits bekannte Dichter des „Herbstliedes“ Johann Wehlam. Ob auch der seit 1800 in Kiel lebende und verheiratete Schöpfer der Holsteinhymne Carl Gottlob Bellmann dazu zählte (wie Bettina und Lars Clausen meinten), sei dahingestellt. Einziger offizieller, aber erfolgloser Bewerber um die Hand des gräflichen Kindes war der Freiherr Christian Gottlob von Houwald (1781-1837), Bruder des in Straupitz (Spreewald) geborenen und in Lübben begrabenen Dichters Ernst Christoph Freiherr von Houwald.
Ein charmantes Gedicht Johann Wehlams, das seine Entstehung dieser Konkurrenz verdankt, sei dem Artikel „Herbstlied“ hiermit nachgetragen. Es zierte – zu Schefers Ärger – einst den winzigen Grabhügel des verstorbenen Kanarienvogels der Umworbenen:
Unter Philomenens Klagetönen
ruht ein Sänger hier in leichtem Sand
Und die Rosen die den Hügel krönen
weiht dem Liebling einer Göttin Hand
Nahe still, und lege, Freund des Schönen
frische Blumen auf des Hügels Rand.
10
Nicht ganz ohne Hintersinn dürfte daher auch der Brief Schefers an Petrick gewesen sein, in dem er seinen Jubel über die erste Nacht mit Agnes an die Welt sandte.
„Mein Glück ist jezt ohne Grenzen! Ich gehe auf den Gipfeln der Leidenschaft wie auf Felsenspitzen über Wollustmeeren – wenn ich auch hinabsänke!
O Freund, du bist der einzige der wissen darf, so wisse: Sie ist mein.
Das sind drey Worte, daß die Sterne sich neigen möchten.
Ich umschlinge sie, ich küsse sie, ich liege zu ihren Füßen, sie zittert sie bebt, und ist todtenblass geist mässig [...]
kurz alle Wuth alle Gluth hat freyen Lauf. Dabei alles so verborgen, so zart, ach so eigen seelig und schmerzlich! Trotz der kalten mondhellen Nächte schweif’ ich draußen oft bis gegen Morgen umher. Nur du kennst mich – wie sonst vor Unglück halbtodt, so lieg’ ich schmachten schlagen weinen wüthen vor Glück. Wie sie es nennen mag – keine Liebe kann mehr begehren, mehr anderes geben. In ihren lezten theuern Zeilen lag eine schwarze volle göttliche Lokke:
‚Für meinen Freund! – ’ Als grotesken Scherz schikke ich dir, des Teufels, ein Flaumfederlein, das noch in ihrer schwarzen Haarschleife war. Endlich ein lang Bedauerter, bin ich ein Beneideter. Aber von der Lokke kann ich nichts geben nichts abschneiden, sie hat sie so schön geschlungen.
Es ist jezt großer Wirrwarr auf dem Schlosse [...]
O Freund, sie weint jezt viel, sie ist so schmachtend blass.
Nun Gott seegne dich, schreibe mir bald, laß mich nicht ohne Trost im Glück, ich habe niemanden – und mir erstickt fast in Wonne die Seele.“
11

Ein vorbehaltloser Freundschaftsdienst hingegen war die Herausgabe der nachgelassenen Schriften Petricks, wie ein mit handschriftlichen Marginalien und einer Widmung Schefers versehenes, in der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften in Görlitz aufbewahrtes Exemplar verrät: „Petricks/ aus Muskau/ Werke./ Zur Bibliothek der Oberlausitzer/ Gelehrten-Gesellschaft,/ durch/ Leopold Schefer. Weiter habe ich zum Besten seiner Frau und Kinder, bis jetzt herausgegeben:/ P. Predigten/ und Das Mittelpunkt-Leben./ die ich mit den weiteren noch einsenden werde, namentlich die Lebensbeschreibung dieses geniereichen, außerordentlich guten Mannes, meines unvergeßlichen Freundes, der an einer Exostose der Hirnschale und am Herzpolypen jammervoll starb. LS.“
Diese eingangs schon kurz zitierten Schriften, in die allerdings der falsche Vorname „Friedrich“ anstelle von „Gottfried“ eingedruckt wurde (siehe Anmerkung 3), widerlegen eindrucksvoll den im Nachruf behaupteten Mangel an „nöthigen Schulkenntnissen und überhaupt an gründlicher theologischer Gelehrsamkeit“. Sechs Jahre, wenn auch unterbrochenes, Studium sprechen ebenfalls gegen eine solche Herabsetzung des Autors. Und so nennt denn auch sichtlich erstaunt der Theologe Johann Peter Lange Petricks Schriften ein geschlossenes System: „Dieses Werk hat ungeachtet des Titels ‚nachgelassene Schriften’ die bestimmteste Einheit; es enthält ein allseitig durchgeführtes und geschlossenes pantheistisches System.“12
Wie systematisch Petrick darin zu Werke ging, mögen zwei Auszüge aus Paragraphen veranschaulichen, mit denen Petrick den Grund für sein Gedankengebäude legte.
