Der Muskauer Dichterkreis
Eine literarische Entdeckungsreise
Von Bernd-Ingo Friedrich

Photo © www.kunst-fuer-alle.de
Im letzten Viertel des 18. und ersten Viertel des 19. Jahrhunderts dichtete in Muskau vom Standesherrn bis hin zum Kaplan der mikroskopisch kleinen katholischen Gemeinde beinahe jedermann. Wer nicht dichtete, schrieb irgend etwas auf. Die obligatorischen Ausnahmen von der Regel stellten die älteren Grafen von Pückler dar. Muskau gehörte damit organisch zu jener Gegend deutscher Sprache, der man nachsagte, traditionell viele Schreiber (Vielschreiber) hervorgebracht zu haben. Die Oberlausitz hat jedoch nicht nur viele, sondern auch sehr originelle Schreiber und Denker hervorgebracht.
Namen wie Martin Opitz, die sogenannte „Schlesische Schule“, Christian Weise, Johann Christian Günther, Gotthold Ephraim Lessing, Johannes Wüsten, Erwin Strittmatter und Jurij Brĕzan sollen hier nur stellvertretend stehen, ebenso wie die mehr oder weniger einflußreicher und daher mehr oder weniger vergessener Denker wie Jakob Böhme, Carl Friedrich Bahrdt, Johann Adolph Dori oder Johann Gottlieb Fichte.
Der „Muskauer Dichterkreis“ wird hiermit als solcher definiert und sein Umfeld und seine Protagonisten werden nach bestem Wissen und Gewissen vorgestellt.

„Muskauer Dichterkreis“ meint einen Dichterkreis im weitesten Sinne, denn in Muskau (heute mit „Bad“) fand ein mit den Weimarer Verhältnissen zur Goethezeit durchaus vergleichbares, intensives, generationen- und ständeübergreifendes, gegenseitiges geistiges Befruchten statt, dessen früheste Belege in die Callenberg-Zeit um die Mitte des 18. Jahrhunderts reichen, und das seine reichsten Früchte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter dem Grafen bzw. Fürsten Hermann von Pückler-Muskau trug. Weil die Literatur im Mittelpunkt steht, ist die Rangfolge hierbei eine andere als bei den üblichen, pücklerzentrierten Darstellungen: Hier gebührt Leopold Schefer der erste Platz, es folgen die ihm Nahestehenden, und Hermann von Pückler, der erst 1830 als Schriftsteller hervortrat, erhält die „Schlußlaterne“.
Von prägendem Einfluß auf Schefer wie Pückler – und deshalb umfänglich vorgestellt – war der Merseburger Pfarrerssohn Johann Andreas Tamm (Jurist, Hofmeister Pücklers, Lehrer Schefers, Rektor der Muskauer Stadtschule); der Rammenauer Philosoph Johann Gottlieb Fichte nahm indirekt Einfluß auf Schefers geistige Ausbildung.
Der gänzlich amusische Schloßsekretär, unter Pückler Schloßintendant, Ludewig Traugott Heinrich Wolff nimmt innerhalb des Ganzen eine Schlüsselposition ein. In seinen Aufzeichnungen finden sich wichtige Datierungen sowie eine Vielzahl Personen, die nur zum eigenen Vergnügen schrieb, dichtete und komponierte. Ihre Werke, die anläßlich der zahlreichen Feiern und „Feten“ im Schloß, auf dem Liebhabertheater und im Freien aufgeführt wurden, sind leider nur zu einem verschwindend geringen Teil überliefert. Sie stammten zumeist von den Standesherrschaften selbst, von Johann Wehlam (dem Hofmeister und späteren Pfarrer von Schleife), dem Hofrat Röhde, dem Kantor Zier, dem Archidiakon Langner und dem heute gänzlich unbekannten, aber sehr bemerkenswerten Johann Gottfried Petrick (Hofprediger und designierter Nachfolger des Superintendenten Vogel), der seiner aufrührerischen Predigten wegen vor das Breslauer Konsistorium zitiert wurde und darüber hinaus wohl nur unangefochten blieb, weil Hermann von Pückler seine Hand schützend über ihn hielt. Leopold Schefers Namen aber sucht man unter den Gelegenheitsdichtern vergeblich.
