Ein Seegen dem Volk!
Scenen zu Tableaux für den Staats-Canzler
Von Heinrich Seidel
Im Juli 1821 fügte der Muskauer Schloßintendant Wolff seinen Aufzeichnungen hinzu:
7. July. Kam der Herr Staats Kanzler, Fürst Hardenberg – /:Vater der Frau Gräfin:/ zum Besuch hier an.
8. – sollene Presendation aller Beamten und Honoratioren. Stern- und Scheibenschießen beym Englischen Hause. BauernhochzeitsAufzüge
9. große Tafel
10. – Illumination der Stollen des Allaunbergwercks
11. – aufm Jagdhause – große Jagd Abends Schauspiel und figürlicher Prolog
12. Abreise des Herrn StaatsKanzlers nebst Gefolge:
Die Fürstlich Carolathsche Herrschaft waren hier und alle benachbarthen Landwirthe machten ihre Aufwartungen

Dazu meldete das Muskauer Wochenblatt. Nr. 13. Donnerstags den 26. July 1821.
Redacteur und Verleger: J. G. Nendel in Görlitz.
Aus Muskau.
Fortsetzung des im vorigen Stück abgebrochenen Articels über die Feyerlichkeiten bey Anwesenheit Sr. Durchlaucht des Herrn Staats-Canzlers Fürsten von Hardenberg.
Den 11ten July Vormittags um 11 Uhr geruhten Sr. Durchlaucht die Salutation der hiesigen sehr wohl und anständig uniformirten von dem Herrn Major Hilke musterhaft geleiteten Schützengilde anzunehmen. Nachher begaben sich die hohen Herrschaften auf das 3 Stunden von hier entfernte neu eingerichtete und geschmackvoll meublirte Jagdschloß, von da zu einer veranstalteten Jagd und dahin zurück zur Tafel. Abends hatten in dem hiesigen herrschaftlichen zu diesem Tage besonders geschmückten Theater mehrere sogenannte Tableaux statt, deren Erfindung und reizende Ausführung wir dem talentvollen Herrn Hofgerichts-Assessor Seidel verdankten.
[Siehe auch Osternacht, Riesengarde.]
Nachstehender Text, den wir als eine holde und geistreiche Arbeit ebendesselben Herrn Assessors mit Vergnügen mittheilen, erklärt die Tableaux hinlänglich. Die Hauptrolle der cumäischen Sibylle dabey hatte die geliebte Pflegetochter Ihre Erlaucht der Frau Gräfin von Pückler-Muskau, Comtesse Helmine zu übernehmen die Gewogenheit gehabt und gab sie mit gewohntem Anstande und Sinnigkeit. Die übrigen Personen wurden von sehr angenehmen Damen, jungen Männern und Kindern vorgestellt.
Scene.
Unterirdische Grotte. Einzelne Harmonien ertönen und verklingen und verklingen allmählig in der Ferne.
Die Sibylle sitzt vor einem Steine, und lies’t aufmerksam in einem Buche, welches von einer Lampe beleuchtet wird. Neben der Lampe Glocke und Hammer.
[Siehe auch Brenning, der „angebrannte Schefer“.]
Sibylle – (sich aufrichtend.)
Schon hallen sie leiser
Und ferner die Klänge –
Kühl streifet der Lufthauch
Die brennende Wange –
Und wo sich am Ausgang
Die Felsen dort spalten,
Blickt schüchtern die Botin
Des störenden Tages
Blickt spähend die Frühe
Des Morgens herein! –
So endet nun wieder
Süßlohnende Arbeit!
Wenn Andre beginnen
Beschließ’ ich mein Werk!
Denn nicht auf der Tage
Sonnenhellen Gefilden
Begegnet mir Kunde
Des fernen Geschicks.
Es tönt nur aus Tiefen
Urheiliger Nächte
Dem lauschenden Ohre
Das Wort der Belehrung;
Es hellt nur bey Stralen
Entlegner Gestirne
Dem forschenden Blicke
Das dunkle Geheimniß
Der Erde sich auf! –
(Das Buch schließend.)
Lebt wohl dann, ihr theuern
Ihr heiligen Schätze!
Wann wieder der Abend
Den bräunlichen Fittig
Auf schlummernde decket,
Begrüß’ ich mit wachem
Mit sehnlichem Auge
Euch Einsame wieder,
Und schöpf’ aus der tiefen
Verborgenen Quelle
Mir Tropfen der Weisheit,
Mir – Perlen der Glücks! –
(Im Begriff die Lampe auszulöschen,
man hört Tritte.)
Horch! regt sich’s nicht draußen?
Es dröhnet – wie Tritte
Des Mannes – es naht sich! –
Wer wagt es zu stören
Die Stunden der Weihe? –
Wer drängt sich – ein Fremdling –
Feindselig hier ein? –
O schirmt mich, ihr nahen,
Mir günstigen Mächte!
O nehmt eure Halle
Vor Frevel in Schutz!
(Sie schlägt mit dem Hammer auf den Stein.
Donner antwortet aus den Klüften.)
Ein Jüngling (tritt ein.)
Jüngling
So find’ ich Dich endlich
Du ernste – Du hehre
Weissagende Jungfrau? –
Im Dunkel verbirgst Du
In schaurigen Klüften –
Die Gabe der Götter,
Des Wissens – des Schauens
Erhabene Kunst?
Sibylle.
Wohl ziemt zu verbergen,
Was viele verachten –
Die Flamme der Wahrheit,
Die Manchen versehrt!
Wem Klarheit willkommen,
Der strebt ihr entgegen,
Den halten nicht Berge
Noch Klüfte zurück!
Jüngling.
Ich ging, sie zu suchen,
Durch Nacht und durch Oede!
Nicht Waldstrom, noch Klippe,
Noch Dornenverheegung –
Nichts hemmte die Reise –
Nichts dämpfte den Drang!
Da – endlich – begrüßte
Durch Ritzen der Felskluft
Der Schimmer der Lampe
Den Pfadlos verirrten –
Und lockte – und führte
Mich lohnend an’s Ziel!
Sibylle.
Oft spiegeln die Träume
Dann Ziel und Gewährung
Wann schmerzliches Darben
Verschmachtende weckt! –
Jüngling.
Erfaß’ ich die Deutung?
Du könntest mit Strenge
Der durstigen Lippe
Erquickung versagen? –
Du stießest mich wieder
Vom leuchtenden Heerde –
Ungastlich in Stürme
Und Dunkel hinaus?
Sibylle.
Bevor ich gewähre
Bevor ich versage –
Laß – Jüngling – vernehmen:
Was forschet Dein Sinn? –
Nicht jeglichem Räthsel
Ist Lösung beschieden;
Nicht jeglicher Bitte
Sind gaben bereit!
Jüngling.
Mich schreckt nicht, o Jungfrau,
So warnende Rede!
Es sproßt mein Begehren
Aus löblichem Keime –
Vernimm es und werde
Den Wünschen geneigt!
Eins tracht’ ich zu wissen:
Wo steiget der Gipfel
Des männlichen Wirkens –
Wo raget die Höhe
Unsterblichen Ruhmes –
Wo hebt sich die Spitze
Des Daseyns empor? –
[...]