„§. 3. Richtiger Begriff von dem, was Glauben im engern Sinne sey. [Vorausgegangen: Falscher Begriff des religiösen Glaubens im engern Sinn.“] / „Glauben heißt ursprünglich nichts andres, als Führwahrhalten, von etwas überzeugt sein [...] Wo vom Führwahrhalten als Glauben die Rede ist, da ist von Gewißheit des Fürwahrgehaltenen, von einem Überzeugtsein, einem Gewißsein die Rede, wie auch die [h]ebräische Bedeutung des Wortes ausweist [...]“
„§. 4. Fortsetzung / Doch nicht jedes Gewißsein, nicht jede Überzeugung heißt streng genommen: Glaube. Ob es diesen Namen führen soll, kommt auf den Gegenstand an, worauf sich’s bezieht, und auf das Medium, wodurch es vermittelt wird, an. Mit Hinsicht auf das Medium, wodurch es vermittelt wird, den Grund, worauf es sich stützt, ist nun jedes Fürwahrhalten theils ein sinnliches, d. i. theils auf sinnliche Anschauung sich gründendes und durch dieselbe vermitteltes, so wie auf ein sinnliches Objekt sich beziehendes, theils ein übersinnliches, d. i. ein auf übersinnliche Anschauung sich gründendes, auf ein Übersinnliches sich beziehendes Fürwahrhalten. Das sinnliche ist nun theils wiederum theils ein sinnliches im engern Sinn, d. i. ein auf reine Sinnenanschauung gegründetes, theils ein sinnliches im weitern Sinn, d. i. ein auf sinnliche Verstandesanschauung gegründetes Fürwahrhalten, d. i. theils ein auf rein sinnliche Anschauung, theils auf eine übersinnliche, d. i. intellektuelle Anschauung des Objekts, d. i. des Übersinnlichen am sinnlichen Objekt gegründetes Fürwahrhalten. Die beiden Arten des sinnlichen Fürwahrhaltens nun konstituieren das Wissen, das Sinnenwissen, das Schauen und das Verstandeswissen, das Begreifen. So ist z. B. mein Fürwahrhalten des blauen Himmels nicht Glaube, weil es ein auf sinnliche Anschauung eines sinnlichen Objekts, d. i. ein auf sinnliche Anschauung im engern Sinn gegründetes Fürwahrhalten ist; so wie mein Fürwahrhalten, daß die Rose eine Blume, oder daß 2mal 2 = 4 sey, auch nicht Glaube genannt werden kann, weil sich dieses Fürwahrhalten ebenfalls auf einen Sinnenanschauung im weitern Sinn, d. i. auf intellektuelle, auf Verstandesanschauung eines sinnlichen Gegenstandes, d. i. auf Anschauung des Uebersinnlichen an ihm, gründet, sinnliche Erkenntnis ist.“ / [Es folgt: „Fortsetzung. Der religiöse Glaube ein philosophischer Weltglaube.“]13
Solcherart arbeitet sich Petrick Schritt für Schritt durch seinen Stoff. Weil ich das alte und zähe theologische Leder nun aber nicht um unbrauchbare Leisten schlagen und mich mit krummen Schuhen blamieren möchte, bleibe ich lieber bei den eigenen (Leisten) und beschränke mich auf einige allgemeine Feststellungen. Verstanden habe ich wohl, was Petrick (auf 553 Seiten) meinte und Lange (99 Seiten) oder andere Rezensenten (mindestens 8 Seiten) darüber schrieben, allein mir fehlt – leider – die Fähigkeit, es in geeigneter Form und vor allem einprägsam kurz wiederzugeben. (Hobby-) Theologen und Philosophen nutzen bitte meine Literaturhinweise. Ich kann ihnen versichern, daß die Beschäftigung damit überaus anregend ist, denn Petrick gehörte wie die im „Muskauer Dichterkreis“ nur namentlich genannten Carl Friedrich Bahrdt und Johann Adolph Dori zu den seltenen Menschen, die sich die Fähigkeit bewahrten, Alternativen zum ewig gleichen Trott von Krieg und Frieden zu denken, in denen sich die (Ur-) Menschen so lange bewegen werden, wie sie ihre besten Köpfe verleugnen und verleumden, verhungern lassen oder gleich umbringen.