Hinzu kommen die bei Schefer und/ oder Pückler erwähnten Schriftstellerkollegen: Der Saganer Carl Weisflog, der Laubaner Heinrich Seidel und der Brandenburger Friedrich Heinrich Karl Freiherr de la Motte Fouqué. Der Sprottauer Heinrich Laube, der zwar seit Juli 1834 mit Pückler korrespondierte, ihn aber erst 1840, also nach seiner Festungshaft in Muskau kennenlernte, gehört ausnahmsweise dazu, weil er wichtige Details überliefert hat. Die „Gedichte von Agnes Gräfin von Pückler, jüngsten Schwester des Fürsten von Pückler-Muskau“ sind das charmante Highlight der lyrischen Abteilung.

Des weiteren treten auf: Der Cellist, Organist, Dirigent und Komponist Carl Gottlieb Bellmann, der Geiger, Kapellmeister und Komponist Franz Löbman und noch einmal der – als Komponist völlig unbekannte – Carl Weisflog, bei dem man sich wundern muß, daß er überhaupt in der MGG (Musik in Geschichte und Gegenwart) steht, denn Kompositionen von ihm sind in der Literatur zwar erwähnt, bislang jedoch nicht bekannt geworden. (14.08.2011: überholt, siehe „Eine Materialsammlung“.) Der „komponierende Adlige“ Louis von Schelcher ist ein Phänomen, besser gesagt: ein Phantom, über das rein gar nichts bekannt ist außer dem, was Leopold Schefers Nachlaß zu entnehmen ist. Ihm ist dennoch ein eigenes Kapitel gewidmet, denn vielleicht findet sich dadurch ja doch noch irgend ein Hinweis, der das Geheimnis um seine Person lüften hilft. Weitere Artikel, die eigentlich mit hierher gehörten, aber aus systematischen Gründen anders eingeordnet sind, wie beispielsweise über die Callenberg-Pückler-Bibliothek, die viele der genannten Muskauer benutzt haben, sind weiter unten oder im Text verlinkt. – Plötzlich und unerwartet hinzugekommen: Signore Carlo Concialini. – Im Juli 2011 hinzugefügt: Zwei Dichtungen von Friedrich Gotthelf Jäsrich. (Link zur Nummer 1 und Link zur Nummer 2.) – Die Autobiographie des frühen „Prekariers“ wird auf der Webseite www.kulturpixel.de vorgestellt.
Ein eventuell noch zu schreibender Artikel sollte sich mit der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften und ihrer Bibliothek befassen (inzwischen präsent), denn, wie in der Biographie Andreas Tamms aufgezählt, sind viele Muskauer Gelehrte ihre Mitglieder gewesen. Zu ihnen zählte der in Leipzig lehrende Professor der Kameralwissenschaften und Ökonomie Nathanael Gottfried Leske, ein gebürtiger Muskauer, der als einer der ersten Deutschen überhaupt offen Stellung gegen die Leibeigenschaft bezog. Seine Reise durch Sachsen ist für Muskau ebenso grundlegend wie Wolffs Aufzeichnungen oder Muskau – Standesherrschaft zwischen Spree und Neiße, erster Teil, von Willi A. Boelcke. (Leske erhielt das Magisterdiplom der Universität Leipzig übrigens für ein „Verzeichnis der bei Leipzig lebenden Fische“ ...)