[Die erwartungsgemäß sibyllinische Antwort läßt einige Zeit auf sich warten.
Vier Tableaus und sechzehn Strophen lang heizt Sibylle Helmine die Spannung des Jünglings und des Publikums an,
um ihnen mit dem fünften Tableau endlich die lautere Wahrheit zu offenbaren.]
[...]
Sie giebt rasch das Zeichen – und es wird
das fünfte Tableaux sichtbar, in welchem
die Büste des Fürsten Staatskanzlers, von
Genien bekränzt, und von Gruppen von
Jungfrauen und Jünglingen verehrt, erscheint.
[...]
Jüngling.
(Auf die Büste deutend.)
[...]
Gelöst ist das Räthsel –
Dort steht sie, die Deutung
Alllesbar geschrieben.
Des Mannes Vollendung,
Das würdigste Streben –
Das vollste Gelingen
Sein Name spricht’s aus!
O strahlten noch lange
Im Lichte der Tage
Die freundlichen Züge!
O blieb Er noch lange.
Ein Kleinod den Seinen –
Ein Muster den Gleichen –
Ein Schlußstein dem Ganzen –
Ein Seegen dem Volk! –
(Der Vorhang fällt.)

Am 12. July früh um 7 Uhr reisten Sr. Durchlaucht der Herr Staats-Canzler Fürst von Hardenberg nebst Gefolge von hier directe nach Berlin zurück, sehr befriedigt von der herzlichen Aufnahme der Seinigen und mit der Zusage Dieselben öfter des Jahres mit seiner Gegenwart zu erfreuen.
(02.12.2009.)
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