Die konträren Möglichkeiten, mit Erkenntnissen zu verfahren, sind am Schluß des Artikels über Johann Gottlieb Fichte, der, anders als beispielsweise Andreas Tamm, das Theoretisieren dem Tätigwerden vorzog, bereits angedeutet. Petrick hatte sich ebenfalls dafür entschieden, möglichst hier „auf Erden schon das Himmelreich“ zu errichten und griff grundsätzliche Positionen der herrschenden Ideologie an. Skepsis gegenüber seinen fundamental religiösen Folgerungen ist durchaus angebracht, doch in ihrem Wollen sind sie wahrhaftig und von dem Glauben durchdrungen, Dinge, die schlecht sind, zum Guten wenden zu können.
Fortsetzung von „Über den Religionsunterricht“ (s. oben): „Vor allen Dingen / vergeßt nicht, daß die gesammte Bildung des Menschen überhaupt nichts anders seyn dürfe und solle, als – eine religiöse; der einzige, ausschließende höchste und letzte Zweck aller menschlichen Entwicklung und Ausbildung, aller Erziehung im Staate. Vergeßt also nicht, daß im weitesten Sinne des Worts aller Unterricht kein anderer seyn könne, dürfe und solle, als – Religionsunterricht. Aller Unterricht nun ist Religionsunterricht im weitesten Sinn, in wie fern er darauf hinarbeitet, die Welt- und Lebensanschauung des Menschen in’s Gebiet der Religion zu erheben und allmählig zu einer genialen, religiösen auszubilden. Auf dieser genial-religiösen Höhe steht die Welt- und Lebensanschauung des Menschen, wenn sich in derselben das Reale von Raum und Zeit als ein Göttliches, und zwar in der Kategorie eines durch sich selbst bedingten Unbedingten, als ein in Raum und Zeit sich selbst anschauendes Absolutes offenbart. Dies ist der Fall alsdann und der Mensch in Beziehung auf seine Welt- und Lebensanschauung ein Genie, wenn seine Welt- und Lebensanschauung Phantasie- und Vernunftanschauung im strengsten Sinn des Worts, das reale ihm in Beziehung auf Phantasie, Vernunft und Wille gegeben ist als absolute, d. i. als romantische Schönheit, als absolute Wahrheit, d. i. als absolute Substanz, und als absolute Güte, d. i. als ein poetisches, philosophisches und moralisches Absolutes, d. i. als ein Göttliches im erhabensten Sinne des Wortes.“14
Und wenn Fichte in Der geschlossene Handelsstaat äußert: „[...] Ohne die allgemeinen väterlichen und wohlthätigen Gesinnungen so vieler Regierungen gegen ihre Unterthanen im mindesten herabzusetzen, lässt sich dennoch annehmen, dass sie [...] mehr auf die Erhaltung oder Erhöhung der zu ziehenden Abgaben, und vermittelst derselben, auf ihre kriegerische Macht gegen andere Staaten gesehen haben, als auf die Sicherung des Zustandes ihrer Unterthanen [...]“15 so erinnert das bei aller Verschiedenheit der Charaktere Fichtes und Petricks doch durchaus an künftige Entwicklungen, die beide vorweg dachten:
„Sagt, was ist jener Zweck, was der Zweck aller der ungeheuren Anstrengungen, zu welchen ihr den Staat zwingt, was der Zweck der schmerzlichen Lasten, die ihr ihm auflegt? Ein rein unchristlicher ist er; ich sage es laut und danke Gott, daß ich den Muth dazu habe, denn es ist kein anderer als: Die Staatskräfte zunächst nur eigennützig, selbstsüchtig in Anspruch zu nehmen – für was? – Für die Sicherheit des Thrones. Zu Trabanten, Legionen machten von jeher gewöhnliche Regenten ihre Völker, stellten sie bewaffnet um den Thron, daß er bei heiler Haut verbleibe. [...] Gingen die gekrönten Stellvertreter Gottes, der höchsten Weisheit und Liebe, mit dem Staate, dem sie vorstehen sollten, je anders um, als wie mit einem Domino, mit einer Kuh, die sie mit Butter und am Ende mit ihrem eigenen Fell versorgte? [...] Der glänzende Rock war euch näher als das zerlumpte Hemd, näher als die zerfleischte Blöße darunter. Soll es euch im neunzehnten Jahrhundert als Christen erst noch gesagt werden müssen, daß der Staat nicht das Eigenthum der Könige sey, sondern umgekehrt sie das Eigenthum der Staaten, wie Friedrich der Große selbst äußert? [...] Soll es euch noch gesagt werden [...] daß alles Recht, den Thron zu behaupten nicht durch die fortgeerbte Thatsache des Besitzes, sondern nur durch die Kraft, regieren zu können, so wie durch die fortdauernde und beständige Geneigtheit, es zu wollen, am sichersten begründet und am unumstößlichsten befestigt werden kann?“16
Welcher Art die Diskussionen gewesen sein mögen, an denen der bedacht abwägende Schefer, der unbekümmert spottende Pückler und der „freileuchtend brennende“ Petrick teilnahmen, läßt sich anhand dieser Auszüge in etwa erahnen. Daß Petrick (nicht nur) den Kleingeistern der Provinz ein Ärgernis war, ist nur zu verständlich. Folgerichtig hat man ihn möglichst schnell vergessen ...