Last not least enthält der „Dichterkreis“ Novitäten und Korrekturen, die sich aus intensiver Forschung vor Ort (der einzigen, die den Namen „Forschung“ überhaupt verdient), also in und um Bad Muskau des öfteren ergeben haben. Hinterfragenswerte Darstellungen werden in den Artikeln über Carl Weisflog und Heinrich Laube benannt, der unsägliche Artikel „Leopold Schefer“ in der NDB (Neuen Deutschen Biographie) wurde an anderer Stelle bereits unter die Lupe genommen. Zu nennen wären hier auch die „populären Werke“ von Heinz Ohff, Eckart Kleßmann und anderen, die sich nach 1989 schleunigst die Rosinen aus dem kleinen Muskauer Kuchen holten und gründlich verdarben. –
Außer einer mißglückten Machbuba-Novelle und einer mehr als knappen Pücklerminiatur hat Eckart Kleßmann zum Beispiel auf dem Gewissen: Universitätsmamsellen, Napoleon und die Deutschen, (S)Eine Kindheit 1933–1945, Gestalten aus fünf Jahrhunderten, ein Charakterbild Napoleons, Casanova und sein Zeitalter, Barthold Hinrich Brockes, Die Geschichte des Bankhauses M.M. Warburg & CO 1798-1998, Die Lebensgeschichte des Matthias Claudius, Ein Capriccio, Christiane Goethe, Die Mendelssohns, E.T.A. Hoffmann, Caroline Michaelis-Böhmer-Schlegel-Schelling, Prinz Louis Ferdinand v. Preußen, Deutsche Romantik, Die Welt der Romantik, noch einmal Napoleon (Lebensbilder), Hamburg/ Bildband, Hamburg/ Geschichte, Hamburg/ Weihnachtsbuch, Der Blumenfreund Georg Philipp Telemann, Telemann in Hamburg, Auf Goethes Spuren, Archäologische Funde in Deutschland, Befreiungskriege, Deutschland unter Napoleon und Napoleons Rußlandfeldzug (Stand Januar 2010). Er war außerdem 15 mal als Herausgeber tätig, hat 6 Bände Lyrik erdichtet, 2 Übersetzungen angefertigt und 3 mal „Sonstiges“ veröffentlicht. Die Liste zeugt von gewaltigem Fleiß, doch wenn man dagegen hält, daß Arno Schmidt sich jahrelang mit einer einzigen Biographie beschäftigte und abschließend meinte, sie als „biographischen Versuch“ bezeichnen zu müssen, kann man sich leicht denken, wie Kleßmanns Bücher beschaffen sind. Von Heinz Ohffs Bestseller Der grüne Fürst gar – siehe „Fürst Pückler und die Frauen“ – schweigt man besser. –
Die einzige, auch weitreichend angelegte Arbeit zu den Muskauer Verhältnissen innerhalb des oben umrissenen Zeitraums, die objektiven Kriterien standhält, ist die Leopold-Schefer-Sozio-Biographie von Bettina und Lars Clausen. Sie hält nicht nur stand, sondern hätte wegweisend auch für die Pücklerforschung sein können, doch „die Zeitläufte“ haben das leider verhindert.
Zu guter Letzt noch einige ergänzende Links:
Auf der Hauptseite „kulturpixel.de“ sind das
Ein alter Mann, dem der Kopf durch die Haare wächst
Leopold Schefer in Bautzen
Leopold Schefer und die Sorben
Leopold Schefer als Ökonom
Die Leopold-Schefer-Villa in Bad Muskau
Leopold Schefer und der berühmte Portraitmaler Hermann Hadank aus Hoyerswerda
Ein Leopold-Schefer-Porträt aus dem Photographischen Atelier M. Ackermann, Görlitz
Alfred Brehm und das Laienbrevier von Leopold Schefer
Leopold Schefer und Japan?
Bibliophilie anno Toback
Leopold Schefers Osternacht
Die Emancipation der Pferde
sowie drei wiederentdeckte Gedichte von Leopold Schefer
Liebe auf dem Berge
Das Haus des Lebens
Kleine Nänie an die Sonne
Auf „Fürst Pückler-Muskau“ sind es
Hermann Fürst von Pückler-Muskau als Schriftsteller in Ägypten, von Peter Milan Jahn
Die Bäder zu Muskau oder: Die Quellnymphe, von Carl Weisflog
Die Bibliothek des Fürsten Pückler
Les 4 Livres de Froissart Chronique de France
Unter der Überschrift „Das Fürst-Pückler-Kochbuch“ verbirgt sich eine spezielle Kulturgeschichte des Kochen und Tafelns in 12 Kapiteln
sowie eine gründliche Aufklärung über das Original Fürst-Pückler-Eis.
Weiter geht es mit dem Dichterkreis: „Das Umfeld“.
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