(14.04.2010.)
Anmerkungen
1 Anonym in: Neues Lausitzisches Magazin. [...] Zweiter Band, erstes Heft. [...] Görlitz 1823; S. 96-101.
2 Predigt/ zur/ Jubelfeier des Reformationsfestes/ ueber/ Roem. 13. V. 12./ von/ Johann Gottfried Petrick/ Diaconus an der Kirche zu Schönberg./ 1817. OLBdW Th.X.566.
3 Hier: Johann Friedrich [Friedrich hs. korrigiert in: Gottfried] Petrick’s/ weiland Superintendenten, Consistorial-Assessors und Fürstl. Pückler-Muskau’schen Hofpredigers/ nachgelassene/ Schriften./ (3 Bde. in 1) Stuttgart: 1834. Hallberger’sche Verlagshandlung. OLBdW Th.X.622.
4 Petrick, Schriften, Dritter Theil, S. 56.
5 Anonym, NLM 1823, S. 97.
6 Heinrich Heines Sämtliche Werke. Hrsg. Ernst Elster [...] 7 Bde. Leipzig und Wien: Bibliographisches Institut o. J. (um 1890); Bd. 4, S. 230f.
7 Nekrolog in: Neues Lausitzisches Magazin. [...] Fünfter Band, erstes Heft. Görlitz 1826, S. 114f. Im Inhaltsverzeichnis: „Einige Nachrichten von der in Goerlitz lebenden Negerin, in der heil. Taufe Marie Friedericke Wilhelmine Djoppo genannt.“ Vom Herausgeber. (Johann Gotthelf Neumann, Diakonus an St. Pertri u. St. Pauli, Secretair der Oberl. Gesellsch. d. Wissenschaften und zahlreicher Gesellschaften Mitglied.)
8 Schefer, TB XXV:94.
9 Onlinedatenbanken der Klassik Stiftung Weimar. Briefe an Goethe. Gesamtausgabe in Regestform 1764–1817. Herausgegeben von der Klassik Stiftung Weimar Goethe- und Schiller-Archiv in Kooperation mit dem Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger. Regestnummer 5/906.
10 Nach Clausen/Clausen II:363.
11 Schefer, TB XXX:26.
12 Lange, Johann Peter: Rezension der nachgelassenen Schriften Petricks in: Vermischte Schriften. Dritter Band: Recensionen, Werke und Gegenstände der schönen Literatur betreffend. Meurs: Verlag der Rheinischen Schulbuchhandlung 1841; S. 135-177. Lange (1802-1884), ev. Theologe, war ein Anhänger Schleiermachers.
13 Petrick, Schriften, Erster Theil, S. 163f.
14 Ebd. S. 56f.
15 Fichte, Johann Gottlieb: „Der geschlossene Handelsstaat. Ein philosophischer Entwurf als Anhang zur Rechtslehre und Probe einer künftig zu liefernden Politik.“ In: Johann Gottlieb Fichtes sämmtliche Werke. Bd. 3. Berlin: Verlag von Veit & Comp. 1845/46; S. 465.
16 Petrick, Schriften, Dritter Theil, S. 96.
Kommentare zu diesem Artikel ansehen | Kommentar zu diesem Artikel verfassen